Baukultur eigener Prägung
Das fotografische Archiv der Ostmoderne will das bauliche Erbe der DDR, das vielerorts bereits verschwunden ist, bewahren
Die Ostmoderne verschwindet – oft bevor wir begonnen haben, sie zu verstehen. Zwischen 1949 und 1990 entstanden in der DDR 2,5 bis drei Millionen Neubauwohnungen. Der Großteil davon wurde in industrieller Bauweise errichtet. Was als dringende Antwort auf Wohnungsnot und Kriegszerstörungen begann, mündete in eine standardisierte Baukultur eigener Prägung: die Ostmoderne. Typenbauten mit einer geförderten architekturbezogenen Kunst schufen Stadtlandschaften, die von vielen heute abgewertet werden. Das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz mahnte bereits 1995 in seinem Grundsatzpapier »Nicht vergessen, sondern schützen und aufheben!« den Erhalt dieser Architektur an. Die Praxis sieht anders aus: Durch Abriss oder das Verschwinden unter Dämmschichten geht ein einzigartiges bauliches Erbe verloren.
Die Großwohnsiedlungen der DDR sind keine zufällig entstandenen Orte. Es handelt sich um gebaute Gesellschaftsentwürfe, um Wohnraum in industriellem Maßstab zu schaffen. Seit vielen Jahren dokumentiere ich diese Stadträume der Ostmoderne fotografisch. Ausgangspunkt meiner Arbeit ist ihr Verschwinden. Die Veränderungsprozesse in den 1990er und 2000er Jahren beschleunigten Rückbau und Abriss. Gebäude, die über Jahrzehnte den Alltag von Millionen Menschen geprägt hatten, verschwanden aus dem öffentlichen Bewusstsein. Serien wie die Wohnungsbauserie 70 (WBS 70), Plattenbautypen des P2 (Paralleltyp 2) oder regionale Weiterentwicklungen entstanden aus dem Bestreben, rationell, schnell und ressourcenschonend zu bauen.
Der P2 war ein seit 1964 DDR-weit eingesetzter Großtafelbautyp der frühen industriellen Wohnungsbauentwicklung. Weil der zu teuer war, entwickelten Wilfried Stallknecht und Achim Felz ab 1969 an der Deutschen Bauakademie und der TU Dresden die WBS 70. Grundlage war eine modulare Bauweise auf Grundlage von 1,20 Meter großen Betonelementen. Sämtliche Bauteile wurden vorgefertigt. Ihre modulare Konstruktion ermöglichte zahlreiche Variationen. Eine Querwandkonstruktion trägt die Hauptlasten über die quer zur Gebäudelängsachse stehenden Innenwände, was die Grundrisse flexibler machte. Obwohl die Gebäude auf standardisierten Elementen basierten, entstanden dadurch überraschend vielfältige Variationen: Unterschiedliche Gebäudehöhen, Fassadentypen, Eingangsbereiche oder städtebauliche Anordnungen verleihen vielen Siedlungen bis heute einen eigenen Charakter.
Fotografisch interessant wird es, wenn an dem standardisierten System individuelle Eigenheiten sichtbar sind. Die staatlichen Wohnungsbaukombinate der Bezirke passten die WBS 70 an lokale Bedingungen an und schufen regionale Abwandlungen. Hinzu kam ein Aspekt, der heute häufig unterschätzt wird: die enge Verbindung von Bau und architekturbezogener Kunst. Wandmosaike, Betonstrukturen, Keramikreliefs, Plastiken oder gestaltete Freiräume sollten Orientierung schaffen, Identität stiften und die seriell produzierten Gebäude aufwerten. Der baukulturelle Wert dieser Architektur liegt deshalb nicht allein in ihrer Konstruktion, sondern ebenso in den zahlreichen künstlerischen Interventionen.
→ Ein fortlaufendes Archiv findet sich auf ost-moderne.de.
Zur Person
Christoph Liepach (1990) hat Integriertes Design und Fotografie in Dessau und Leipzig studiert. In seiner fotografischen Arbeit setzt er sich mit den kulturellen Hinterlassenschaften der DDR sowie mit Fragen von Identität und Gegenwart auseinander. Seine Publikation »Gera Ostmodern« (2019) wurde 2020 für den Wettbewerb »Deutschlands schönstes Regionalbuch« nominiert. Seit 2019 ist er Herausgeber bei sphere publishers und arbeitet heute in Dessau an der Dokumentation und Inventarisierung von angewandter Kunst sowie Kunst im öffentlichen Raum.Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
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