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Reaktionärer Rollback

Antifeministen mit Reichweite

Dokumentarfilm widmet sich Aktivisten der »Manosphere«, verfehlt aber tiefergehende Analyse

Von Mara Luise Günzel
Foto: Cr. Courtesy of Netflix © 2026
Widersprüche inklusive: Gegenüber seiner Mutter darf Harrison Sullivan (l.) keinen misogynen Sprech absondern

Scrollt man ein wenig durch die sogenannten sozialen Netzwerke, fällt einem schnell auf, dass es für nahezu alles und jeden eine Nische gibt. Jedes Thema hat seine Influencer, die ihre Meinung dazu kundtun. Egal, ob es um Hausrenovierungen, Bücher oder ums Angeln geht. Doch nicht nur diese vergleichsweise harmlosen Hobbys haben ihre Contenterstellerinnen und Ersteller. Auch politische Inhalte und Geschlechterverhältnisse werden verhandelt. Seit den späten 2010er Jahren werden die Communitys von Influencern und Contenterstellern (sie sind zumeist männlich), deren Inhalte sich explizit an junge Männer richten, immer größer und treten in den Mainstream. Ihre Themen reichen von Videospielen über Selbsthilfe und Dating bis zur Kommentierung tagesaktueller Politik. Die übergreifende Botschaft: Feminismus hat unsere Gesellschaft zerstört, deshalb musst Du, der Zuschauer, wieder zu einem »echten« Mann werden.

Nachdem US-Präsident Donald Trump nach der US-Wahl 2024 einigen Teilen der sogenannten Manosphere dankte, ist die Debatte um die antifeministischen Netzwerke aufgeflammt. Auch der britische Dokumentarfilmer Louis Theroux, der bereits Filme über den israelischen Siedlerkolonialismus oder die Scientology-Kirche gedreht hat, mischte sich mit seiner Dokumentation »Inside the Manosphere« Anfang des Jahres in diese Diskussion ein. Am 11. März wurde der Film auf Netflix veröffentlicht.

Theroux setzt damit seine Berichterstattung über die radikale Rechte im Internet fort, die er mit der Dokuserie »Forbidden America« aus dem Jahr 2022 begonnen hatte. In seinem neuesten Film besucht er Vertreter der Manosphere, um zu verstehen, was sie antreibt. Begleitet werden die Influencer Harrison Sullivan, Nicolas Kenn De Balinthazy, Amrou Fud sowie Justin Waller und Ed Matthews; unterbrochen von Schlaglichtern auf andere Figuren dieses Ökosystems an Contenterstellern und einem Treffen mit zwei jungen Männern, die regelmäßig deren Inhalte konsumieren. Es wird ein Überblick über die aktuellen Akteure und ihre Motive gegeben. Die Eingangsfrage, ob die Influencer Männlichkeit neu definieren, bleibt dabei allerdings unbeantwortet. Statt dessen verliert sich die Dokumentation im Spektakel, das die Influencer ständig umgibt.

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Theroux’ Fazit bleibt daher oberflächlich. Gegen Ende des Films macht er die Beobachtung, dass alle der besuchten Influencer aus einem Elternhaus ohne Väter kommen. Ob sich diese Erkenntnis auf den Großteil der Produzenten und Konsumenten der Manosphere hochskalieren lässt, ist zu bezweifeln. Eine rein individuelle Analyse scheint angesichts der Hunderttausenden täglichen Zuschauer verkürzt. Auch die Algorithmen der Techkonzerne mögen zwar für den Erfolg und die Radikalisierung der Manosphere mitverantwortlich sein, aber auch durch sie lässt sich die Frauenfeindlichkeit nur bedingt erklären.

Sicher mag die Idee, dass sich beispielsweise der US-Unternehmer und Podcaster Amrou Fud/Myron Gaines als »Diktator« sieht, dem sich Frauen »unterordnen« sollen, den gutbürgerlichen Dokumentarfilmer schockieren. Doch in einer Welt, in der jeder dritte Mann, der in einer durch die Universität Leipzig durchgeführten Studie befragt wurde, ein »geschlossen antifeministisches oder sexistisches« Weltbild vertritt, wird sie vermutlich bei vielen von Gaines’ Zuschauern eher zustimmendes Nicken als Bestürzung hervorrufen.

Den Elefanten im Raum spricht Theroux nicht an. Dass eine gesamte Generation, die in den späten 1990ern und frühen 2000ern geboren wurde, von Krise zu Krise taumelt, bleibt unbeleuchtet. Dabei sagen die beiden Fans, die der Dokumentarfilmer trifft, genau das. Ihnen, Menschen ohne Orientierung, gäben die Influencer Hoffnung. Aber dass die Ideologie auf dem Fehlen von Vaterfiguren fußt, ist vermutlich eine leichter verdauliche Botschaft, als die grundlegende Schieflage in unserem ökonomischen System zu konstatieren, das jungen Menschen die Zukunft raubt – und damit die Basis für den Antifeminismus einer neuen Generation von Männern ist.

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Erschienen in der Ausgabe vom 22.05.2026, Seite 15, Feminismus

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