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BRD im Bann der Bahn
Technische Störung legt kompletten Zugverkehr lahm; das finden alle zum Kotzen
»IT-Störung: Kein Bahnbetrieb bundesweit«, teilte die Deutsche Bahn (DB) am Dienstag kurz vor Mitternacht mit und gelobte: »Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die Störung zu beheben.« Doppelt hält besser: »Unsere Techniker sind mit Hochdruck daran, die Störung zu beheben.« Grund sei eine »Störung des digitalen Bahnfunks GSMR«. Zur Abwechslung hat der Deutschland-Turbo gezündet, so dass der totale Stillstand binnen zweier Stunden behoben werden konnte und viele Züge seit Mittwoch morgen wieder rollen. Dem Konzern hat die unfreiwillige Nachtruhe dennoch reichlich Kritik beschert.
Zuvörderst sind die Fahrgäste bedient. »Wir waren jetzt mehr als elf Stunden in dem Zug drin«, klagte ein Reisender gegenüber dpa, als seine Odyssee von Mannheim nach Berlin nach nahezu sechs Stunden Verspätung endete. Gleichsam angestrengt habe die Panne demnach die Beschäftigten an den Serviceschaltern. In den sozialen Medien kursieren etliche Aufnahmen von langen Schlangen. Viele Pendler sollen von der Unterbrechung indes überhaupt nichts gemerkt, in der Frühe allenfalls stutzig die ärger als üblich ausfallenden Verspätungen zur Kenntnis genommen haben. Aus Duisburg zitierte dpa eine Passantin: »Alles läuft wie immer.«
Diverse Medien haben den Unmut zum Anlass genommen, sich am Mittwoch zu Verbraucherschützern aufzuschwingen. »Welche Entschädigungen oder Erstattungen gibt es für Kunden«, fragte und beantwortete etwa der Spiegel. Bei einer Verspätung von mindestens einer Stunde winke demnach eine Erstattung von 25 Prozent des Ticketpreises, bei mehr als zwei 50 Prozent. Ferner erstatte DB bis zu 120 Euro für Taxifahrten und Übernachtungen in einfacheren Hotels. In der Nacht händigt der Konzern sogar entsprechende Gutscheine aus. Eine Abschätzung der Kosten des Debakels konnte seine Pressestelle jW bis Redaktionsschluss nicht mitteilen.
Apropos Kosten: Betroffen waren und bleiben nach Auskunft ihres Verbandes vorerst die privaten Güterbahnen. Letztere führen »vor allem nachts« und seien darum »besonders stark von der Störung betroffen«, ließ sich Geschäftsführerin Neele Wesseln am Mittwoch vernehmen. »Circa die Hälfte unserer Güterzüge steht aber verteilt im Land und an den Grenzen noch immer still«, zumal die Lage weiterhin »extrem angespannt« sei, da »Güter-, Nah- und Fernverkehr gleichzeitig auf Weiterfahrt warten«. Tage werde es dauern, »diesen Logistikstau abzuarbeiten«, forderte Wesseln von DB schließlich »eine lückenlose Aufklärung«.
Damit ist der Verband nicht allein. Sollte der Patzer hausgemacht sein, müsse die Bahn ihre Systeme so aufstellen, dass sich das nicht wiederhole, mahnte Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) via dpa. Ihm schloss sich der stellvertretende SPD-Fraktionschef im Bundestag, Armand Zorn, an: »Wenn eine technische Störung den Bahnverkehr in großen Teilen Deutschlands beeinträchtigen kann, dann muss schnell und umfassend gehandelt werden.« Mehr noch: »Der Bahnverkehr ist eine Frage der nationalen Sicherheit«, nämlich »für Millionen Menschen, Unternehmen und auch für die militärische Sicherheit unerlässlich«.
Die Opposition knöpfte sich derweil wie gehabt die Regierung vor. »Nach Jahrzehnten unionsgeführter Verkehrspolitik reicht offenbar ein technischer Defekt, um die Republik aufs Abstellgleis zu schicken«, wetterte Lorenz Gösta Beutin von Die Linke im Bundestag. Das sei die Quittung dafür, dass man jahrelang nur auf das Auto gesetzt habe und obendrein nicht der Klimakrise angemessen. »Wer die Klimaziele erreichen will, muss Millionen Menschen eine verlässliche Alternative zum Auto bieten«, forderte Beutin und erinnerte daran, dass »das Versprechen, mit Privatisierung und betriebswirtschaftlichem Denken werde alles besser«, nicht erfüllt worden sei.
Gegen Mittwoch mittag, lang nachdem ein propagandistisch aufgehetzter Mob sich im Netz darauf festgelegt hatte, dass der schreckliche Iwan aus Russland für den Angriff schuld sei, klärte DB endlich über die Hintergründe des Stillstands auf. Die Störung des GSMR habe der »planmäßige Tausch einer technischen Komponente« verursacht. Klar war den tatsächlich Verantwortlichen damit aber nicht viel mehr als zuvor, zumindest gestand Philipp Nagl, Chef der Infrastrukturgesellschaft DB Infra-GO: »Wie es dadurch genau zu der Störung kam, analysieren wir nun mit höchster Priorität.« Fest steht indes, dass der Bahnfunk eine Generalüberholung nötig hat. »GSM ist das, was man heute 2G nennen würde, und wir sind ja gerade beim Übergang von 5G auf 6G«, illustrierte Tarek Al-Wazir (Bündnis 90/Die Grünen), Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Bundestag, den Stand der Technik.
Das sekundierte der Vorsitzende des Fahrgastverbands Pro Bahn, Detlef Neuß: »Wir erwarten von der Bahn, dass sie auch beim Zugfunk für mehr Resilienz sorgt.« Einen weiteren Arbeitsauftrag hatte Oliver Krischer, grüner Verkehrsminister Nordrhein-Westfalens, parat: Es brauche »Notfallmechanismen, die ein solches Desaster in Zukunft vermeiden«. Mal wieder sind im Autoland alle unzufrieden mit dem Schienenverkehr. Immerhin kann DB mit Fug und Recht ein neues Motto angedichtet werden: Auch wenn es grad’ niemand will, stehen alle Räder still.
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