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Aus: Feminismus, Beilage der jW vom 07.03.2026
Beilage Feminismus

»Boys Clubs« für Frauen

Der liberale Feminismus hat zu den drängenden Fragen der Gegenwart nichts zu sagen
Von Mara Luise Günzel
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»Für dich Milei, viel schwuler Sex«: Forderung auf einem Pride-Marsch in Buenos Aires (2.11.2024)

Der liberale »Girlboss«-Feminismus ist allgegenwärtig. Aber kann die Forderung nach Teilhabe am patriarchalen Machtsystem, wie sie etwa von ehemaligen feministischen Ikonen wie Alice Schwarzer oder den Frauenverbänden der kapitalistischen Parteien erhoben wird, wirklich noch etwas ausrichten? Wie der Name vermuten lässt, ist dieser Feminismus eng mit den Ideen des klassischen Liberalismus verbunden. Die Ideologie der bürgerlichen Revolutionen, die den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus endgültig einläuteten, legte besonderen Wert auf die individuellen Freiheitsrechte von natürlichen Personen wie beispielsweise Presse- und Versammlungsfreiheit. Das Versprechen dieser Freiheiten war allerdings bereits zu Beginn stark begrenzt – es galt nur für die freien, besitzenden Männer. Ihren Frauen und Sklaven wurden diese Rechte verwehrt.

So war der erste organisierte feministische Kampf einer für die Rechte von Frauen. Liberale »Feministen« und Feministinnen wie beispielsweise John Stuart Mill in Großbritannien oder ­Hedwig Dohm und Louise Otto-Peters in Deutschland legten den Schwerpunkt vor allem auf die Gleichstellung von Mann und Frau im öffentlichen Leben und den Zugang zu den Organen des Staates. Alles weitere würde sich dann von selbst ergeben, und jede Frau wäre Schmiedin ihres eigenen Glückes, hieß es. Gemeinsam mit sozialistischen und radikalen Feministinnen kämpften sie bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, um die gleichen Rechte für Frauen durchzusetzen, sei es das Recht, unabhängig vom Ehemann Verträge unterschreiben zu können, Konten zu eröffnen oder an Wahlen teilzunehmen.

Hauptziel Gleichstellung

Nach dem Scheitern des letzten großen liberalfeministischen Projekts, des »Equal Rights Amendment« in den USA in den 1970ern, mit dem die Gleichstellung von Frauen in der Verfassung verankert werden sollte, beschränkte sich der liberale Feminismus darauf, Frauen in die Schlüsselpositionen der kapitalistischen Entscheidungszentren zu bringen: die oberen Führungsgremien von Unternehmen und bürgerlichen Staaten. Als letzte Gegner im feministischen Kampf haben die Liberalfeministen die sogenannten »Boys Clubs« in Führungsetagen von Top-500-Unternehmen, Redaktionen und Parteivorständen ausgemacht. Diese müsse man mit eigenen Frauennetzwerken und Karriereplattformen umkrempeln. Sobald die gläserne Decke durchstoßen wurde, wird Kritik an diesen Frauen in den Führungsebenen, je nachdem wer sie äußert, entweder als Sexismus oder als Konkurrenzverhalten von Frauen abgetan. Ihre Rolle als Außenseiterinnen dient zur Rechtfertigung für im besten Fall dumme, im schlimmsten Falle offen reaktionäre Positionen – und die um Unterstützung der Marginalisierten besorgte Mittelklasse klatscht brav Beifall. Dieses Muster ist auch in anderen feministischen Kreisen zu finden. Jede Praxis wird als progressiv gelesen. Freiheit bedeutet für diese feministisch Aktiven, dass jede Entscheidung, die eine Frau trifft, automatisch eine feministische ist.

Der liberale Feminismus im 21. Jahrhundert hat nahezu alles erreicht, was er erreichen wollte. Frauen haben beinahe vollständig Zugang zum Arbeitsmarkt, sind fast überall formal unabhängig vom Mann und werden auch mehr und mehr Teil der Führungsriege von Kapital und Staat. Zwar werden sie auch dort schlechter bezahlt und diskriminiert wie alle anderen Frauen, die es nicht dorthin schaffen, aber das ist für die liberalfeministisch Eingestellten nichts, was ein Selbstbehauptungskurs nicht lösen könnte. Liberaler Feminismus hat damit seinen historisch progressiven Moment überlebt. In einer Welt, in der Frauen Männern formal gleichgestellt sind, kann er nichts anderes, als Feminismus zu entpolitisieren und die existierende Frauenunterdrückung als interpersonelles Problem begreifen.

Die Lösung für das höhere Risiko von Frauen, unter der Armutsgrenze zu leben, wird durch mehr Frauen in gutbezahlten Jobs zu lösen versucht. Das einzige Hindernis seien die bereits erwähnten »Boys Clubs«, die Frauen unten halten wollen, weil sie sie hassen. Diese müssen demnach nur durch andere Frauen oder notfalls wohlmeinende Alliierte im (pseudo-)feministischen Kampf ausgetauscht werden, die Frauen endlich den Platz am Tisch besorgen, der ihnen so lange verwehrt wurde.

Kapitale Anbiederung

Mit seiner Entpolitisierung macht sich der liberale Feminismus zum willigen Handlanger des aktuell herrschenden Systems. Egal, in welche Richtung sich der Zeitgeist gerade bewegt, der liberale Feminismus folgt. Er wischt über die eigentlichen Gründe der Unterdrückung von Frauen und queeren Personen hinweg und bindet sie an ein System, in dem die Ausbeutung den Kern bildet. Die eigentlichen Gründe, die ungleiche Verteilung von reproduktiver Arbeit, die finanzielle Abhängigkeit von Männern durch beispielsweise ungleiche Löhne, werden ausgeblendet und zu einem persönlichen Problem verkehrt, das man durch »Empowerment« lösen könne. Dabei ist es auch egal, wer dieses Empowerment bietet, seien es feministische Vorkämpferinnen wie einst Clara Zetkin und Andrea Dworkin oder die heutigen Frontfrauen des autoritären Umbaus wie Alice Weidel.

Imperiale Projekte wie der Genozid in Gaza oder der Krieg gegen Iran bekommen ebenso Unterstützung der liberalen Feministinnen, solange sie gegen die Frauenfeinde in Hamas oder Teheran gerichtet sind und nicht gegen die Frauenfeinde zu Hause. Die Zehntausenden Frauen und Kinder, die dabei sterben – nebensächlich. Als Agentinnen des Status quo erhalten sie ein System am Leben, dessen Zeit vorbei ist. Damit leisten sie auch der globalen Polarisation nach rechts Vorschub, indem sie hilflos vor den Problemen der Zeit stehen: beispielsweise der immer prekäreren Versorgung von Institutionen der sozialen Reproduktion wie Schulen, Krankenhäuser oder Kindergärten. Auch gegen soziale Verwerfungen wie die starke Vereinsamung durch Kommodifizierung des öffentlichen Raumes und des Privatlebens haben sie nichts beizutragen.

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