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Fußball-WM

Das Ganze verschwindet

Eine noch so korrupte FIFA konnte den Geist der Fußballweltmeisterschaft bisher nicht zerstören. Wenn jetzt das Turnier vor allem in den USA ausgetragen wird, ist selbst das nicht mehr sicher

Von Gabriel Kuhn
Foto: REUTERS/Luis Cortes
Letzte Maßnahmen vor legendärer Kulisse: Das Aztekenstadion in Mexiko-Stadt, wo das Eröffnungsspiel stattfinden wird

Zum Auftakt der 23. Fußballweltmeisterschaft der Herren treffen am heutigen Donnerstag die Mannschaften von Mexiko und Südafrika aufeinander. Die Teams laufen im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt auf. Das ist ein Vorteil. Es lässt einen fast vergessen, dass drei Viertel aller Spiele in den USA stattfinden werden. Eine Tatsache, die allen progressiv orientierten Fußballfans sauer aufstoßen muss.

Dass Fußballweltmeisterschaften der Herren politische Implikationen haben, ist nichts Neues. Es gab die faschistische Propagandashow in Italien 1934, die WM der Folterkammern in Argentinien 1978, und seit Jahren schon werden alle Weltmeisterschaften von Protesten begleitet: In Südafrika 2010 und Brasilien 2014 standen soziale Fragen im Vordergrund (warum so viel Geld für ein Fußballturnier, wenn für Schulen, Krankenhäuser und öffentlichen Verkehr keines vorhanden sein soll?), 2018 in Russland und 2022 in Katar kuschelte die FIFA mit autoritären Machthabern, und 2026 – nun ja. Die Anbiederung an die Autokraten dieser Welt nahm durch die absurde Verleihung eines Friedenspreises an Donald Trump im Dezember 2025 völlig neue Dimensionen an.

Am schlimmsten ist jedoch, dass die Austragung der Fußball-WM unter den gegebenen Bedingungen in den USA es verunmöglicht, nach dem letzten Strohhalm zu greifen, mit dem sich Fußballweltmeisterschaften immer legitimieren ließen, nämlich, dass sportliche Großereignisse im Dienste der Völkerverständigung stünden.

Völkerverständigung

Vor einigen Wochen traf ich eine Bekannte aus dem Sudan. Nennen wir sie Nadia. Nadia lebt heute in einer europäischen Metropole und hat einen fußballbegeisterten Sohn, der sich im Rollstuhl fortbewegt. Nadia ist weltoffen und alles andere als eine Apologetin des Kafala-Systems im Nahen Osten, das die extreme Ausbeutung migrantischer Arbeitskräfte für die Bauten der WM-Stadien in Katar ermöglichte. Doch als Nadia mit ihrem Sohn von einer in Katar lebenden Freundin eingeladen wurde, sie während der WM zu besuchen, konnte sie das Angebot nicht ausschlagen.

Die Woche, die Nadia mit ihrem Sohn dort verbrachte, war wunderbar. Sie bekamen Freikarten, um zusätzliche Spiele zu sehen, trafen Cristiano Ronaldo und beschrieben die Stimmung als famos. Zweifelsohne war sie auch stolz darauf, dass all dies in einem arabischen Land geschah. Kurz, der Fußball zeigte, welche Kraft in ihm steckt. Auch wenn fast alles um ihn herum falsch läuft, bringt er Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen zusammen und schenkt ihnen unvergessliche Erinnerungen.

Dies ist wertzuschätzen. Problemfrei ist es freilich nicht. Vielen Menschen bleiben solche Erfahrungen verwehrt. Zunächst aus ökonomischen Gründen. Menschen mit geringem Einkommen können sich WM-Spiele vor Ort schon lange nicht mehr leisten. In den USA schlagen die Summen, die für einen Stadionbesuch aufgebracht werden müssen, alles bisher Dagewesene. Nicht nur die Eintrittskarten sind überteuert, auch die Hotels und die Anreise zu den Stadien. 1.000 Euro ist man für ein Hotelzimmer schnell los, zehnminütige Busfahrten werden für 100 Euro angeboten. Für eine Flasche Wasser sind acht Euro zu berappen. Die FIFA wollte gar das Mitbringen eigener Wasserflaschen zum Auffüllen verbieten. Sicherheitsbedenken. Natürlich. Wer mit B-2-Tarnkappenbombern operiert, muss sich vor Wasserflaschen fürchten. Nach heftigen Protesten ruderte die FIFA schließlich zurück. Leere Wasserflaschen dürfen nun ins Stadion mitgebracht werden – solange sie aus Weichplastik sind!

Doch in den USA sind die Ausschlüsse vom Fußballfest nicht nur ökonomisch bedingt. Womit wir wieder bei der Völkerverständigung wären. Vielen Fans wird die Teilnahme aus politischen Gründen verwehrt. Die Liste der Länder, für deren Staatsbürger die USA im Moment nur sehr beschränkt oder gar keine Visa ausstellt, ist sehr lang. Zu diesen insgesamt 75 Ländern zählen 18 WM-Teilnehmer, von Brasilien über Bosnien-Herzegowina bis Tunesien. Ein Teilnehmerland, der Iran, wird von den USA seit Monaten militärisch angegriffen. Den iranischen Spielern wurden großzügigerweise für die WM Visa ausgestellt, doch nicht allen Funktionären. Hier findet ein unwürdiger politischer Machtkampf statt.

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Wie sieht es in den USA selbst aus? Seit Donald Trump wieder als Präsident im Amt ist, werden dort Migranten gejagt, eingesperrt und im schlimmsten Fall ermordet. Jetzt soll in diesem Land ein Fest zur Völkerverständigung stattfinden? Mehr Zynismus geht nicht.

Vermarktung

Trotzdem wird die WM nicht nur abgehalten, sondern auch gefeiert werden. Boykottdebatten wurden von denjenigen, die sie hätten vorantreiben können – Politiker, Sportfunktionäre, Athleten – unmittelbar abgewürgt. Dies sei unrealistisch, Spieler und Fans dürften nicht bestraft werden, und natürlich der Dauerbrenner: Sport und Politik sind strikt zu trennen. Halleluja. Als wäre das möglich.

Das von der FIFA inszenierte Spektakel bleibt populär genug, um es auf Teufel komm raus zu vermarkten. Die FIFA hält sich offenbar für unangreifbar. Gibt es irgendeinen Fußballfan, der sie gut findet? Nein. Aber das ist ihr egal. Sie hat ein Produkt, zu dem die Fans nicht nein sagen können. Tatsächlich: Selbst kritische Fußballmagazine liefern brav ihre WM-Sonderhefte ab, und auch, wenn sie dabei Bauchweh haben, schließen Fans überteuerte TV-Abos oder suchen die nächste Public-Viewing-Location auf.

Und auch der sportliche Wert der WM ist mittlerweile flötengegangen. 48 Teams? Was ist das für eine Endrunde? Das sind fast ein Viertel aller Mitgliedsländer der FIFA. Zu den Krachern der Vorrunde zählen Begegnungen wie Kanada gegen Katar und Paraguay gegen Australien. Danach kommen 32 Teams ins Playoff. Ein Sieg in drei Vorrundenspielen kann dafür reichen. Wer hat sich den Modus ausgedacht?

Es gab eine Zeit, da spielten nur Teams bei der Endrunde, die die Teilnahme nach einem langen und harten Qualifikationsprozess verdient hatten. Es gab keine Abkürzungen über sinnlose Wettbewerbe wie die UEFA Na­tions League. Der Verteilungsschlüssel war falsch – viel zu viele Teams aus Europa –, aber nicht das Prinzip: Eine Endrunde sollte aus den besten Teams bestehen. Für die Fans war es damals möglich, das gesamte Turnier im Auge zu behalten. Sie konnten nicht nur alle Spiele sehen, sondern sich auch an alle erinnern. Sie konnten sich mit den Spielern aller Teams vertraut machen und den gesamten Turnierverlauf aufmerksam verfolgen. Heute steht die Vermarktung jedes einzelnen Spiels im Vordergrund. Das Ganze verschwindet.

Gegenbewegung

Die Ausbeutung des Fußballs durch die FIFA funktioniert, weil der Fußball ein globaler Volkssport ist. Er wird beinahe überall gespielt, verlangt keine teure Ausrüstung, Spielflächen lassen sich improvisieren, die Regeln an die Gegebenheiten anpassen (»drei Ecken, ein Elfer«). Die Liebe zum Sport wird von Generation zu Generation weitergereicht, es gibt ein kollektives Gedächtnis, eine genuine, gemeinsame Freude am Spiel, der Bewegung, der Spannung. Man lernt viel über das soziale Miteinander, gewinnt neue Freunde, erweitert seinen Horizont. Der Fußball ist nicht der populärste Sport der Welt wegen der FIFA – die FIFA nutzt die Macht des Fußballs als Volkssport schlicht schamlos für ihre Interessen aus. Sie lässt das Schöne am Sport zur Karikatur verkommen.

Nur eine Basisbewegung kann den Fußball aus den Klauen der FIFA befreien. Und in Ansätzen ist sie auch vorhanden, nicht zuletzt in Deutschland. Es gibt organisierte kritische Fans, linke Sportvereine, »wilde« und »bunte« Ligen, antifaschistische Fußballturniere. In Italien hat man dafür sogar einen Namen: »calcio popolare«. Wächst die Bewegung und werden die internationalen Verbindungen stärker, wäre eine Fußballrevolution möglich. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Auch bei der WM in den USA sind Proteste zu erwarten: gegen die FIFA, gegen die US-Regierung, gegen die auf den Straßen wütenden ICE-Agenten. Die Proteste werden das Turnier nicht verhindern können, doch sie werden einen wichtigen aufrührerischen Begleitton schaffen.

Was ist sportlich zu erwarten? Die Favoriten sind letztlich immer die gleichen. Minus Italien. Der vierfache Weltmeister hat sich zum dritten Mal in Folge nicht qualifiziert, ein Boykott der besonderen Art. Es bleiben Brasilien, Titelverteidiger Argentinien und die europäischen Dauerbrenner, vor allem Spanien und Frankreich. England? Es wäre fast ein Wunder. Deutschland? Naja. Die heißesten Außenseiter? Norwegen. Oder ein afrikanisches Team, das endlich den ganz großen Durchbruch schafft. Senegal, der moralische Sieger des Afrikacups? Oder doch Marokko, dem der Titel zugesprochen wurde und das vor vier Jahren in Katar schon im Halbfinale stand?

Eine Freude für Fußballfans sind immer neue WM-Teilnehmer. Curaçao steht hier ganz oben. 150.000 Einwohner, koloniale Geschichte, multikulturell. Man muss sich wünschen, dass es gut für das Team läuft. Wie es der Zufall haben wollte, ist Curaçao Auftaktgegner der DFB-Auswahl. Das Match steigt am 14. Juni in Houston.

Auch an den Kapverden sollte der politisch geneigte Fan seine Freude haben. Er darf gerne an das Erbe von Amílcar Cabral und der Befreiungsbewegung PAIGC denken. Eine politische Dimension hat auch das Antreten Jordaniens. Viele der Spieler im Team stammen aus palästinensischen Familien.

Es ist keine Schande für fußball­interessierte Menschen, die WM zu verfolgen. Eine Schande ist es, dass dafür so viele Kompromisse zu machen sind. Sport und Politik sind nicht zu trennen. Es ist an der Zeit, das Beste daraus zu machen. Der Sturz der FIFA würde nicht nur den Fußball befreien, sondern hätte enorme politische Konsequenzen. Die Welt wäre eine bessere.

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.06.2026, Seite 9, Schwerpunkt

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