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Indien

Die Kraft der Bombe

Ein Teil der antikolonialen Bewegung setzte auf Gewalt gegen die britische Herrschaft in Indien. Bhagat Singh und Gandhi: Revolution versus Satyagraha

Von Melitta Waligora
Foto: Wikimedia Commons
Ein zum Kult gewordenes Foto, das in Indien so bekannt ist wie die berühmte Aufnahme von Che Guevara. Bhagat Singh im Jahr 1929

Alle Welt kennt Mohandas Karamchand Gandhi (1869–1948), genannt Mahatma – große Seele. Mit seinem Namen wird die Vorstellung verbunden, Indien habe sich gewaltlos von der britischen Kolonialherrschaft befreien können. Dafür wird er verehrt, über ihn wird gesprochen, geschrieben, es gibt einen weltweit bekannten monumentalen Film und vermutlich noch viele weitere. Denn man wollte (und will) so gern an ein Wunder glauben: das Wunder, eine schwerbewaffnete Macht und einen ihr dienenden Staatsapparat allein mit friedlichen Mitteln bekämpft und überwunden zu haben. Mit Liebe, mit gewaltlosem Ungehorsam, mit Boykott.

Es wäre so schön gewesen. So war es aber nicht, und vielleicht kann es so auch gar nicht sein. Der antikoloniale Freiheitskampf Indiens hatte verschiedene Facetten, die sich in ihren jeweiligen Methoden wie auch in den Vorstellungen darüber, was nach der Befreiung kommen soll, unterschieden. Letzteres hatte Einfluss darauf, wie der Kampf geführt wurde. Nur in der Gesamtheit aller antikolonialen Bewegungen und unter Hinzuziehung der weltpolitischen Situation nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es 1947, die staatliche Unabhängigkeit zu erringen. Zugleich erlebte der Subkontinent das Trauma der gewaltvollen Teilung, doch dies ist eine andere Geschichte.

Außerhalb Indiens kaum bekannt ist ein anderer Unabhängigkeitskämpfer: Bhagat Singh (1907–1931). Doch es gab eine Zeit, in der dieser Mann die Popularität Gandhis in Britisch-Indien übertraf. Er ist der prominenteste Revolutionär Indiens. Deshalb soll hier vor allem von ihm erzählt werden, auch wenn er eigentlich nur als Teil seiner revolutionären Gemeinschaft zu verstehen ist.

Es gibt ein zum Kult gewordenes Foto von ihm, das in Indien nahezu jeder kennt und das eine ähnlich symbolträchtige Bedeutung hat wie das berühmte Bild von Che Guevara. Allerdings tat und tut man sich bis heute schwer mit ihm und seiner Bewegung. Denn die Kolonialmacht – und auch Gandhi – hefteten ihm ein Label an, das dann oft von Zeitgenossen in der politischen Debatte übernommen wurde: Terrorismus. Damit wurde und wird ein grundlegender Gegensatz zwischen Bhagat Singh und Gandhi angenommen, dem auch einige Historiker kritiklos folgen.

Es ist richtig, beide vertreten gegensätzliche Positionen, aber wo genau liegen diese? War der Gegensatz unüberwindlich? Es gab immerhin den gemeinsamen Nenner des Antikolonialismus. Vermutlich sind sich beide nie begegnet, aber sie haben sich gelegentlich in Schriften mit den jeweiligen Zielen und Methoden des anderen auseinandergesetzt. Im Kern ging es immer um ein Thema: Gewalt.

Zwei Richtungen

1885 gründete ein kleiner Kreis national gesinnter Männer eine politische Organisation, den Indischen Nationalkongress (INK). Sie kamen aus eher gutsituierten, wohlhabenden Schichten, hatten englische Bildung genossen und waren oft Rechtsanwälte. Sie standen der britischen Krone loyal gegenüber und wollten auf konstitutionellem Weg eine bessere Beteiligung von Indern in der Verwaltung und Teilhabe am wirtschaftlichen Fortschritt erreichen. Sie schrieben Bittgesuche, formulierten Appelle, verhielten sich im Ganzen moderat. Die Organisation wuchs, doch die Erfolge dieser Politik blieben gering. Ein Teil der Mitglieder forderte bald nicht mehr nur Teilhabe, sondern die Unabhängigkeit. 1907 kam es auf einer Sitzung zu Tumulten und im Ergebnis zur Spaltung. Seitdem war die antikoloniale Bewegung grob in moderate und extreme Positionen geteilt. Gandhi hielt sich zu der Zeit in Südafrika auf, und Bhagat Singh wurde in diesem Jahr geboren.

Etwa zur selben Zeit formierte sich in der Provinz Bengalen weitergehender Widerstand. Junge Männer, vorwiegend Studenten, begannen mit der Propaganda des Wortes und, als dies ergebnislos blieb, ungeduldig mit der Propaganda der Tat gegen die Kolonialmacht zu kämpfen. Sie entwickelten Formen des passiven Widerstandes wie den Boykott englischer Waren und Bildungseinrichtungen und planten politische Attentate gegen besonders willkürlich und brutal agierende Kolonialbeamte. Ziel dieser Aktionen war es, in Vorbereitung auf eine anvisierte Revolution die Menschen zu mobilisieren, bei ihnen einen mentalen Wandel hervorzurufen und zu zeigen, dass die Kolonialmacht angreifbar und verwundbar ist. Die in Bengalen bis 1908 unternommenen acht Attentatsversuche wurden jedoch entweder abgebrochen oder misslangen. Viele der Revolutionäre wurden verhaftet und zu langen Gefängnisstrafen verurteilt. Aber nicht alle.

Der große Wurf gelang 1912 mit dem Attentatsversuch auf den Vizekönig Lord Hardinge, als er gerade auf einem Elefanten in die neue Hauptstadt Delhi einritt. Das Attentat misslang zwar, war aber dennoch ein deutliches Zeichen. Es wirkte unter anderem als Weckruf für viele der nach Nordamerika ausgewanderten Inder, überwiegend Sikhs aus dem Punjab. Sie gründeten eine Organisation und gaben die Zeitschrift Ghadar (Aufstand) heraus, die sich schnell unter den international vernetzten Sikh-Gemeinschaften verbreitete. Diese antikoloniale Bewegung führte ebenfalls den als Programm zu verstehenden Namen Ghadar.

Während des Ersten Weltkriegs sahen revolutionäre Gruppen die Chance für einen Aufstand gegen das kriegsgeschwächte Kolonialregime für gekommen. So kamen Anhänger der Ghadar-Bewegung zu Hunderten aus Nordamerika nach ­Britisch-Indien zurück oder sammelten sich in den Grenzregionen wie Siam. Der Aufstand sollte im Februar 1915 zunächst in den Provinzen Punjab und Bengalen stattfinden, und man bemühte sich um ausländische, vor allem deutsche, Unterstützung mit Geld und Waffen. Die Rebellion scheiterte aus mehreren Gründen. Die ausländische Waffenhilfe kam nicht an, dem Geheimdienst gelang es, in die Gruppen einzudringen, und trotz aller Bemühungen fehlte es an einer Verankerung in der Bevölkerung. Dennoch sah die Kolonialmacht in dem Aufstand die bedrohlichste aller Konspirationen während des Kriegs. Entsprechend hart fielen die Urteile in den nachfolgenden Prozessen aus. Die Anklage lautete, Krieg gegen den König geführt zu haben. Etliche wurden zu langen Haftstrafen in das Zellulargefängnis auf die Andamanen geschickt, wo bengalische Revolutionäre bereits seit 1909 einsaßen. Es gab Todesurteile, unter anderen gegen Kartar Singh, einen 19jährigen Ghadar-Kämpfer. Der damals achtjährige Bhagat Singh war von dem Mut des jungen Mannes beeindruckt. In seinem kurzen Leben trug er immer ein Foto von Kartar Singh bei sich und publizierte später seine Texte manchmal unter dessen Namen.

Seelenstärke gegen Schläge

Gandhi war im Jahr des Aufstands nach Britisch-Indien zurückgekehrt. Er rief seine Landsleute dazu auf, ihre Herrscher in einem rein imperialistischen Krieg zu unterstützen. Dies tat auch der INK in der Hoffnung, danach mit Reformen des Kolonialsystems belohnt zu werden. Es hatte auch vage Versprechungen der Regierung in dieser Richtung gegeben. Doch nichts dergleichen geschah, die Opfer an Menschen und Material für einen fernen Krieg zahlten sich nicht aus. Die Enttäuschung war entsprechend groß, auch die Wut. Es kam zu einer Radikalisierung weiter Kreise der Bevölkerung, die selbst Mitglieder des eher den konstitutionellen Weg bevorzugenden INK erfasste. In ganz Indien erhob sich Protest gegen die Kolonialpolitik, insbesondere im Punjab. In dieser Provinz gab die Kolonialmacht – unbeabsichtigt – den Startschuss für eine landesweite Protestbewegung unter der Führung von Gandhi.

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Am 13. April 1919 ließ ein Brigadegeneral in eine unbewaffnete Menge feuern, bis die Munition ausging, etwa 1.600 Schuss. Mehrere hundert Menschen wurden verletzt oder getötet. Das Massaker von Amritsar und die Tatsache, dass die Verantwortlichen ungeschoren davonkamen, wirkten als Katalysator auf den antikolonialen Kampf. Das brutale Vorgehen der Kolonialmacht weckte den Zorn der jungen Revolutionäre und prägte deren Denken und Handeln in den kommenden Jahren.

Gandhi begann 1920 seine Kampagne der Nichtzusammenarbeit mit dem Versprechen, die Unabhängigkeit Indiens in einem Jahr zu erreichen. Die trat zwar nicht ein, doch es formierte sich eine in der Breite bislang einmalige Bewegung aus allen Provinzen, den verschiedenen ethnischen und religiösen Gemeinschaften sowie sozialen Schichten des Landes. Zweifellos ist es eine bestechende Idee, durch absolute Verweigerung der Kooperation mit der Macht diese lahmzulegen. Dies wurde schon mehrmals versucht. Doch Gandhi wollte mehr. Im Kampf gegen die Diskriminierung der indischen Minderheit in Südafrika hatte er eine Methode ersonnen, die er Satyagraha nannte. Wörtlich bedeutet der Begriff »Festhalten an der Wahrheit«, gemeint ist Seelenstärke. Von jedem einzelnen Teilnehmer der Bewegung wird erwartet, dass er sich in Selbstbeherrschung übt und gewalttätige Handlungen des Gegners klaglos hinnimmt. So kann er diesen letztlich von der moralischen Überlegenheit seiner Wahrheit überzeugen und bekehren. Jegliche Gewalthandlung seinerseits ist ausgeschlossen. Doch was ist die »Wahrheit«, wer hat sie und kann sich ihrer sicher sein?

Gandhis Bewegung hielt das Jahr 1921 über an, bis es im Februar 1922 in Chauri Chaura zu gewaltsamen Ausschreitungen zwischen Polizei und Demonstranten kam, bei denen 22 Polizisten starben. Obwohl es auch schon zuvor Gewaltausbrüche gegeben hatte, beschloss Gandhi im Alleingang, die Bewegung abzubrechen, da dieses Ereignis seiner Philosophie der strikten Gewaltlosigkeit widersprach. Die Chance einer wirklichen Massenbewegung gegen die Kolonialmacht wurde für dieses Mal vertan.

Inzwischen trat eine neue Generation von Revolutionären auf den Plan. Sie wurden um die Jahrhundertwende und im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts geboren. In ihrer Kindheit und frühen Jugend hörten sie vom revolutionären Widerstand gegen die Kolonialherrschaft, sicher auch von den Aufstandsversuchen 1915. Vermutlich fielen ihnen Zeitungen, Flugblätter, Pamphlete antikolonialen Inhalts in die Hände. Sie sahen, wie in der Familie, in der Nachbarschaft, in ihrem Umfeld Menschen geschlagen, verhaftet, deportiert und hingerichtet wurden. Sie erlebten 1919 das Massaker von Amritsar und setzten vergebliche Hoffnung in Gandhis Kampagne. Viele konnten die Verachtung, die Willkür, die alltägliche staatliche Gewalt nicht mehr ertragen. Und so gab es trotz der kolonialen Repressionen immer weiter Widerstand, Demonstrationen, Attentate – es hörte nicht auf, es konnte nicht aufhören.

Sozialistische Orientierung

Zu dieser Generation gehört Bhagat Singh. Das revolutionäre Gedankengut wurde ihm quasi in die Wiege gelegt. Sein Vater, sein Onkel und weitere Familienmitglieder waren in der antikolonialen Bewegung aktiv. Menschen aus der Ghadar-Bewegung gingen im Elternhaus ein und aus. Im College traf er auf einen Lehrer, der seine Studenten für die Ideen und Taten italienischer, irischer und russischer Freiheitskämpfer begeisterte. Er ermutigte sie, in den Ferien auf den Feldern und in Fabriken zu arbeiten, um die Lebensbedingungen der Bauern und Arbeiter kennenzulernen. Gleichgesinnte Studenten fanden sich zusammen, von denen einige ihm zu engen Kameraden wurden. So nimmt es nicht wunder, dass sich Singh bereits im Alter von 16 Jahren der Befreiungsbewegung verbunden fühlte. Die Konsequenzen waren ihm früh klar. Dies zeigt sich zum Beispiel in seinem Entschluss, nicht zu heiraten, um keine Witwe zu hinterlassen. Er verließ sein Elternhaus, schloss sich revolutionären Gruppen an und gehörte seitdem zu denjenigen, die Netzwerke von Lahore über Delhi, Agra, Benares bis nach Kalkutta knüpften. Er las sozialkritische Schriften, ob libertär, anarchistisch oder marxistisch. Er traf Gewerkschafter, frischgebackene Kommunisten, Zeitungsredakteure, schrieb selbst für Zeitungen – offen und neugierig für alles, was dem gemeinsamen Ziel dienlich sein könnte. Dieses Ziel war weiter gefasst, als es sich Gandhi und der INK dachten.

Wie Gandhi in seiner Kampagne der Nichtzusammenarbeit von den Teilnehmern nicht nur passiven Widerstand, sondern die Befolgung seiner Methode des Satyagraha verlangte, so wollte auch Bhagat Singh mehr. Er hielt es nicht für sinnvoll, gegen die Kolonialmacht zu kämpfen, nur um britische Landbesitzer und Kapitalisten durch einheimische zu ersetzen. Darin war er sich mit seinen Kameraden einig, die auf seine Initiative hin in den Namen ihrer Gruppe das Wort »sozialistisch« einfügten: Hindustan Socialist Republican Association/Army (HSRA). In all ihren Flugblättern, Pamphleten, Plakaten und Manifesten heißt es immer wieder, man wolle die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abschaffen. Dazu bedürfe es einer Revolution. Sie wählten zunächst den Weg der Propaganda des Wortes. Es war die Kolonialmacht, die das Zeichen dazu gab, den Staatsterror mit revolutionärer Gewalt zu beantworten.

1928 gab es im ganzen Land Proteste gegen eine Kommission, die, ausschließlich mit Briten besetzt, Vorschläge für die Zukunft Indiens erarbeiten sollte. Die Empörung darüber war groß, die Kommission empfing man überall mit schwarzen Fahnen. Auf der Demonstration in Lahore setzte die Polizei Schlagstöcke gegen die Menschen ein, wobei ein alter und beliebter Veteran der Befreiungsbewegung so hart getroffen wurde, dass er – wie allgemein angenommen – an den Folgen der Verletzungen starb. Eine bekannte Aktivistin fragte öffentlich nach den jungen Männern des Landes, die bereit wären, diese Untat zu rächen. Sie fanden sich. Mitglieder der HSRA, darunter Bhagat Singh, erschossen im Dezember 1928 einen Polizeibeamten, der bei den Angriffen auf die Demonstranten beteiligt gewesen war. Sie konnten fliehen.

Die zweite Aktion, an der Bhagat Singh direkt beteiligt war, folgte weniger einem nationalen Aufruf als ihrem revolutionären Programm. In den Jahren 1928 und 1929 kam es zu großen Streiks in Bombay und Kalkutta; besonders waren die Eisenbahnen, die Textilindustrie und die Juteproduktion betroffen. Das gefiel weder britischen noch indischen Kapitalisten. Zahlreiche Gewerkschaftsführer und Kommunisten wurden verhaftet, und im Parlament wurde ein Gesetz eingebracht, mit dem die Arbeiterbewegung eingedämmt werden sollte. In Solidarität mit den Verhafteten und aus Protest gegen die ihrer Meinung nach hohle Institution des Parlaments unter der Kolonialherrschaft warf am 8. April 1929 Bhagat Singh zusammen mit einem Mitstreiter zwei Bomben in den Sitzungssaal. Flugblätter flogen hinterher. Sie riefen den Slogan »Lang lebe die Revolution«, der schnell populär wurde, und ließen sich widerstandslos festnehmen.

Es besteht kein Zweifel daran, dass sowohl die Sprengkraft der Bomben als auch die Stelle, an der sie zündeten, so konzipiert waren, dass kein Mensch getötet werden oder ernsthaft zu Schaden kommen konnte. Hätten sie es gewollt, wäre es ein leichtes gewesen, etliche Kolonialpolitiker umzubringen. Der Kolonialregierung sollte eine Warnung, der Bevölkerung ein Weckruf gegeben werden. Ziel der Aktion war es, den darauffolgenden Gerichtsprozess zu nutzen, um die politischen Anliegen der HSRA publik zu machen. Denn die offizielle Presse berichtete in der Regel ausführlich aus dem Gerichtssaal, während die immer wieder verschärfte Zensur eigene Zeitungen und Schriften der Revolutionäre verbot.

Die nachfolgenden Geschehnisse sind schnell erzählt. In einem Gerichtsprozess wurden beide zu lebenslanger Verbannung verurteilt. Doch in der Zwischenzeit begann am 10. Juli 1929 ein neuer Prozess, denn die Sicherheitsorgane hatten inzwischen weitere Informationen erhalten, mit denen sie das Attentat auf den Polizeibeamten vom Dezember 1928 aufklären konnten. Singh und seine beiden Kameraden Shivaram Rajguru und Sukhdev Thapar standen nun unter Mordanklage. Gab es einen direkten Beweis für ihre Schuld? Eigentlich nicht. Thapar zum Beispiel war nur an der Vorbereitung, nicht an der Aktion selbst beteiligt. Dennoch: Sie waren Teil einer konspirativen Gruppe, und in dem Fall reichte dem britischen Recht schon die Intention oder Planung eines Verbrechens. Ihr Schicksal war demzufolge besiegelt. Nach einem langen Prozess wurden sie Anfang Oktober 1930 zum Tode verurteilt. Die Vollstreckung des Urteils erfolgte am 23. März 1931 in aller Heimlichkeit, die Leichen wurden zerstückelt und halbverbrannt in den Sutlej geworfen. Die drei Männer waren 23 Jahre jung. Waren sie Terroristen?

Ein neuer Kampf

Ende der 1920er Jahre sank in der Bevölkerung die Zustimmung zu Gandhis kompromissloser Politik der Gewaltlosigkeit. Auch viele Mitglieder des INK sahen darin keinen Glaubenssatz, sondern lediglich eine mögliche Taktik. Das Programm der Revolutionäre orientierte sich ohnehin weniger an moralischen Erwägungen als an der Effizienz und Praktikabilität ihrer Handlungen gegenüber einem in puncto Gewaltmittel weit überlegenen Gegner. Dennoch haben sie immer wieder erklärt, dass für sie Gewalt nur ein letztes Mittel ist. 1930 schrieb Singh, dass hinsichtlich der Methoden, die für die Verwirklichung einer gerechten Gesellschaft angewandt werden, die Wahl bei den Herrschenden liegt. Marx formulierte es 1871 so: »Wir müssen den Regierungen erklären: Wir wissen, dass ihr die bewaffnete Macht seid, die gegen die Proletarier gerichtet ist; wir werden auf friedlichem Wege gegen euch vorgehen, wo uns das möglich sein wird, und mit den Waffen, wenn es notwendig werden sollte.«

Gandhi veröffentlichte Anfang 1930 den Text »Der Kult der Bombe«, in dem er die Revolutionäre als irregeleitet diffamierte und sich ausschließlich auf deren angebliche Gewaltbereitschaft fokussierte. Die Revolutionäre bekundeten immer wieder ihren Respekt gegenüber Gandhi. Dennoch wiesen sie in ihrer Antwort »Die Philosophie der Bombe« Gandhis Anschuldigungen klar und deutlich zurück. Dessen Angriff stieß auf Unverständnis, denn die Revolutionäre hatten einen aufrüttelnden Kampf begonnen. Eine erhebliche Zahl der Inhaftierten befand sich seit mehreren Monaten immer wieder im Hungerstreik. Ihnen ging es um ihre Anerkennung als politische Gefangene, womit sie an der Basis der britischen Herrschaft rüttelten. Denn es hätte zugestanden werden müssen, dass ihre Motive politisch, nicht persönlich gewesen waren und sie somit nicht wie gewöhnliche Kriminelle hätten behandelt werden können. Sie rangen mit ihrem Körper gegen den natürlichen Instinkt, leben zu wollen, für Ziele, die über ihr eigenes Leben hinausreichten. Sie wehrten sich gegen Misshandlungen, willkürliche Haftverlängerungen, Einzelhaft, Zwangsernährung.

Für diesen Kampf erhielten sie enorme Zustimmung und Respekt durch die Bevölkerung, auch von Politikern des INK – nur nicht von Gandhi. Er nannte den Hungerstreik eine unbedeutende Aktion, obwohl er selbst oft zum Mittel des Fastens griff, um sich durchzusetzen. Doch nie so lange, dass er hätte sterben können. Anders die Revolutionäre. Nach 63 Tagen Hungerstreik starb einer ihrer Kameraden. Die Öffentlichkeit war in Trauer und Protest vereint, in Bewunderung für den Mut der jungen Männer. Viele verstanden diesen Kampf der Inhaftierten als eine Form des Satyagraha, da sie mit großer Seelenstärke innerhalb der Gefängnismauern für ihre Wahrheit gewaltlos eintraten. Dies könnte nur jemand, der von der Richtigkeit seines Tuns überzeugt ist. Sie waren zu physischer und seelischer Stärke in der Lage. Gandhi wollte dies nicht sehen.

Es ist auch dem Wirken der Revolutionäre zuzuschreiben, dass der INK auf seinem Kongress Ende 1929 erstmals die vollständige Unabhängigkeit Indiens forderte. Auf dem revolutionären Programm stand dies schon lange und weit mehr: eine gerechte Gesellschaft, sozial, ökonomisch, politisch. Doch Gandhi war nicht an Klassenkampf oder sozialer Revolution interessiert, hierin war er sich mit der Kolonialherrschaft und den einheimischen Kapitalisten einig. Es gehörte zur Taktik der Kolonialregierung, die politischen Führer des Landes mit konstitutionellen Problemen zu beschäftigen. In Anlehnung an eine Äußerung von Engels, nach der das Bürgertum 1848 die Massen mehr fürchtete als den Absolutismus und daher nicht an sie appellierte, könnte man es so formulieren: Die politische und soziale Elite fürchtete die revolutionären Massen mehr als den Kolonialismus. Gandhi lehnte alle Aktionen ab, die zu stärkeren Klassenkonflikten innerhalb der indischen Gesellschaft führen könnten.

Es fällt auf, dass Gandhi, der große Verfechter der Gewaltlosigkeit, sich offenbar nie gegen die größtmögliche, vom Staat ausgeübte Gewalttat gegen Menschen ausgesprochen hat: die Todesstrafe. Ganz im Gegensatz zu einem seiner großen Vorbilder, Lew Tolstoi. Dieser hatte sich bereits 1908 in seiner Schrift »Ich kann nicht schweigen« klar, unmissverständlich und überzeugend gegen die Todesstrafe gewandt, der im zaristischen Russland viele politische Gegner zum Opfer fielen – wie auch in Britisch-Indien. Nachdem die Todesurteile gegen Bhagat Singh und seine beiden Kameraden im Oktober 1930 gefällt worden waren, gab es eine große Erwartung, dass sich Gandhi für deren Aufhebung und Umwandlung in Haftstrafen einsetzt. Soweit wir wissen, tat er es nicht.

Die zwei Jahre im Gefängnis gestaltete Bhagat Singh als politisch aktive Zeit. Er befasste sich während der Haft mit verschiedenen Theorien und Praktiken von Revolution und Gesellschaft. Den Tod vor Augen, verstand er das Lesen und Schreiben als revolutionäre Praxis. Dabei ging es ihm nicht um den Erwerb von Gelehrsamkeit, Autorität oder gar Wissensmacht, sondern um die Formierung eines revolutionären Subjekts.

→ Melitta Waligora promovierte zur modernen Philosophie Indiens und ist seit 1982 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Südasien-Institut der Humboldt-Universität zu Berlin. Der vorliegende Beitrag beruht auf ihrem neuesten Buch »Die Zeit ist unsere. Eine Erzählung über revolutionären Widerstand in Britisch-Indien«, erschienen im Draupadi Verlag, Heidelberg 2026.

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Erschienen in der Ausgabe vom 29.07.2026, Seite 12, Thema

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