Aus Leserbriefen an die Redaktion
»Nicht einmal ein leises Grummeln«
→ Zu jW vom 13.7.: »Aus Leserbriefen an die Redaktion«
»Heute einfach Stille in Demut oder leises Grummeln«, schreibt Roland Winkler in seinem Leserbrief, der am 13. Juli in der jW veröffentlicht worden ist. Treffend ausgedrückt! In meinem Freundes- und Bekanntenkreis ist nicht einmal ein leises Grummeln zu vernehmen. In privaten Gesprächen höre ich wirklich nur Privates.
Kuba, Venezuela, Rüstungswahnsinn, drohende Wehrpflicht für die Enkel sind keine Themen für Kapitalismusanbeter. Ob sich das ändern wird, wenn die Enkel eingezogen werden, bleibt abzuwarten. Bis dahin aber ist alles gut; leben wir doch »in Freiheit« und »in der besten aller Welten«.
Ich schrieb es schon einmal und wiederhole es jetzt: Die Menschen sind sehr nachsichtig in der Beurteilung von Zuständen, die sie selbst »frei« herbeiwählen durften. Würden sie diese Zustände nachträglich kritisieren wollen, müssten sie sich – da sie sie frei gewählt haben – eine Mitschuld daran geben. Das tun sie nicht, bewahre!
Und was die Demut betrifft: Es ist die Verneigung vor der Attraktivität des Kapitalismus. Wer wollte es denn wagen, diese Attraktivität, die auf Ausbeutung der »dritten Welt« beruht, ernsthaft zu kritisieren? Der müsste sich sofort fragen lassen, ob er denn die »Mangelwirtschaft« der DDR wiederhaben möchte, und schon wäre seine Kapitalismuskritik verpufft.
Es ist leider eine Tatsache, dass dem Kapitalismus, eben wegen seiner Attraktivität, von der Mehrzahl der Menschen jede Schuftigkeit verziehen wird.
Margitta Mattner, per E-Mail
»Das hat Erich Mühsam wirklich nicht verdient«
→ Zu jW vom 8.7.: »Was hat uns Erich Mühsam heute noch zu sagen?«
Zusammengefasst müsste die Antwort auf die Frage in der Überschrift des Interviews ehrlicherweise lauten: Offensichtlich nichts! Herr Weber vom »Vorbereitungskreis für das Erich-Mühsam-Gedenken in Oranienburg« stellt uns den kompromisslosen Anarchokommunisten Erich Mühsam als eine Art »Erich Mühsam für alle« dar. Das wird aber Erich Mühsam nicht gerecht.
Für ihn hat sich kein bürgerliches Komitee gebildet, um von den Nazifaschisten seine Freilassung aus dem KZ Oranienburg zu fordern. Die Kriegstreiberparteien Bündnis 90/Die Grünen und SPD zu hofieren und kritiklos an der Ehrung teilnehmen zu lassen, ist ein Hohn. Mit seiner »Allen wohl und niemand weh«-Haltung zur Durchführung der Oranienburger Mühsam-Ehrung verfälscht Weber das inhaltlich revolutionäre Erbe von Erich Mühsam. Darüber scheint er sich offensichtlich nicht im klaren zu sein.
Den Antimilitaristen und Mitglied der Münchener Räterepublik, Aktivisten der Roten Hilfe zusammen mit der Stadt Oranienburg und im Beisein bürgerlicher Parteien, die sich für eine neue »Kriegstüchtigkeit« im Lande einsetzen, zu ehren und sein Gedicht »Der Revoluzzer« aufführen zu lassen, ist peinlich. In diese Art kabarettistischer Beliebigkeit umgemodelt zu werden, das hat Erich Mühsam, der auch »Judas«, ein Arbeiterdrama, schrieb, Gerechtigkeit für Max Hoelz einforderte und »Staatsräson. Ein Denkmal für Sacco und Vanzetti« in der Gilde freiheitlicher Bücherfreunde veröffentlichte, nun wirklich nicht verdient.
Rüdiger Deissler, List auf Sylt
Trotzdem profitabel
→ Zu jW vom 11./12.7.: »Feuer unterm VW-Dach«
(…) Eine Zeitung wie die junge Welt und der Autor Klaus Fischer sollten mehr Sorgfalt walten lassen und einen Blick in die realen betriebswirtschaftlichen Zahlen werfen. Denn der VW-Konzern ist durchaus noch profitabel. Das operative Ergebnis lag 2025 noch bei 8,87 Milliarden Euro, die operative Umsatzrendite bei 2,8 Prozent und das Ergebnis nach Steuern bei 6,9 Milliarden Euro. Die Zahlen sind zwar deutlich schlechter als die des Vorjahres. Dennoch leistete sich der Konzern für 2025 noch, eine Dividende von 5,20 Euro je Stammaktie und 5,26 Euro je Vorzugsaktie auszuschütten. Die Gesamtausschüttung beläuft sich auf rund 2,6 Milliarden Euro! Es mag vielleicht nicht genug sein für die Aktionäre, aber von einer fehlenden Profitabilität zu fabulieren, ist irreführend und führt übrigens auch zu falschen Schlussfolgerungen.
Sicherlich steht der Konzern mit seinen Beschäftigten vor enormen Herausforderungen. Diese haben aber nur wenig mit fehlender Profitabilität und angeblich zu hohen Arbeitskosten zu tun. Es würde hier zu weit führen, die Gründe aufzuführen, warum die Zukunft des VW-Konzerns aktuell nicht rosig scheint. Nur soviel. Warum sagt der Autor nichts zum Versagen des Vorstandes und des Aufsichtsrates? Oder warum lässt er unerwähnt, dass die Jahrzehnte umgebremste Expansion mit immer neuen Werken in Asien und Amerika (nicht nur durch VW) zur Überproduktion führen musste?
Ganz absurd oder gar unverantwortlich wird die Argumentation, wenn der Autor die Energiewende als eine der Krisenursachen der Automobilindustrie benennt. Zwar spielen auch die Energiekosten bei der Herstellung von Fahrzeugen sicherlich eine Rolle. Diese sind auch in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Diese bestimmen jedoch nicht die Wettbewerbsfähigkeit der Automobilindustrie, anders als etwa in der Chemieindustrie und weiteren energieintensiven Branchen. Klaus Fischer beklagt, dass weder eine Regierung noch die IG Metall und der VW-Betriebsrat bislang davon Abstand genommen haben, die Transformation zu CO₂-armer Produktion zurückzunehmen. Meint er das wirklich ernst? Angesichts der alltäglich immer sichtbar werdenden verheerenden Auswirkungen des Klimawandels ist diese Argumentation unverantwortlich. Oder wünscht sich da jemand wieder die Zeiten des billigen russischen Erdgases zurück?
Tomas Nieber, Stade
Erich Mühsam zusammen mit der Stadt Oranienburg und im Beisein bürgerlicher Parteien, die sich für eine neue »Kriegstüchtigkeit« im Lande einsetzen, zu ehren und sein Gedicht »Der Revoluzzer« aufführen zu lassen, ist peinlich.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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