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Fußballrealität

»FIFA go home«

Schlaglichter auf die Geschichte der Fußball-WM (Teil 4)

Von Carlos Gomes und Glenn Jäger
Foto: Apress/IMAGO
Sein schönstes Lächeln: Franz Beckenbauer wirbt für die Fußball-WM 2006 in Deutschland

Alles schon mal gehabt? Proteste gegen die milliardenschweren Ausgaben der WM-Gastgeber und eine FIFA, die die Hand aufhält, ohne Steuern zu zahlen? Ein Rückblick.

Elfter Juni 2026, Mexiko-Stadt: Vor dem WM-Eröffnungsspiel im Aztekenstadion kocht die Stimmung hoch. Demonstrationen gegen die ökologischen Folgen der WM-Bauarbeiten; Lehrerstreiks für bessere Arbeitsbedingungen, gestürzte Fußballerskulpturen, besprüht mit Parolen wie »Wenn es keine Lösung gibt, wird der Ball nicht rollen«.

Selbst die vergleichsweise fortschrittliche Politik von Präsidentin Claudia Sheinbaum schützte nicht vor Protesten. Wie schon in Südafrika 2010 und Brasilien 2014 zeigte sich in Mexiko ein strukturelles Problem von Fußballweltmeisterschaften: Die Gastgeber müssen enorme Summen in Infrastrukturprojekte investieren – Geld, das an anderer Stelle fehlt. Auch progressive Regierungen haben nicht viel Spielraum, denn im aktuellen FIFA-System tragen die Ausrichter die Kosten allein, während der Weltfußballverband den Großteil der Einnahmen einstreicht.

Dabei hatte der Beginn des 21. Jahrhunderts durchaus Hoffnungen geweckt, die FIFA könnte sich endlich dem in Artikel 2 ihrer Statuten verankerten Ziel widmen, den Fußball weltweit unter Berücksichtigung seines »völkerverbindenden, erzieherischen, kulturellen und humanitären Stellenwerts« zu verbreiten.

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2002 fand die WM erstmals in Asien statt. Bei dieser Entscheidung dürfte die FIFA auch von der Aussicht auf die Erschließung neuer Märkte getrieben worden sein. Doch dem Weltfußballverband gelang mit Japan und Südkorea als Gastgebern etwas Bemerkenswertes: Er brachte zwei historische Rivalen zur Zusammenarbeit. Die Beziehungen zwischen beiden Ländern sind bis heute von der japanischen Kolonialherrschaft über Korea (1910–1945) geprägt. Trotzdem organisierten sie gemeinsam ein erfolgreiches Turnier. Mitten im WM-Fieber unterstützten viele japanische Fans nach dem Ausscheiden der eigenen Mannschaft sogar Südkorea – ein Bild, das vor dem Turnier kaum vorstellbar gewesen wäre.

Beflügelt von dieser »doppelten« Unterstützung besiegte Südkorea in der K.-o.-Runde Italien und Spanien – wenn auch offenbar mit etwas Wohlwollen der Schiedsrichter – und erreichte als erste asiatische Mannschaft das Halbfinale. Dort beendete ein Tor von Michael Ballack das Abenteuer der »Roten Teufel«. Im Endspiel revanchierte sich Ronaldo für die Enttäuschung von 1998 und schoss Brasilien mit einem Doppelpack zum 2:0-Sieg über Deutschland – und zum fünften WM-Titel.

Nach Asien sollte – so auch der Wunsch der FIFA-Führung um Joseph »Sepp« Blatter – Afrika ein Turnier ausrichten. Doch Deutschland setzte sich bei der Vergabe der WM 2006 knapp gegen Südafrika durch und feierte später das »Sommermärchen«. Dessen Entstehung erinnerte eher an eine Mafia-Seifenoper als an eine phantastische Erzählung: fragwürdige Freundschaftsspiele mit überteuerten TV-Verträgen, ein bis heute ungeklärter Geldtransfer über 6,7 Millionen Euro zwischen Adidas-Boss Robert Louis-Dreyfus, Organisationskomiteechef Franz Beckenbauer und dem katarischen FIFA-Funktionär Mohamed bin Hammam sowie die rätselhafte Rolle von Charles Dempsey. Der Vertreter Ozeaniens verließ während der Abstimmung plötzlich den Raum – und enthielt sich damit der Stimme, die er im Auftrag seines Verbandes eigentlich Südafrika hätte geben sollen. Genau diese fehlende Stimme gab den Ausschlag: Deutschland setzte sich mit 12:11 durch.

Erst 2010 durfte Südafrika die WM ausrichten – und bot den Rahmen für ein unvergessenes Fußballfest: Shakiras »Waka Waka«, die allgegenwärtigen Vuvuzelas, Spaniens Tiki-Taka auf dem Weg zum ersten WM-Titel von »La Roja«. Zu den symbolträchtigsten Momenten gehörte Nelson Mandelas Auftritt bei der Pokalübergabe. Für ein Land, das sich noch nicht lange zuvor von der Apartheid befreit hatte, war das Turnier zugleich eine Demonstration politischer Selbstbehauptung. Bei aller Begeisterung regte sich jedoch auch Widerstand gegen explodierende Baukosten und die weitreichenden Sonderregelungen, die die FIFA durchsetzte: »Sicherheitszonen« rund um die Stadien, Demonstrationsverbote sowie eine komplette Steuerbefreiung für den Verband.

Vier Jahre später wiederholte sich das Muster in Brasilien. Hunderttausende gingen gegen die WM-Auflagen auf die Straße. »FIFA go home« lautete einer der Slogans. Die Proteste setzten den Weltfußballverband derart unter Druck, dass er bei einzelnen organisatorischen Fragen nachgeben musste. Am Grundprinzip änderte sich jedoch nichts: Um die Vorgaben der FIFA zu erfüllen, müssen Gastgeberländer enorm in Sportinfrastruktur investieren, deren Nutzen nach dem Turnier oft begrenzt bleibt. Sportlich endete die WM für Brasilien zudem in einem Trauma, dem 1:7 gegen Deutschland. Wenige Tage später holte die DFB-Elf mit einem 1:0 gegen Argentinien ihren vierten WM-Titel. Doch die Stunde der Albiceleste sollte acht Jahre später einmal mehr schlagen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 02.07.2026, Seite 16, Sport

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