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26.06.2026, 17:00:05
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Messias auf der Bank
Ecuador siegt gegen Deutschland im dritten Spiel der WM-Vorrunde mit 2:1
Ein Witz sagt mehr als tausend Tore. Nach dem Spiel gegen die Côte d’Ivoire war das Netz überflutet von Memes, die sämtlich dieselbe Botschaft variierten: Undav liefert ab, Nagelsmann hasst ihn dafür. Denn, so die Unterstellung, des Knipsers Hochphase bringe des Trainers Plan durcheinander, Nagelsmann wolle von seiner liebevoll geplanten Startelf nicht abweichen. Jeder hat ja so recht, spottete Tucholsky, obwohl er nachweislich nie einem Eckkneipen-Public-Viewing beiwohnte. Gewiss ist Undav ein exzellenter Stürmer, und sicher muss ein Trainer irgendwann auf ein solches Leistungsgefälle zwischen Startspieler (Havertz) und Backup (Undav) reagieren. Doch bei einer Aufstellung spielen stets auch Gründe mit, die am Bildschirm schwer zu identifizieren sind. Eine eingespielte Formationen mitten im Turnier zu ändern ist ein Risiko.
In der Sehnsucht nach Undav steckt die Sehnsucht nach dem Goalgetter. Seeler, Fischer, Heynckes, Rummenigge, Allofs, Kirsten, Völler, Klinsmann, Klose, Gomez, die drei Müllers (Gerd, Dieter, Thomas), vier, wenn man den Burgsmüller mitrechnet – deutscher Fußball war immer ein Fußball der starken Stürmer. Die Tore am Fließband machten. Bloß, diese Spezialisten sind in den Spielaufbau weniger eingebunden gewesen, was beim Niveau des modernen Fußballs zunehmen zum Problem wurde. So hat der DFB in seiner großen Krise um 2002 die Jugendarbeit neu ausgerichtet. Das Ziel: mit den starken Spielkulturen Europas wieder mithalten können. Die Spieler in der Jugend spezialisieren sich seither nicht mehr so früh, man legt Wert auf sogenannte Polyvalenz, vielseitige Einsetzbarkeit, auf taktische Fähigkeiten also, Ballbeherrschung und Passspiel. Alle Spieler – selbst Stürmer, selbst Keeper – sollen in den Spielaufbau eingebunden werden können. Die Aufgabe, Tore zu machen, verteilt sich damit mehr auf die gesamte Mannschaft. Ohne diese Umstellung hätte der DFB wohl den Anschluss verloren, den Nagelsmanns Team derzeit gerade so halten kann. Allerdings schießen Stürmer, die mehr mitspielen, weniger Tore. Zumindest deutsche, und auch bei Spanien zeigen sich immer mal wieder ähnliche Probleme. An England und Frankreich kann man sehen, dass spielender Stürmer und Goalgetter keinen Widerspruch machen. Harry Kane etwa geht weite Wege, die eine Zuordnung für den Gegner unmöglich machen, er arbeitet defensiv, er leitet die Offensive ein, und dennoch hatte er in der Liga eine Quote von 66 Minuten pro Tor. Die Engländer sind glücklich, der Kane ist ihr Schicksal. Dass Undav der deutsche Kane wird, das verhindere, so glaubt man in Stammtischdeutschland, derzeit nur ein einziger Mensch. Dummerweise halt der, der die Entscheidungen trifft.
Beim dritten Spiel der Gruppenphase ließ Nagelsmann den Messias der Stunde erneut auf der Bank. Dafür gab es zwei andere Änderungen, verletzungsbedingt. Für Schlotterbeck rückte Rüdiger in die Innenverteidigung, Brown wurde durch den etwas robusteren Raum in der linken Außenverteidigung ersetzt. Wegen Beschwerden an Abduktoren. Muskeltypen genauer, die Bewegungen von Gliedern zur Körpermitte besorgen. Mit Rücksicht auf die grundlegende Tendenz der nagelsmannschen Truppe, vor allem durch das Zentrum zu spielen, scheint Browns Verletzung nachgerade exemplarisch. Auch im dritten Spiel in Folge schaffte die deutsche Auswahl nicht, das Stottern in den mechanischen Abläufen abzustellen. Sie, für die es im dritten Gruppenspiel um nichts mehr ging, verlor mit 1:2 gegen das Team aus Ecuador, das um die Playoffs noch kämpfen musste. Diesen Unterschied in der Motivation konnte man auf dem Platz sehen.
Ecuador lief gegen das 4-2-3-1 der Deutschen, das bei Ballbesitz asymmetrisch durch Aufrücken über links in ein 3-2-4-1 wechselte, mit derselben Formation auf, exakt gespiegelt, was eine Eins-zu-eins-Zuordnung ermöglicht. Allein, die Abläufe zeigten sich dann subtiler, als die Raumaufteilung es hatte vermuten lassen. Die Deutschen schossen ein schön anzusehendes Tor in der zweiten Spielminute, Sané hatte einen seiner Momente, der Vorlage von Wirtz war allerdings ein nicht geahndetes Foul von Pavlović vorausgegangen. Seltsamerweise bemühte die Schiedsrichterin nicht den VAR, der für exakt solche Situationen ja eigentlich da ist. Sieben Minuten später gelang Angulo der Ausgleich mit einem gezirkelten und aufsetzenden Distanzschuss, bei dem Neuer nicht gut aussah. Ganze zehn Minuten hatten die Deutschen das Spiel kontrolliert, ab da setzte Ecuadors Elf sie bis zum Ende unter Stress, provozierte Fehler und konnte spielerisch (nicht nur taktisch) mithalten. 51 gegen 49 Prozent in den Zweikämpfen, 83 gegenüber 87 Prozent Passquote, sieben gegen elf Torschüsse zeichnen das Bild einer ausgeglichenen Partei. Allerdings war Ecuador über die gesamte Distanz deutlich gefährlicher, nach Expected Goals standen 1,27 für Ecuador und 0,65 für Deutschland zu Buche. So darf man das Siegtor in der 77. Minute, bei dem Neuer einfach wartete, dass der Ball in seine Arme fliege, und den direkt neben ihm stehenden Plata offensichtlich nicht bemerkte, als verdient bezeichnen.
Ecuadors Zugriff aufs Spiel schien exakt justiert auf die Schwächen im deutschen Aufbau. Trainer Sebastián Beccacece muss sein Mittelfeld angewiesen haben, sich in halber Distanz zum deutschen Mittelfeld zu bewegen. Aus dieser Position konnten die ecuadorianischen Spieler immer wieder zwischen Pressing und tiefer Raumdeckung wechseln. Nagelsmanns Männer hatten sichtbar Schwierigkeiten, sich auf diese permanente Veränderung im Spiel gegen den Ball einzustellen. Die DFB-Elf versuchte einen organisierten Spielaufbau, verlor aber entweder zügig den Ball, weil Ecuador exzellentes Pressing (und vor allem Gegenpressing) an den Tag legte, oder kam nicht zum Tor, weil Ecuadors den Raum dicht machte. In den Zweikämpfen traten die deutschen Spieler nicht aggressiv genug auf, und gegen die Raumdeckung versuchten sie es bis zum Ende durchs Zentrum. Geschlossene Abwehrreihen knackt man am ehesten, indem man das Angriffsspiel breit macht und über die Flügel kommt, der Gegner ist dann gezwungen, seine Reihen zu dehnen. Doch wenn man schon streng im Zentrum bleibt, muss man zumindest Spieler in die dichten Abwehrreihen des Gegners vorschicken, andernfalls fehlen die Anspielstationen für vertikale Pässe. Allzu oft probierten Wirtz, Sané und Musiala es mit Dribblings, statt ohne Ball vorzustoßen, um für das Anspiel bereitzustehen, und da keiner von den dreien Messi heißt, klappte das nur bedingt.
So hat auch der dritte Auftritt der Deutschen die Fehler im Betriebsablauf freigelegt. Das individualtaktische Verhalten der einzelnen Spieler will nicht so recht zur mannschaftstaktischen Ausrichtung passen. Die Spieler sollen nach taktischer Maßgabe ihres Trainers ein System spielen, das ihren Fähigkeiten, nicht aber ihrem Naturell entspricht. Sie können Pässe, doch es mangelt an Geduld, sie können sich im gegnerischen Strafraum behaupten, möchten aber nicht ohne Ball in die Tiefe vordringen, beherrschen (und benötigen) hohes Pressing, sind aber nicht aggressiv genug.
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