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»Aufarbeitung«

»Wir müssen über Opa reden …«

Die aktuelle Debatte über NSDAP-Mitgliedschaften von Familienangehörigen zeigt wenig Interesse an historischen Kontexten. Insbesondere die Propaganda der Nazis bleibt außen vor

Foto: Bridgeman Images/imago
Mit fragwürdigen Kategorien wie dem »Bösen« lässt sich der deutsche Faschismus nicht begreifen. Zu dessen Kontext gehört unbedingt die Geschichte des Deutschen Reiches und des Ersten Weltkriegs, ebenso die Propaganda- und Organisationsarbeit der Nazis (Reichsparteitag in Nürnberg, 13.9.1937)

Drei ganze Seiten verwendete die großbürgerliche Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung bereits am 6. April des vorigen Jahres für ihren Artikel mit der so strikt formulierten Forderung, es müsse über Opa geredet werden. 2026 folgte ein menschelnder Medienrummel sondergleichen. Mit immer neuen Geschichten würden die Medien den Leser regelrecht »bombardieren«, hieß es in der Taz. Und tatsächlich dreht sich seit geraumer Zeit alles um digitalisierte Listen, in denen die rund zehn Millionen Mitglieder der NSDAP erfasst gewesen sind. Rasch suchten mehrere Millionen Bundesbürger Einsicht in jene Verzeichnisse, die 1945 größtenteils vor der geplanten Vernichtung hatten bewahrt werden können. Zahlreiche Menschen wollen wissen, ob ihre Vorfahren Nazis waren oder nicht. Handelt es sich dabei für die Deutschen, wie Der Spiegel am 15. Mai fragte, um den letzten Schritt »bei der Aufarbeitung ihrer mörderischen Geschichte«? Oder wird da eher eine Art »Gedächtnistheater« betrieben, wie an gleicher Stelle der Soziologe Michael Bodemann zitiert wird?

Es bestünden nunmehr »Chancen für Heilung«, behauptete Solveigh Bach am 6. Juni 2026 im Fernsehsender N-TV. Was kann heilen? Und wer soll da gesunden? Gesucht wird jetzt, nach langem Verschweigen und Leugnen, eine Wahrheit über das Nazierbe, die kaum erreichbar ist. Es kann sie auch gar nicht geben, da die nunmehr auf kleinen Karten vorliegenden Angaben im Grunde sehr spärlich sind. Vor allem berühren sie nicht den Kontext des gesamten Geschehens.

Die neu vorliegenden Unterlagen erfassen nicht einmal alle, die über die Parteimitglieder hinaus ebenfalls als Nazis zu bezeichnen sind. Die Rede ist von jenen Millionen von Deutschen, die Teil eines breitgefächerten Systems anderer Organisationen waren. Sie standen gleichsam unter dem Kuratel der NSDAP oder existierten formell neben ihr. An ihrer historischen Verantwortung kann es keine Zweifel geben. Man denke dabei nicht allein an die großen paramilitärischen Verbände wie SS und SA, die zwar als »Gliederungen« der Partei bezeichnet worden sind, deren Mitglieder der Partei aber nicht unbedingt angehörten bzw. angehören mussten. Das »Organisationsbuch der NSDAP« (2. Aufl., 1937) verlangte von den SA-Männern lediglich, »würdig« zur Aufnahme in die Partei zu sein. Für die SS hieß es da, jedes Mitglied müsse »aus bestem arischem Menschentum« stammen und »im Kampf um die nationalsozialistische Weltanschauung erfolgreich eingesetzt werden« können. Der SA gehörten 1934 nahezu 4,5 Millionen Mitglieder an, der SS im Krieg dann rund eine Million. Historiker errechneten, dass nur jeder zweite SA-Mann auch Parteimitglied gewesen ist.

Zum großen Organisationensystem der NSDAP gehörten weitere Gliederungen, darunter das Kraftfahrerkorps, die Hitlerjugend, der Reichsarbeitsdienst sowie viele »angeschlossene« Organisationen (darunter die »Deutsche Arbeitsfront« mit 25 Millionen Mitgliedern) und zahlreiche »betreute« Bünde und Vereine. Auch deren Mitglieder konnten Täter sein, denn sie hatten sich jeweils in ihren Bereichen an Macht- und Verfolgungsinstanzen zu beteiligen. Sie stellten selbst politisch-soziale Kontrollorgane dar und fungierten vielfach als Erfüllungs- und Disziplinierungsgehilfen.

Es handelte sich um einen allgewaltigen Machtapparat, der sich nach 1933 in einem bis dahin noch nicht vorhandenen Umfang als ein wesentlicher Teil von politischer Organisiertheit der gesamten Gesellschaft erwies. Die NSDAP und die ihr zugehörige »Menschenführung«-Maschinerie wirkten als eine integrierende Nahtstelle zwischen allen weiteren Bestandteilen – Militär, Staat, Justiz usw. – des bürgerlichen Machtapparates. Und der schuf Grausames und Verbrecherisches. Wie die Geschichte erkennen lässt, leider erfolgreich und hinreichend effektiv, zumindest für zwölf Jahre.

Die große Mehrheit

Faschismusforschung hat auch – geht es um das konkrete Maß der Verantwortung von Opa und Oma bzw. überhaupt der Deutschen – nach dem Betreiben und den Wirkungsmöglichkeiten von nationalistisch-rassistischer Ideologie sowie nach den Zielen der auf solcher Grundlage betriebenen Politik zu fragen. Es gilt also, auch jenes neue Ausmaß an Propaganda zu untersuchen, das sich nach 1933 unter den neuen Verhältnissen ergeben hat. Die traditionellen gesetzlichen und moralischen Schranken der bisherigen bürgerlichen Gesellschaft waren aufgebrochen und durch eine bürokratisch perfektionierte Willkür ersetzt. In ihrer Partei sahen viele Mitglieder der NSDAP, und nicht nur sie, einen Garanten des »nationalen Aufbruchs« und eine wahre »Volksgemeinschaft« verkörpert. In Zeiten sozialpolitisch überstandener Weltwirtschaftskrise sowie der großen außenpolitischen »Erfolge« Adolf Hitlers glaubten sie – ganz im Sinne der alten These, dass große Männer die Geschichte machen – auch an die angeblich unbezwingbare Kraft ihres »Führers«.

Wer die Geschichte von hitlerfaschistischer Diktatur und verbrecherischer Kriegführung erhellen will, der darf nicht allein über die Mitglieder der NSDAP und ihrer Organisationen debattieren. Es ist vielmehr von einer großen Mehrheit der Deutschen zu reden, die von historischer Verantwortung für Diktatur, Krieg und rassistische Genozide belastet ist. In großen Teilen der (alt-)bundesdeutschen Gesellschaft wurde und wird diese Mitverantwortung beschwiegen, verdrängt oder gar verharmlost. Doch verändert sich daran etwas, wenn am Ende des eingangs erwähnten Artikels schlussfolgernd gefragt wird: »Schlummert auch nach achtzig Jahren in einem demokratischen System weiterhin in vielen von uns die Anlage, menschenverachtend zu handeln, wenn man überzeugt ist, auf der richtigen Seite zu stehen?« Soll wirklich vor allem und zudem recht einseitig auf das im Menschen nun einmal grundsätzlich vorhandene »Böse« (so der Psychologe Ingo Zettler im Spiegel am 6.2.2026) geschaut werden? Eine »echte Auseinandersetzung« mit dem schlimmsten Kapitel deutscher Geschichte beginne nach Aussage der Psychologin Sandra Konrad erst, wenn auch gefragt werde: »Was trage ich von diesem Bösen in mir?« (so bei N-TV). Doch solche Behauptungen und Fragestellungen klammern weitgehend aus, dass und wie auf menschliches Denken und Verhalten Einfluss zu nehmen versucht wurde, und was das hitlerfaschistische Regime in dieser Hinsicht unternommen hat.

Sollte es sich also in den aktuellen Debatten um mehr handeln als ein auf psychologische Aspekte begrenztes Stochern in Familiengeschichten, dann wäre es sinnvoll, die völlig berechtigte Sicht auf die Geschichtswirksamkeit jedes einzelnen Menschen mit dem Blick auf dessen gesellschaftliche Gebundenheit und deren Wurzeln zu verknüpfen. Es wäre zu fragen, ob ein Individuum handelt, weil es seine Natur so verlangt oder weil dies letztlich gesellschaftliche Verhältnisse bewirken. Für den Historiker, der sich nicht allein auf Karl Marx, sondern auch auf Sigmund Freud beruft, gilt es, jedes starre Entweder-Oder zu meiden und nach dem Zusammenwirken verschiedener Ursachenkomplexe zu suchen.

Manches kam den Nazis von Anfang an zugute. Viele Deutsche hatten in der NSDAP schon zu Weimarer Zeiten nur so etwas wie eine begrüßenswerte Neuauflage früheren Ringens deutscher Imperialisten um einen »Platz an der Sonne« gesehen. Deutschem Vormachtstreben in Europa und der Welt galten heimlicher Beifall, stillschweigende Duldung, Ermunterung und offene Zustimmung. Dies betraf auch Menschen aus sozialen Schichten und Gruppen, die aus ihrer sozialen Situation heraus keineswegs aggressiv-expansionistische Positionen vertraten. Je größer vor 1933 die Enttäuschung über andere Parteien und Politiker geriet, desto bereitwilliger wurden auch jene Mittel und Methoden akzeptiert, welche die Nazipartei zur Erreichung ihrer Macht sowie für ihre geopolitischen, nationalistisch-rassischen und sozialpolitischen Ziele nutzte.

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Je erfolgreicher die NSDAP auf der politischen Bühne agieren konnte, desto höher schraubten sich zudem bei vielen Mitgliedern, Anhängern und Mitläufern erwartungsvolle Vorstellungen von jenem Deutschland, das von Marxisten und Juden »befreit« sowie von parlamentarischer Demokratie und Korruption »gereinigt«, nun endlich auch ihre eigene Situation verbessern würde. Gedacht wurde ferner oft an lohnenswerte Karrieren, was die Bereitschaft steigerte, selbst aktiv in Erscheinung zu treten. Völlig unbeachtet ließen die meisten Deutschen, dass ein künftiges Wohlergehen vor allem auf Kosten von Unterdrückung und Vernichtung zahlloser Nichtdeutscher erreicht werden sollte.

Friedensdemagogie

Dennoch: Das Denken und Verhalten der meisten blieb widersprüchlich. Der seit 1918 ausgesprochene Wunsch, es möge keinen Krieg mehr geben, war in den 1930er Jahren nicht verschwunden. Im Gegenteil, die friedensdemagogischen Parolen der Nazis haben ihn sogar noch befeuert. Aber die angestrebte und intensiv vorbereitete militärische Revision des Versailler Friedensvertrages und erst recht ein Krieg zur Erfüllung weitreichenderer Ziele konnten nicht gewagt werden ohne die Bereitschaft einer großen Bevölkerungsmehrheit, einen neuen Krieg zu dulden oder sogar an ihm aktiv mitzuwirken. Von Anfang an betrieb die NSDAP eine Politik, die der Machbarkeit eines kommenden Krieges diente und dafür eine mehrheitliche Akzeptanz unter den Deutschen schaffen sollte.

Inwieweit ihr das gelang, wurde im Führungsapparat sorgfältig beobachtet. So stellte, um nur ein Beispiel anzuführen, wenige Wochen nach der erfolgreichen »Heimholung« des Saargebietes im Januar 1935 und trotz allen Stolzes auf das bei Großkundgebungen »rasende« Volk Propagandaminister Joseph Goebbels in seinem Tagebuch unzufrieden fest (2. März 1935): »Alles hängt an seidenem Faden. Keine Massen loslassen. Dieses Volk muss noch durchgeknetet werden.« Im Zusammenhang mit der Verkündung der judenfeindlichen Gesetze auf dem Parteitag schrieb er am 24. Oktober 1935: »Mehr ans Volk heran! Keine faulen Entschuldigungen! Kein Fett ansetzen!«

Ein solches »Kneten« erfolgte nicht allein durch terroristische Unterdrückung, obgleich deren psychologische Wirkungskräfte keineswegs zu unterschätzen sind. Angestrebt und praktiziert wurde eine intensiv betriebene ideologische Beeinflussung. In dem Maße, wie dabei unter anderem das »Deutschtum« gepriesen wurde, entfaltete sich wachsender Raum für Feindbilder. Diese richteten sich vorwiegend gegen den »jüdischen Bolschewismus«, gegen das angeblich über die ganze Welt herrschende Judentum, gegen den »Erbfeind« Frankreich und die sogenannten Plutokratien in den angelsächsischen Ländern. Gegen sie müsse sich die von allen Seiten bedrohte deutsche Nation entschieden »wehren«, sich dringend »verteidigen« und »neuen Lebensraum« erkämpfen. Deutsche Überlegenheitsgefühle, rassistisch fundiert, paarten sich mit der Degradierung von Angehörigen anderer Völker zu »Untermenschen«.

Wie »geknetet« worden ist, kann insbesondere jener Rede entnommen werden, die Hitler am 10. November 1938 vor rund 400 Pressevertretern gehalten hat. Sie darf als ein enthüllendes und die Nazis bloßstellendes Schlüsseldokument gelten. In ihrem Mittelpunkt stand »die Aufgabe einer langsame(n) Vorbereitung des deutschen Volkes« auf einen Krieg. Offenherzig bekannte Hitler, »jahrzehntelang fast nur vom Frieden« geredet zu haben, weil lediglich »unter der fortgesetzten Betonung des deutschen Friedenswillens und der Friedensabsichten« eine Aufrüstung möglich gewesen sei. Weiter hieß es: »Es ist selbstverständlich, dass eine solche jahrzehntelang betriebene Friedenspropaganda auch ihre bedenklichen Seiten hat; denn es kann nur zu leicht dahin führen, dass sich in den Gehirnen vieler Menschen die Auffassung festsetzt, dass das heutige Regime an sich identisch sei mit dem Entschluss und dem Willen, den Frieden unter allen Umständen zu bewahren.« Vor den Schüssen an der Front wurde ins Gehirn der Menschen gefeuert – ein Gedanke übrigens, den zu befolgen Marketingtheoretiker schon seit mehr als hundert Jahren Verkäufern von Waren aller Art empfehlen.

Militarisierung

Der große Gegensatz, der darin besteht, dass Menschen sich einerseits mehrheitlich friedliche Verhältnisse und diplomatische Lösungen von Konflikten wünschen und andererseits regierende Minderheiten – wirtschaftliche, politische, militärische und geistige Eliten – bereit sind, eigene Ziele selbst mit militärischer Gewalt durchzusetzen, lässt sich wohl kaum deutlicher formulieren. Hitler warnte, zuviel Gerede über den Frieden könne »nur zu einer falschen Beurteilung der Zielsetzung dieses Systems führen«. Es würde, so Hitler in eigenwilligem Stil weiter, »vor allem auch dahin führen, dass die deutsche Nation, statt den Ereignissen gegenüber gewappnet zu sein, mit einem Geist erfüllt wird, der auf die Dauer als Defaitismus gerade die Erfolge des heutigen Regimes nehmen würde und nehmen müsste«.

Das Denken in den Kategorien des Friedens statt in denen des Krieges wurde als Bedrohung der eigenen Macht beurteilt, das hart zu bestrafen sei. Das galt indessen für die NSDAP keineswegs erst ab 1938/39. Bereits im Jahr 1930 hatte ihre Reichstagsfraktion – um nur ein Beispiel ihrer militaristischen Grundorientierung zu benennen – dem deutschen Parlament einen entsprechenden Gesetzentwurf vorgelegt. Darin war zu lesen, wer »zur Kriegsdienstverweigerung oder zu sonstigen, die Landesverteidigung gefährdenden Maßnahmen auffordert oder wer sich selbst der gesetzlichen Pflicht zur persönlichen Dienstleistung entzieht, wird wegen Wehrverrats mit dem Tod bestraft«.

Angst zu schüren vor angekündigter Verurteilung gehörte zu den wesentlichen Bestandteilen der propagandistischen Kriegsvorbereitung. Auch dafür benannte Hitler in seiner Rede vom 10. November 1938 – gleichzeitig übrigens mit den Feiern des 15. Jahrestags des Putsches in München und zu dem großen Pogrom gegen Jüdinnen und Juden – die zu verwendenden Mittel: Es sei »notwendig, das deutsche Volk psychologisch allmählich umzustellen und ihm langsam klarzumachen, dass es Dinge gibt, die, wenn sie nicht mit friedlichen Mitteln durchgesetzt werden können, mit Mitteln der Gewalt durchgesetzt werden müssen«. Dabei gelte es, »nicht etwa nun die Gewalt als solche zu propagieren«, sondern es sei »notwendig, dem deutschen Volk bestimmte außenpolitische Vorgänge so zu beleuchten, dass die innere Stimme des Volkes selbst langsam nach der Gewalt zu schreien beginnt«. Im »Gehirn der breiten Masse des Volkes« sei ganz automatisch und allmählich die Überzeugung auszulösen: Wenn man etwas »nicht im Guten abstellen kann, dann muss man es mit Gewalt abstellen«.

Prediger und Soldat zugleich

Geht es in den gegenwärtigen Debatten tatsächlich allein um die Mitglieder der Nazipartei, ist vor allem zu beachten, was deren Führung als Aufgabe jedes Mitglieds vorgab: Da war (mitunter formuliert analog zu den christlichen Geboten) immer die Rede davon, es sei zu jeder Stunde seines Lebens vom Mitglied ein willfähriges, gehorsames und eigenem verantwortungsbewusstem Denken entfremdetes Verhalten an den Tag zu legen. Das erste Gebot lautete: »Der Führer hat immer recht!«, das letzte: »Recht ist, was der Bewegung und damit Deutschland, d. h. deinem Volke nützt!« Das bereits erwähnte »Organisationsbuch der NSDAP« setzte bei Parteigenossen neben »deutschblütiger Abstammung« auch »Kampfbereitschaft«, »Opferbereitschaft«, »Selbstlosigkeit«, »Gehorsam«, »Manneszucht« usw. usf. voraus. Parteigenossen, so hieß es, hätten »Prediger und Soldat zugleich« zu sein.

Erwartet wurden also über ein normales Maß hinausgehende »Leistungen« für Kriegsvorbereitung und Krieg. Menschen nicht hundertprozentig konformer Gesinnung sollten von den Mitgliedern der NSDAP beobachtet, ja auch denunziert werden. Parteimitglieder sollten »mobilisierender Vermittler« sein und hatten für plebiszitär angelegte Akklamationsakte aller Art zur Verfügung zu stehen. Schließlich standen sie im Dienst der während des Krieges wachsenden personellen Anforderungen des Repressions- und Verwaltungsapparates in den okkupierten Gebieten.

Dies hatte Hitler offensichtlich im Sinn, als er am 2. Februar 1934 in einer Zusammenkunft der NSDAP-Gauleiter die wesentlichsten Aufgaben der Partei zusammenfasste: »1. Für die beabsichtigten Maßnahmen der Regierung das Volk aufnahmefähig zu machen, 2. angeordneten Maßnahmen der Regierung im Volk zur Durchsetzung zu verhelfen, 3. die Regierung in jeder Art und Weise zu unterstützen.« Gerade zur Durchsetzung außenpolitischer Ziele sei es »notwendig, das ganze Volk hypnotisch hinter sich zu haben«. Hitler fügte hinzu: »Die ganze Nation muss geradezu mit Sportgeist, mit Spielerleidenschaft an diesem Kampf interessiert sein; dies ist notwendig. Nimmt die ganze Nation an dem Kampfe teil, so verspielt (im Falle der Niederlage, M. W.) auch sie. Ist sie desinteressiert, verspielt nur die Führung. In einem Fall entsteht eine Wut des Volkes über den Gegner, im anderen über den ›Führer‹.«

Unter solchen Aspekten entwickelte Hitler eine Reihe von Grundsätzen nazistischer Verwaltung bzw. »Menschenführung«: Es sei notwendig, »dass nicht mehr Befehle und Pläne gegeben werden dürften, als in das Volk weitergetragen und in die Wirklichkeit umgesetzt werden könnten«. Und man dürfe auch jeweils nur einen Kampf führen: »Ein Kampf nach dem anderen (…). Demgemäß müssen wir das ganze Volk immer nur mit einem Gedanken erfüllen, es auf einen Gedanken konzentrieren.«

In diesem Zusammenhang befasste er sich auch mit dem vom Militär übernommenen Führerprinzip: »Führer, der vom Schicksal und nicht von einer Hausmacht auserwählt sei, könne immer nur einer sein; wer das ist, ist gar nicht so wesentlich, das Wesentlichste ist, dass alle hinter dem zweiten und den weiteren Führern stehen.« Für Hitler war, darin ist sich die Forschung völlig einig, es ganz sicherlich wesentlich, dass er selbst nicht nur an zweiter oder dritter Stelle stand. Dennoch ist die hier von ihm geäußerte komplexe Hierarchiesicht aufschlussreich. Hitler verstand sich offensichtlich nicht nur als Person, sondern auch als ein Modell und als systemstabilisierender Faktor. Er hatte durchaus den Herrschaftsmechanismus und zugleich sich selbst im Auge, als er den Gauleitern verdeutlichte: »Probleme, über welche die einzelnen Führungsstellen noch nicht im klaren sind, dürfen in der Öffentlichkeit keinesfalls diskutiert werden, denn sonst würde man dadurch der Masse des Volkes die Entscheidung zuschieben.«

Es ließen sich an dieser Stelle noch zahlreiche weitere Fakten anführen. Aber schon das Obige belegt, dass in den heutigen Debatten den Opas und Omas »Entscheidendes« nicht zugeschoben werden kann. Geschieht dies, geraten gravierende Ursachen des Denkens und Verhaltens von Menschen gerade in den Zeiten von Diktatur und Krieg in den Hintergrund. In der geschichtswissenschaftlichen Forschung wie auch in geschichtspolitischen Debatten über den historischen Faschismus sollte immer die Komplexität des Geschehens berücksichtigt und jegliches Entweder-Oder-Denken vermieden werden. Zu oft wird einseitig geurteilt, was wohl das »Entscheidende« für die Vergangenheit gewesen sei. Dies trifft jedoch auf viele Erscheinungen in den aktuellen Debatten zu. Die historische Verantwortung von »Opas« und »Omas« war jahrzehntelang ausgeblendet und sah sich insbesondere mit dem Motto »Der Hitler war’s« in den Hintergrund gedrängt. Auch in den Bemühungen um eine Analyse von individueller Verantwortlichkeit für Diktatur und Kriegsverbrechen deutscher Faschisten sollte kein Weg vorbeiführen an den hier dargestellten Politik- und Propagandakonzepten der NSDAP-Führung. Ohne den Blick der um ihre Macht kämpfenden oder sie ausübenden deutschen Faschisten auf die Menschen, die sie beherrschen und für großmachtpolitische Interessen nutzen wollten, bleiben Aussagen lückenhaft und Schlussfolgerungen über das »Böse« im Menschen von recht dürftigem Wert.

→ Manfred Weißbecker schrieb an dieser Stelle zuletzt am 31. August 2024 über den Beginn des Zweiten Weltkrieges mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen: »Den Frieden im Mund«

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Erschienen in der Ausgabe vom 21.07.2026, Seite 12, Thema

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