Überwachungsstaat im Kommen
Brasilien baut öffentliche Beobachtung mit Kameras drastisch aus. Gesichtserkennung mittels »künstlicher Intelligenz« ist dabei Standard
»Verbrecher haben bei uns keine Chance! Wir sind Brasiliens sicherste Gemeinde. Sicherheit hat Priorität, und Technologie ist unser Verbündeter beim Schutz der Bevölkerung«, verkündet der zum dritten Mal wiedergewählte Bürgermeister von Maricá und Vizepräsident der Arbeiterpartei, Washington Quaquá. Der rund 200.000 Einwohner zählende Küstenvorort Rio de Janeiros, der kräftig von den Einnahmen aus der Erdölausbeutung profitiert, hat bereits mehr als 3.000 Überwachungskameras mit intelligenter Gesichtserkennung in Echtzeit im gesamten Stadtgebiet installiert. Weitere 4.000 sollen so rasch wie möglich hinzukommen.
»Wer hierherkommt und glaubt, sich verstecken zu können, irrt sich. Wir identifizieren und fassen dich!« so die martialische Ankündigung des Bürgermeisters. Maricá ist kein Einzelfall, sondern steht exemplarisch für den größten Teil Brasiliens. Ob im Bundesstaat Rio de Janeiro oder Bahia, Espírito Santo oder São Paulo: Der totale Überwachungsstaat ist auf dem Vormarsch und wohl nicht mehr aufzuhalten. Eine kritische, öffentliche Diskussion darüber gibt es kaum.
Die Bevölkerung will schlicht mehr Sicherheit angesichts hoher Verbrechenszahlen, von Handyraub, Einbruch, Autodiebstahl bis zu Vergewaltigung, Mord und regelrechten Hinrichtungen, durchgeführt sowohl von Drogenbanden als auch von Milizen und Polizeikräften. Fraglich ist, ob die totale Überwachung für diese sorgen kann. Befürchtungen um den Verlust der Privatsphäre werden in den Massenmedien nicht besprochen: Ob öffentlich-rechtlich oder privat, ob Radio, TV oder Print – sie alle stellen die wachsende Zahl der Überwachungskameras mit Gesichtserkennungstechnologie mittels künstlicher Intelligenz nicht in Frage.
Seit nun zwei Jahren hat die Stadt São Paulo das sogenannte Smart-Sampa-Programm, das größte, künstliche Intelligenz nutzende Videoüberwachungssystem Lateinamerikas, installiert. Es ist ein Netzwerk aus 20.000 städtischen und 30.000 privaten, an strategischen Punkten der Stadt verteilten Kameras. Bis 2028 soll sich deren Anzahl noch auf 100.000 verdoppeln.
Smart Sampa habe seit seiner Einführung schon mehr als 3.000 flüchtige Gefängnisinsassen von der Straße geholt, darunter Mörder, Vergewaltiger, Mitglieder von Drogenbanden und sogar Mitglieder der chinesischen Mafia, berichtete stolz das Bürgermeisteramt von São Paulo im April: »Allein in diesem Jahr wurden 418 Flüchtige mit Hilfe der Technologie festgenommen.« Zudem habe Smart Sampa bereits zu 7.410 Festnahmen von verdächtigen Personen beigetragen und zu 410 Festnahmen auf frischer Tat geführt.
Laut dem Sekretariat für städtische Sicherheit von São Paulo ist das System »zu einem unverzichtbaren Instrument für die Festnahme von flüchtigen Straftätern geworden. Alle Festnahmen erfolgten ohne Schusswaffengebrauch, was die Effizienz des Einsatzes künstlicher Intelligenz bei der Identifizierung und Ansprache dieser Personen beweist.« 89 Prozent der Bevölkerung befürworteten den Einsatz von Smart Sampa.
Die Stadt Rio de Janeiro hat die ersten intelligenten Kameras des Zentrums für Aufklärung, Überwachung und Technologie zur Unterstützung der öffentlichen Sicherheit (CIVITAS) im Oktober 2025 installiert. »Ich bedauere, all jenen, die in unserer Stadt Unregelmäßigkeiten oder Straftaten begehen, mitteilen zu müssen: Ihr Leben wird mit diesem Technologiepark zur Hölle werden«, sagte der damalige Bürgermeister Eduardo Paes auf einer Pressekonferenz zur Einführung des Überwachungssystems. Bis 2028 soll es auf über 20.000 städtische Überwachungskameras ausgeweitet werden.
15.000 davon seien sogenannte Superkameras, die laut Bürgermeisteramt, einen technologischen Quantensprung in der Überwachung darstellten und Tausende von Situationen gleichzeitig analysieren könnten. Die neuen Kameras nutzten künstliche Intelligenz, um Videos in Echtzeit und aufgezeichnete Videos auszuwerten und visuelle Informationen wie Fahrzeugtyp, Farbe, Fahrtrichtung, Zubehör und Kleidungsmerkmale abzugleichen, schreibt das Bürgermeisteramt weiter. Die Technologie erweitere die Kapazität und Qualität der Beweissicherung bei Ermittlungen erheblich und trage zur Verbesserung der öffentlichen Sicherheit in der Stadt bei. »Damit ließen sich verdächtige Verhaltensweisen erkennen, Routen rekonstruieren und komplexe kriminelle Dynamiken präzise analysieren, identifizieren und verfolgen.«
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