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Aus: Ausgabe vom 13.06.2024, Seite 12 / Thema
Brasilien

Modernisierung per Kahlschlag

Das Erbe der brasilianischen Militärdiktatur: Fortgesetzte Entwicklungsprojekte und ein nicht aufgearbeiteter Genozid an Indigenen
Von Norbert Suchanek, Rio de Janeiro
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Schneisen der Zerstörung durch den Wald schlagen: Straßenbau im Amazonasbecken Anfang der 1980er Jahre

Die Generäle, die vor gut 60 Jahren, am 31. März 1964, mit Unterstützung von Teilen der Zivilgesellschaft und mit Hilfe verdeckter Operationen der CIA die Regierung des amtierenden Präsidenten João Goulart in Brasilien stürzten, regierten 21 Jahre lang das größte Land Südamerikas. Die Militärdiktatur war vor allem von schweren Menschenrechtsverletzungen geprägt, diejenigen, die sich dem Regime widersetzten, waren harten Repressionen bis hin zu Folter und Mord ausgesetzt.

Laut dem 2014 veröffentlichten Abschlussbericht der brasilianischen Nationalen Wahrheitskommission (CNV) haben die Diktatoren 434 nichtindigene und 8.350 indigene Menschen ermordet beziehungsweise für immer verschwinden lassen. Darüber hinaus folterten sie mehr als 20.000 Menschen, wie eine Studie von Human Rights Watch aus dem Jahr 2019 ergab. Historiker gehen jedoch davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Ermordeten gerade im ländlichen Raum noch viel höher ist. So kam die unabhängige, 2012 gegründete Ländliche Wahrheitskommission Brasiliens (CCV) 2015 zum Schluss, dass zwischen 1964 und 1985 wenigstens 1.196 Kleinbauern dem Regime zum Opfer fielen.

»Unter der repressiven Politik des Regimes litten nicht nur die politischen Gegner und Aktivisten. Die gesamte brasilianische Gesellschaft, vielleicht mit Ausnahme der Täter, war von dieser Gewalt betroffen«, schreibt Rogério Sottili, Direktor des Menschenrechtsinstituts »Instituto Vladimir Herzog« benannt nach dem Journalisten Vladimir Herzog, der am 25. Oktober 1975 von der Militärdiktatur ermordet wurde.

Abholzung des Regenwaldes

Das vom US-amerikanischen Geheimdienst unterstützte Regime ging nicht nur rücksichtslos gegen Oppositionelle aus dem linken Lager vor, sondern auch gegen die Lebensräume der indigenen Völker beziehungsweise der traditionellen Bevölkerungsgruppen. So war es die Militärregierung, die die Zerstörung des zentralbrasilianischen Cerrado und des Amazonasregenwaldes im großen Stil startete. Ein Feldzug der Waldvernichtung, den die demokratisch gewählten Nachfolgeregierungen im Namen von »Entwicklung« bis heute fortsetzten.

Das Regime förderte die Einwanderung von landwirtschaftlichen Produzenten wie dem späteren Sojabaron Blairo Maggi aus dem südlichen Brasilien in die bis dahin von Dutzenden von indigenen Völkern bewohnte Ebene der Cerrado-Region, vor allem im Bundesstaat Mato Grosso, um sie in ein Meer von Sojabohnenfeldern umzuwandeln. 1965 produzierte Brasilien 523.200 Tonnen Sojabohnen. 1985 waren es mehr als 18 Millionen Tonnen, und heute sind es fast 300 Millionen Tonnen jährlich. In Mato Grosso stieg dabei die Sojaanbaufläche von zwölf Hektar im Jahr 1970 auf 795.438 Hektar zum Ende der Diktatur. Diese Fläche hat sich unter der neuen Demokratie auf heute 12,13 Millionen Hektar mehr als verzehnfacht.

Ein weiteres lebendiges Erbe der Militärdiktatur ist der Straßenbau und die damit einhergehende Regenwaldvernichtung in Amazonien. Am bekanntesten ist der Bau der berüchtigten »Transamazônica«, um vornehmlich landlose Kleinbauern aus dem Nordosten und Süden im Amazonasregenwald anzusiedeln, anstatt das Problem der ungerechten Landverteilung zu lösen. »Land ohne Menschen für Menschen ohne Land«, lautete damals das Motto. Die 4.260 Kilometer lange, offiziell BR-230 genannte und 1972 eingeweihte Trasse war ein Projekt unter der Regierung von General Emílio Garrastazu Médici.

Weniger bekannt, aber um so bedrohlicher für den größten Regenwald der Erde ist die vom Militärregime im Herzen der Amazonasregion in Auftrag gegebene parallel zu den Flüssen Purus und Madeira verlaufende Bundesstraße BR-319 von Manaus nach Porto Velho. Die Bauarbeiten der 1976 offiziell eingeweihten Regenwaldtrasse begannen bereits 1968. Doch nur 20 Jahre später, 1988, wurde die Bundesstraße aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben und sich selbst überlassen. Seit 2015 ist diese Regenwaldpiste aber dank eines neuen Instandhaltungsprogramms der Regierung während der Trockenzeit wieder teilweise befahrbar. Würde sie gänzlich wiederhergestellt und asphaltiert, wie von der heutigen Regierung und Präsident Luiz Inácio Lula da Silva beabsichtigt, würden die BR-319 und ihre geplanten Nebenstraßen den berüchtigten »Bogen der Entwaldung« des südlichen, bereits stark abgeholzten Amazoniens mit Manaus verbinden. Akteure der Waldvernichtung wie Bodenspekulanten, Holzunternehmen, Rinderzüchter und die industrielle Landwirtschaft könnten entlang der asphaltierten Trasse vordringen. Damit wäre der Erhalt des letzten großen noch intakten Regenwaldblocks im brasilianischen Amazonasbecken bedroht.

Doch ohne intakten Regenwald in Zentralamazonien könnten weite Teile Brasiliens auf dem Trockenen sitzen, befürchtet der Klima- und Amazonasforscher Philip Martin Fearnside, der die BR-319 als die aktuell schlimmste Bedrohung für die gesamte Amazonasregion und darüber hinaus beschreibt. Ihre Asphaltierung könnte bis 2030 zu einer Verfünffachung der Regenwaldabholzung führen und das amazonische Ökosystem zusammenbrechen lassen. Der Schaden für Brasilien wäre enorm, ist sich der Wissenschaftler sicher, der seit 1978 am Nationalen Amazonasforschungsinstitut INPA in Manaus forscht.

Die Parole »Besetzen, um nicht zu verlieren« war das Leitprinzip der Militärdiktatur für den Bau der ersten Amazonasüberlandstraßen wie der BR-319, um die von Indigenen bevölkerten, aber nach Meinung der Generäle »menschenleeren« Gebiete mit Brasilianern zu besetzen und so eine mögliche Übernahme durch ausländische Mächte zu verhindern, sagt Fearnside. Ironischerweise würde heute die asphaltierte BR-319 die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen Amazoniens durch ausländische Interessen erleichtern, insbesondere durch den russischen Erdölkonzern Rosneft, der in der Regenwaldregion bereits Konzessionen vom brasilianischen Staat erworben hat.

Zerstörerische Wasserkraft

Ein weiteres Erbe der Militärdiktatur sind die größenwahnsinnigen Wasserkraft- und Staudammpläne im Amazonasbecken zur »Entwicklung« und Industrialisierung der Region. 1974 starteten die Generäle den Bau des ersten Megastaudamms in Amazonien am Rio Tucuruí. Das gleichnamige Wasserkraftwerk mit einem Riesenstausee von 2.875 Quadratkilometern wurde schließlich 1984 eingeweiht, was Ökologen und Regenwaldschützer damals weltweit als eine der größten Umweltkatastrophen in der Geschichte Brasiliens anprangerten.

Dank des hartnäckigen und international unterstützten Widerstands des indigenen Volks der Kayapó gegen das gleichfalls bereits in den 1970er Jahren projektierte Wasserkraftwerk Altamira am Xingu-Fluss, das später in Belo Monte umbenannt wurde, verschwanden diese hochtrabenden Staudammpläne der Militärs im Amazonasbecken aber wieder in der Schublade. Erst Lula da Silva von der Arbeiterpartei (PT) holte die Wasserkraftpläne während seiner ersten Amtszeit als brasilianischer Staatspräsident wieder aus dem Giftschrank. So entstanden unter den PT-Regierungen Lula und seiner Nachfolgerin Dilma Rousseff die mit Milliarden von Steuergeldern und Schulden finanzierten Megastaudämme Jirau und Santo Antônio am Rio Madeira und Belo Monte am Rio Xingu allen Protesten von indigenen und Umweltschützern zum Trotz.

Militärische Atomkraftpläne

Ähnlich verhält es sich mit dem brasilianischen Atomprogramm, einem weiteren Erbe der Diktatur, das darüber hinaus eng mit der damaligen deutschen Bundesregierung verbunden ist. Zwar gab es Atomforschung bereits seit den 1930er Jahren in Brasilien, doch erst mit dem Militärputsch 1964 begann das atomare Programm durchzustarten. Dabei wollten die Militärs nicht nur Strom aus Kernkraft produzieren, sondern vielmehr eine Atommacht werden und die gesamte atomare Kette beherrschen: vom Uranbergbau, der Urananreicherung bis hin zum Atom-U-Boot und der Atombombe. Für dieses damals noch geheime Atomwaffenprogramm hatten die Generäle sogar bereits ein Gelände für unterirdische Tests im Auge und dafür ausgebaut: ein Stützpunkt der brasilianischen Luftwaffe in der »Serra do Cachimbo« im Amazonasgebiet des Bundesstaates Pará.

Doch zur Realisierung dieser Großmachtträume brauchte es einen funktionierenden Kernreaktor. Den kaufte die Diktatur 1972 in den USA von Westinghouse mit einer Leistung von 627 Megawatt. Das Atomkraftwerk wurde unter dem Namen Angra 1 an der Küste im Süden von Rio de Janeiro errichtet, auf dem Gebiet des in der Region heimischen Guaraní-Mbyá-Volkes. Drei Jahre später unterzeichnete der damalige brasilianische Präsident Ernesto Geisel dann mit der Bundesrepublik ein umfangreiches Abkommen über nukleare Zusammenarbeit. Innerhalb von 15 Jahren sollten acht deutsche Kernkraftwerke der Kraftwerk Union AG, einer Kooperation von AEG und Siemens, in Brasilien entstehen. Darüber hinaus sah das Abkommen auch die Erkundung von Uranlagerstätten sowie die Entwicklung von Urananreicherung vor und zog auch die Wiederaufbereitung von nuklearen Brennstoffen in Erwägung.

Brasiliens erste Uranmine ging 1982 im Bundesstaat Minas Gerais in Betrieb. Das erste Atomkraftwerk, Angra 1, ging 1985 ans Netz. Der 1981 gestartete Bau des zweiten Kernkraftwerks, Angra 2, dauerte etwas länger. Aufgrund fehlender Geldmittel stoppte die erste zivile Übergangsregierung 1986 vorübergehend das Projekt. Erst Ende 1994 wurden die Bauarbeiten von Angra 2 wiederaufgenommen, und das Kernkraftwerk konnte sieben Jahre später, Anfang 2001, erstmals Strom erzeugen. Der dritte geplante und bereits von den Militärs gekaufte Atommeiler aus Deutschland, Angra 3, wurde 1984 auf Schiffen von Hamburg nach Brasilien gebracht, aber niemals gebaut. Die Kernkraftwerkstechnik blieb im Süden Rio de Janeiros jahrzehntelang eingemottet.

Lula und die Atomkraft

Erst Präsident Lula erinnerte sich in seiner ersten Amtszeit an das eingemottete Atomkraftwerk und belebte überraschenderweise mit Milliardenaufwand das eingefrorene Atomprogramm der Diktatur – zur Freude der Militärs. 2007 kündigte er an, Angra 3 fertigzustellen und weitere Kernkraftwerke zu errichten. Brasilien habe alle Grundvoraussetzungen für die Vervollständigung des nuklearen Zyklus. An Geld solle es nicht mehr fehlen, sagte Lula da Silva damals gegenüber den Medien. Brasilien werde damit zu einem der wenigen Länder der Welt aufsteigen, die den gesamten Anreicherungsprozess beherrschen. Der linke Präsident startete sogar den Bau des ersten südamerikanischen Atom-U-Boots, dem langgehegten Wunschtraum der brasilianischen Marine.

Vielleicht war es gerade dieses von ihm angenommene Erbe der rechten Diktatoren, das Lula dazu veranlasste, jetzt einen Strich unter die Geschichte zu setzen und des 60. Jahrestags des Militärputsches vergangenen März nicht zu gedenken. Er untersagte sogar seinem Bundesministerium für Menschenrechte eine geplante Gedenkveranstaltung mit dem Titel: »Ohne Erinnerung gibt es keine Zukunft.« Er wolle die Vergangenheit nicht mehr »aufwärmen«, sagte der brasilianische Staatspräsident in einem Fernsehinterview und fügte hinzu: »Ehrlich gesagt werde ich nicht weiter darauf eingehen, sondern versuchen, dieses Land voranzubringen.« Bereits im Februar zuvor hatte Lula in einem Interview erklärt, der Putsch gehöre der »Vergangenheit« an, er wolle sich nicht immer daran erinnern müssen. Laut einer Umfrage von Datafolha befürworteten 59 Prozent der Brasilianer Lulas Verbot von Gedenkveranstaltungen zum Putsch von 1964.

Nichtsdestoweniger demonstrierten zum Jahrestag Opfer der Diktatur und Menschenrechtsaktivisten in São Paulo und an anderen Orten in Brasilien. »Nie wieder Diktatur!« und »Strafen für die Generäle!« skandierten Hunderte von ihnen. Die Demonstranten in São Paulo forderten die Bestrafung der per Amnestiegesetz von 1979 vor einer gerechten Strafe bis heute geschützten Putschisten, Folterer, Vergewaltiger und Mörder. Die Regierung solle zudem eine Politik des Gedenkens betreiben und die versprochene Sonderkommission für die Toten und Verschwundenen der Diktatur wiedereinsetzen.

Unbestrafter Genozid

Ein besonders düsteres und noch lange nicht aufbereitetes Kapitel der Diktatur ist der Genozid an den indigenen Völkern Brasiliens, insbesondere in der Cerrado-Region und Amazonien. Bis heute liegen die Verbrechen, die damals an den Ureinwohnern verübt wurden, weitestgehend im Dunklen, die Täter befinden sich weiterhin ungestraft auf freiem Fuß. »Verwüstung, Gewalt, Hunger, Krankheit und den Tod Tausender Yanomami« soll beispielsweise der Bau der Perimetral-Bundesstraße BR-210 gebracht haben, die die Bundesstaaten Amapá, Amazonas, Pará und Roraima im Norden Amazoniens verbindet. Die genaue Opferzahl ist nicht bekannt. Die Nationale Wahrheitskommission geht von mehreren tausend Opfern innerhalb des Yanomami-Volkes aus.

Das bislang wichtigste und erste Dokument, das zahlreiche Menschenrechtsverletzungen während der Militärregierung an den Indigenen auflistet, ist der sogenannte Figueiredo-Bericht aus dem Jahr 1968, der nach seiner Fertigstellung 45 Jahre lang verschollen war. Der ursprünglich 7.000 Seiten umfassende Bericht von Generalstaatsanwalt Jader de Figueiredo Correia wurde noch während der Diktatur vom Innenminister General Albuquerque Lima mit dem eigentlichen Ziel in Auftrag gegeben, die Korruption in der Indianerbehörde Funai aufzudecken.

Correia reiste mit seinem Untersuchungsteam mehr als 16.000 Kilometer quer durch Brasilien. Dabei registrierten sie ein Schreckensbild biblischen Ausmaßes. In den 2013 im »Museu do Índio« von Rio de Janeiro wiederentdeckten rund 5.000 Seiten des Berichts schreibt Figueiredo Correia von der Auslöschung ganzer Völker, von Folter und allen Arten von Grausamkeiten, die gegen die indigene Bevölkerung hauptsächlich von Großgrundbesitzern und Staatsbediensteten verübt wurden: Mord, Zwangsprostitution, Sklavenarbeit. Der Staatsanwalt berichtete auch von Menschenjagden, wobei die Ureinwohner von Flugzeugen aus mit Maschinengewehren abgeschossen oder mit abgeworfenen Dynamitstangen in die Luft gesprengt wurden. Isolierte indigene Bevölkerungsgruppen sollen absichtlich mit tödlichen Pocken infiziert oder mit Strychnin vermischtem Zucker vergiftet worden sein.

Dokumenten des Nationalkongresses zufolge, so Marcelo Zelic, Vizepräsident der Untersuchungsgruppe »Nie wieder Folter« aus São Paulo, gab es im Jahr 1963 rund 300.000 Indigene in Brasilien. Fünf Jahre später, 1968, waren es nur noch 80.000. Was ist mit den 220.000 nicht mehr registrierten Indigenen geschehen?

Nicht mitgezählt in dieser Statistik von 1968 ist das Leid der Waimiri Atroari, die sich selbst Kinja nennen: Deren Stammesgebiet liegt zwischen den Bundesstaaten Amazonas und Roraima in Nordamazonien genau dort, wo die Militärs die Bundesstraße BR-174 von Manaus nach Boa Vista und Venezuela, die Ausbeutung von Mineralien und das sowohl wirtschaftlich wie ökologisch »absurde« Wasserkraftwerk Balbina planten. Dabei standen die Ureinwohner dem »Fortschrittsmodell« der Diktatoren im Wege, die deshalb fast 90 Prozent dieses indigenen Volkes töteten. Nach Meinung des in den 1970er Jahren in der Region tätigen Mitgründers des katholischen Indianermissionsrats (Cimi), Egydio Schwade, spielten das geplante Wasserkraftwerk Balbina von Eletronorte und die beabsichtigte Erzausbeutung in der Region durch das 1968 in Pitinga gegründeten Bergbauunternehmen Mineração Taboca eine aktive Rolle beim Genozid am Volk der Waimiri Atroari.

Die Projektstudien des 1987 fertiggestellten Balbina-Staudamms begannen bereits 1968. Damals gab es im südlichen Teil des Indigenenterritoriums im Gebiet des heutigen 2.360 Quadratkilometer großen Balbina-Stausees mindestens acht Dörfer der Indigenen, gibt Schwade an. Weitere neun Kinja-Dörfer verschwanden im Gebiet der heutigen Pitinga-Mine im nördlichen Teil. Im Jahr 1972 zählte die Funai rund dreitausend Kinja in ihren Territorien nördlich von Manaus. 1983 lebten nur noch 350 von ihnen, weil sie sich nicht freiwillig aus ihren Stammesgebieten vertreiben ließen. Was genau in den Jahren 1968 bis 1983 geschah, ist bis heute nicht vollständig aufgedeckt.

Sicher ist, dass sich die Indigenen von Beginn an den Straßenbauarbeiten widersetzten, wie im Buch »História da Amazônia« des brasilianischen Historikers Márcio Souza nachzulesen ist. 1973 soll ein Kontaktversuch mit dem Tod von vier Mitarbeitern der Indianerbehörde Funai geendet haben. Ein Jahr später sollen die Kinja vier aus dem nordostbrasilianischen Maranhão angestellte Holzfäller getötet haben, weil sie für den Straßenbau Bäume auf ihrem Territorium rodeten. Die Medien berichteten damals vom »Massaker der Maranhenses«. Dennoch gaben die Militärs das BR-174-Projekt nicht auf. Die Straße sei wichtig und müsse um jeden Preis fertiggestellt werden, sagte damals ein Oberst vom sechsten Ingenieur- und Baubataillon der Diktatur. In der Folge wurde das aufsässige Indigenenvolk laut dem 2012 veröffentlichten ersten Bericht der Landeswahrheitskommission des Amazonasbundesstaates schlicht bombardiert und abgeschossen. Nach Berichten von Überlebenden wurden Dörfer der Waimiri Atroari auch mit einem »staubähnlichen« Pulver von Flugzeugen aus beschossen.

Die Betroffenen hatten Angst, über die Massaker zu sprechen, es war verboten, sagt der Anthropologe Stephen Grants Baines. Dennoch berichteten Indigene davon, dass Flugzeuge über ihre Köpfe flogen und Staub herabfiel. Und dass sie diesen Staub einatmeten und daraufhin Menschen starben. »Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass sie Gift oder Gas abgeworfen haben, um die Bevölkerung zu vernichten«, so Baines 2019 in einem Interview mit der staatlichen Universität von Roraima (UFRR). Der Anthropologe begann seine Forschungen 1982 im Gebiet der Waimiri Atroari bis sie ihm von der Regierung und der Funai verboten wurden. Baines: »Als ich im Januar 1982 (in die Region) kam, war Mineração Taboca bereits dort, um die Erzlagerstätten zu erkunden und abzubauen. Ich sah bereits die Verschmutzung des Flusses Alalaú und seiner Nebenflüsse, die aus dem Bergbaugebiet Taboca kamen.« Bergbauabraum der Pitinga-Mine habe den Alalaú gelb gefärbt. Heute gilt Pitinga als eine der weltweit größten Zinnproduzenten. Sie fördere im Tagebau neben dem Primärrohstoff Zinn auch Tantal, Niob und Uran, so der Bericht »Strategische Rohstoffe, Projekte und Geschäftsmöglichkeiten für deutsche Unternehmen« der Deutsch-Brasilianischen Industrie- und Handelskammer in São Paulo und der Deutschen Rohstoffagentur (Dera-BGR) aus dem Jahr 2019. Die Zinnproduktion belief sich im Jahr 2018 in Pitinga auf rund 7.000 Tonnen.

Wie die Kinja waren auch viele andere Ureinwohnervölker der Kolonisierung und industriellen Entwicklung und vor allem den sich mehr und mehr Land in Zentral- und Nordbrasilien aneignenden Großgrundbesitzern und Agrarunternehmen ein unliebsames Hindernis, weshalb neben Mord auch Zwangsumsiedlungen zum Geschäft der Generäle gehörte. Das vielleicht markanteste Beispiel dazu sind die Xavante von Marãiwatsédé in Mato Grosso. Weil sie dem Großgrundbesitzer Ariosto da Riva aus São Paulo, der sich rund 800.000 Hektar Land in der Region angeeignet hatte, im Wege standen, zwangen im Jahr 1966 die Militärs die letzten 263 Xavante von Marãiwatsédé in ein Transportflugzeug der Luftwaffe und flog sie in die 400 Kilometer entfernte Missionsstation des Salesianer-Ordens von São Marcos. Nach Angaben der Nationalen Wahrheitskommission starben 83 von ihnen bereits kurz nach ihrer Ankunft in der Mission an den Folgen eines Masernausbruchs. Das nun »indianerfreie« Land verkaufte Ariosto da Riva wenig später 1971 gewinnbringend an das italienische Unternehmen Liquifarm.

Einige der Xavante von Marãiwatsédé haben Diktatur und Missionierung überlebt. Heute, 2024, kämpfen sie gegen die Fortsetzung und Asphaltierung der Bundesstraße BR-080 von Brasilia nach Ribeirão Cascalheira in Mato Grosso, weil sie einen ihrer heiligsten Orte bedrohe. Das Agrobusiness indes hält die BR-080 für den Abtransport der wachsenden Sojabohnenernte aus der Region Araguaia für notwendig.

Norbert Suchanek reiste 1987 während der Übergangsperiode von der Militärdiktatur zur Demokratie erstmals nach Brasilien. Eine seiner ersten Reportagen, die er in Deutschland veröffentlichte, handelte von der Abholzung und Zerstörung des Amazonasregenwaldes in dieser Zeit. Seit 2006 arbeitet der Journalist, Buchautor und Filmemacher aus Würzburg als Auslandskorrespondent in Rio de Janeiro.

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