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Comic

Raus aus dem Würgegriff

Alison Bechdels Comicroman »Kaputt« benennt die linken Widersprüche im Spätkapitalismus

Foto: Reprodukt
Das wird teuer

Alison Bechdel denkt sich nichts aus. Auch in ihrer neuen Graphic Novel schreibt sie hart an ihrer Autobiographie entlang. »Kaputt« ist aber nicht nur autofiktional, sondern noch dazu hochgradig selbstreferentiell. Bechdels Protagonistin Alison Bechdel schreibt an einem Buch, das die konkreten Widersprüche im Spätkapitalismus benennen und mit der Marxschen Lehre abgleichen soll. Alison ringt mit diesem neuen Comic, weil sie sich ständig ablenken lässt von ihren alltäglichen Problemen und denen ihres Freundeskreises. Aber bald wird klar, genau darum geht es hier – um den profanen Alltag in einem emanzipierten, linken, mindestens vegetarischen, queeren, woken, philosemitischen Intellektuellenmilieu. Wir lesen also gerade jenes Buch, das sie am Ende ihrer Lektorin schickt.

Im Zentrum stehen Alison und ihre Frau Holly, die in der »Volksrepublik Burlington«, Vermont, einen Gnadenhof für Ziegen betreiben. Durch den Geldsegen von Bechdels LGBTQ-Bestseller »Fun Home«, der hier satirisch zu »Tod & Taxidermie« umgemodelt wird, sind die beiden zu Landbesitzerinnen geworden, aber die Betriebskosten ihrer kleinen Farm fressen langsam die Ersparnisse auf. Alison braucht somit einen hohen Vorschuss für ihr neues Buch und unterzeichnet nolens volens einen Vertrag mit einem Verlagsimperium, das einem reaktionären, ausbeuterischen Multimilliardär gehört. Sie glaubt diese ideologische Schlappe kompensieren zu können, indem sie dem Verlag ein Kuckucksei ins Nest legt, ein Buch »über den zersetzenden Einfluss des Geldes«. »Ich muss nur ehrlich und gründlich genug sein, meine eigenen Privilegien und meine Mitschuld konsequent durchleuchten … Dann ist das vielleicht des Spätkapitalismus letzter Sargnagel.«

Das bleibt selbstredend ein frommer Wunsch, aber »ehrlich und gründlich genug« immerhin beschreibt sie ihre ambivalente Angepasstheit ans System. Das Paar kauft regelmäßig bei einer Lebensmittelkooperative ein und beim Bauernmarkt, um die Macht der Konzerne zurückzudrängen, zugleich stapeln sich die Amazon- und Fed-Ex-Pakete auf ihrer Veranda. Sie hasst die sensationsheischende Serienverfilmung von »Tod & Taxidermie« und lebt doch eine Weile ziemlich gut von den Tantiemen. Als die Serie abgesetzt wird, setzt sich Alison aus monetären Erwägungen sogar eine Weile selbst an einem Reality-TV-Drehbuch, um den Leuten zu zeigen, »wie sie sich aus dem Würgegriff des Konsumkapitalismus befreien« können, in den sie unter anderem durch solche Fernsehformate erst geraten sind. Eine junge Klugscheißerin schärft ihr deshalb noch einmal ein, »dass man das Haus der Herrschenden nicht mit den Werkzeugen der Herrschenden niederreißen kann«.

Aporien und Nebenwidersprüche also, wohin man blickt. Sie kontaminieren sogar das Sexleben. Alison und Holly leben nämlich in einer monogamen Paarbeziehung, dabei wäre doch Polyamorie die eigentlich antikapitalistische Lebensform, weil es hier eben nicht um Wettbewerb und künstliche Verknappung, sondern um gerade das Teilen von sexuellen Ressourcen geht. In der befreundeten Wohngemeinschaft versuchen die bisexuelle Sparrow und ihr Mann Stuart mit Naomi denn auch in einer Dreiecksbeziehung zu leben, und kommen nach anfänglichen Problemen zumindest für die Dauer dieses Buches ganz gut damit klar. Auch wenn die Mitbewohner etwas genervt sind von dem libidinösen High der Triade.

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Alisons vermeintliches Defizit, ihr leicht affizierbares Sensorium – Freundin Lois spricht einmal von der »Aufmerksamkeitsspanne einer Fruchtfliege« –, erweist sich für dieses Buch einmal mehr als Stärke, weil es ihr damit gelingt, die ideologischen Probleme und Unstimmigkeiten der Aktivistinnenclique feinnervig und detailreich einzufangen. Vor allem für ihre bisweilen absurden verbalen Verrenkungen – in der Sprache verrät sich bekanntlich zuallererst die falsche Gesinnung – hat sie ein gutes Gehör. Als eine Proabtreibungskampagne vor Gericht erfolgreich ist, stoßen sie gemeinsam an, und Sparrow lässt in einem Toast die »schwangeren Frauen« hochleben. Ihre Tochter hingegen tadelt sie. »Schwangere Menschen. Hab ich dir schon tausendmal gesagt, Momster, genderdogmatische Sprache geht gar nicht.«

Das Buch ist eher episodisch und anekdotisch angelegt, doch was ihm vielleicht an erzählerischer Stringenz fehlt, macht »Kaputt« durch seine thematische Fülle wieder wett. Bechdel leuchtet dieses schon beinahe neurotisch engagierte, missionarisch eifernde und deshalb auch schon mal enervierende Intellektuellenmilieu bis zum Grund aus. Sie betont durchaus die komischen Aspekte, macht sich aber nie wirklich lustig über diese Existenzform. Im Gegenteil, sie ist stolz auf das Kollektiv, dem sie angehört und das trotz aller Hindernisse wenigstens versucht, ein moralisch halbwegs integres Leben zu führen.

Marx taucht immer mal wieder als Leitmotiv auf in »Kaputt«. Am Ende bleibt von ihm allerdings nicht viel mehr übrig als die Kapitelüberschriften, die ohne große Bindung zum Inhalt ein paar bekannte Slogans zitieren (»Der Produktionsprozess des Kapitals« usw.). Es bleibt alles ganz konkret in diesem Buch, gerade deshalb liefert es ein scharfes Bild vom problematischen Leben als engagierte Künstlerin in diesen Zeiten.

Ziemlich suggestiv ist immer noch Bechdels lakonische, gänzlich redundanzfreie Verbindung von Text und Bild, die sich gegenseitig kommentieren und ergänzen. Ihre Panelkompositionen sind nicht mehr ganz so skrupulös wie in »Fun Home«, aber ihr klarer, sich dem Funny-Genre nähernder Strich fängt immer noch genug kleine Details ein, die einem zum aufmerksamen Lesen zwingen. Selbst das Wäschetrocknen ist hier politisch aufgeladen – und einmal mehr zutiefst widersprüchlich. Während Alison ein T-Shirt von The Bulwark, dem linken Meinungsportal, an die Leine klammert, hängt die ohnehin eher pragmatische Holly eins von Led Zeppelin daneben, der megakommerziellen, kulturindustriell zugerichteten Cockrock-Band schlechthin. Es bleibt schwierig als linke Lesbe.

→ Alison Bechdel: Kaputt. Aus dem Englischen von Katharina Erben. Reprodukt-Verlag, Berlin 2026, 260 Seiten, 24 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 06.06.2026, Seite 11, Feuilleton

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