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»Urban Gardening« (II)

Von Helmut Höge
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Ein alter Araber, der seit mehr als 40 Jahren in Chicago lebt, würde gerne in seinem Garten Kartoffeln pflanzen, aber er ist allein und alt und schwach. Sein Sohn studiert in Paris. Er schreibt eine E-Mail an ihn: »Lieber Achmed, ich bin sehr traurig, weil ich in meinem Garten keine Kartoffeln pflanzen kann. Ich bin sicher, wenn Du hier wärest, Du könntest mir helfen, und für mich den Garten umgraben. Ich liebe Dich. Dein Vater«. Am folgenden Tag erhält der alte Mann eine E-Mail: »Lieber Vater, bitte berühre nicht den Garten. Dort habe ich ›die Sache‹ versteckt. Ich liebe Dich auch. Achmed.« Um vier Uhr morgens kommen US Army, Marines, FBI und CIA zum Haus des alten Mannes. Sie graben den Garten um, suchen überall, aber finden nichts. Enttäuscht ziehen sie wieder ab. Am folgenden Tag erhält der alte Mann wieder eine E-Mail von seinem Sohn: »Lieber Vater, sicherlich ist jetzt Dein Garten komplett umgegraben, und Du kannst die Kartoffeln pflanzen. Mehr konnte ich nicht für Dich tun. Ich liebe Dich. Achmed.«

In New York wurden die meisten Gärten auf städtischem Grund und Boden angelegt – auf Brachflächen und Müllhalden, die Immobilienspekulanten links liegenließen. Elisabeth Meyer-Renschhausen, Privatdozentin an der Freien Universität Berlin, hat sich in den dortigen »Gemeinschaftsgärten« umgetan und darüber 2004 ein Buch veröffentlicht: »Unter dem Müll der Acker. Community Gardens in New York City«. Sie schreibt: »Es handelt sich dabei um eine neue soziale Bewegung.« Die noch dazu von Frauen dominiert wird. Ihre Vereinigung der Nachbarschaftsgärten zählt über 6.000 Projekte in 38 US-Städten.

Die Gärten in den Armenbezirken wie Harlem und der Bronx werden meist für den Gemüseanbau genutzt, bei anderen »steht das gemeinsame Handeln im Vordergrund«. Zwischen den Gärtnern und dem Staat vermitteln Organisationen wie Green Thumb, More Gardens und Green Guerillas: Sie kümmern sich einerseits um Pachtverträge, Zäune und frische Erde für die Kastenbeete, andererseits um die Vermarktung – zum Beispiel von Ökogemüse auf Bauernmärkten. Diese illegalen »Basare« werden geduldet, weil sie eine Art Sozialhilfezusatz bilden. Für den »Community Garden« in Midtown-Manhattan haben »weit über 4.000 Menschen« einen Schlüssel, es gibt dort »108 Gemüsebeetinhaber« und »56 Vogelarten«.

Das Land wurde der Stadt mit Spendengeldern quadratdezimeterweise abgekauft. »Alle sind sehr stolz auf ihren Garten.« Und jeder ist anders: In East New Yorks Garten »Euclid 500« etwa hält man nichts von individuellen Beeten und macht alles gemeinsam, die Ernte wird einer Suppenküche für Arme gespendet. »Erst durch unser Gärtnern hat sich die Gegend wieder in einen menschenwürdigen Wohnort verwandelt«, meint einer der Aktivisten. Doch diese Wohnumfeldverbesserung hat erneut die Spekulanten angezogen – denen sogleich eine Reihe »gut geführter Gärten« zum Opfer fielen.

Im Pleasant Village Community Garden von East Harlem teilen die Gärtnerinnen die Ernte unter sich auf. Als Meyer-Renschhausen dort aufkreuzte und mithalf, wurde gerade »eine Art Unkraut« geerntet, das zwischen den Tomatenpflanzen wuchs: Kreuzkümmel, den die Frauen als Gewürz für ihre Hühnereintöpfe verwendeten. In Central Harlem wird ein Garten nur von älteren Männern bewirtschaftet, die dort in langen Reihen Bohnen, Mais, Okras und sogar Baumwolle anbauen. Leider stellte ihnen die Stadt den Hydranten ab, von dem sie bisher – wie überall kostenlos – ihr Wasser bezogen. Den Ernteüberschuss schenken die Männer alten Leuten in der Nachbarschaft, deren Renten zu niedrig sind, um sich frische Lebensmittel leisten zu können. Die Autorin fragte sich dort: »Befinde ich mich wirklich im reichsten Land der Erde ... oder irgendwo in einem Teil der Dritten Welt?«

Anders in Kuba, dort werden die Stadtgärten staatlich gefördert – sie werden aber ebenfalls aus Not angelegt, eine Folge der US-Blockade. Der Berliner »Prinzessinnengarten«, der sich von den kubanischen Stadtgärten inspirieren ließ, ist dagegen mehr ein ökologisches Fortbildungs- und Freizeitprojekt. Er wurde er von der Bundeskulturstiftung und dem Haus der Kulturen der Welt als »Prototyp für die Zukunft« ausgezeichnet. Seine Gründer behaupten: »Wir sind eigentlich keine Gärtner, sondern Kuratoren.«

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