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20.05.2026
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Der Scheinriese
Geschichte der Hilflosigkeit: Vor 20 Jahren wurde der Deutsche Olympische Sportbund gegründet
Der Diminutiv ist die Verkleinerungsform von Substantiven, die mit Suffixen wie »chen« und »lein« zur Koseform verniedlicht oder abwertend verkleinert werden. Eine sprachliche Verzwergung, wie sie auf den »Deutschen Olympischen Sport-Bund« (DOSB) an seinem 20. Geburtstag durchaus zutrifft. Das Kürzel könnte für »Diminutiv ohne Selbst-Bewusstsein« oder »Dach-Organisation Schmal-Brust« stehen. Dieser Dachverband mit seinen mehr als 29 Millionen Mitgliedschaften und circa 86.000 Vereinen als bundesweit mit Abstand mitgliederstärkstes Gebilde steht keineswegs als Riese da, wie es ihm gebührte. Im Gegenteil geriet der prädestinierte Hauptlobbyist fürs sportliche Leben und die Interessen des Sports nach dem Zusammenschluss von Deutschem Sportbund (DSB) und Nationalem Olympischen Komitee (NOK) am 20. Mai 2006 eher zu einem Lobbyistchen.
Der Dachverband solle sich auf Kernbotschaften konzentrieren und sie mit Donnerstimme hörbar machen, empfahl Volker Bouffier im vorigen Sommer. »Der Sport kann der Gesellschaft mehr geben als jede andere Organisation. Aber diesem Stellenwert wird oftmals nicht genug Rechnung getragen. Wir müssen uns trauen, die Dinge, die wir benötigen, um unsere Rolle angemessen auszufüllen, nachhaltig einzufordern.« Schnell hatte Hessens Expremier nach seinem Intermezzo in der DOSB-Führungsetage erkannt: Dieser vermeintliche Koloss ist in Wahrheit kleinwüchsig. Seit seiner Geburt akzeptierte er meist widerspruchslos, wie ihn die Politik düpierte, übersah, überhörte und Bedürfnisse von Millionen Sporttreibenden komplett ignorierte wie in der Coronaphase. Ein Paradoxon mit Blick auf die führenden Parteien und ihre Mitgliederzahlen, weniger als 400.000 haben CDU und SPD, knapp 200.000 die Grünen, um 130.000 die CSU – in Relation zum DOSB nachgerade lächerlich.
Trotzdem steht dieser Dachverband regelmäßig als Bittsteller da, wenn es gilt, gegen marode Sportstätten, indiskutablen Sportunterricht an den Schulen oder eine sich immer mehr verschärfende Trainerkrise anzukämpfen. Bis heute gelang es nicht, den Sport als elementare Größe ins Grundgesetz aufzunehmen. Ein Artikel zum »Staatsziel Sport« fehlt, wie er in der DDR seit 1968 in der Verfassung stand. Dort galt Sport als »Teil der Nationalkultur«. Selbst für den Leistungssport gibt’s in der BRD kein verpflichtendes Bekenntnis des Staates. Im Entwurf zum neuen Sportfördergesetz, das zur ersten Lesung im Bundestag ansteht, wird in Paragraf 1 die »Kann-Bestimmung« fortgeschrieben: »Der Bund fördert den doping-, manipulations-, korruptions- und gewaltfreien Spitzensport in Deutschland.«
Großkopferte der Parteien reden tagtäglich vor Mikrofonen und Kameras. Sie sitzen rund um die Uhr in Talkshows, während den Repräsentanten des organisierten Sports gewissermaßen ein öffentliches Schweigegelübde auferlegt ist. Waren der amtierende DOSB-Präsident Thomas Weikert (seit 2021), seine »Vizes« oder seine Vorgänger Thomas Bach (2006–2013) und Alfons Hörmann (2013–2021) je zu Gast bei Miosga, Illner, Maischberger oder Lanz? Wie oft werden die Sorgen und Nöte der sportlichen Basis in diesem und anderen Formaten einem breiteren Publikum vorgeführt? Was Sport als gesellschaftliche Kraft und als ganz eigener Kosmos ist, kann und soll in solchen Runden nicht vorkommen. Die Spitzen des DOSB, aber auch von Sportverbänden oder den Landessportbünden (LSB), sind vom »rhetorischen Wanderzirkus« ausgeschlossen – und ihrerseits zu wenig aktiv, um dem organisierten Sport ausreichend Gehör zu verschaffen. »Wir sind oft zu leise und zurückhaltend«, so Vizeprädentin Kerstin Holze jüngst auf einem Symposium selbstkritisch. Weiß eigentlich jemand, dass allein im Deutschen Turnerbund rund 1,2 Millionen Menschen »Ü 60« organisiert sind und der DTB damit bundesweit den größten Akteur für »Bewegung im Alter« verkörpert?
Ein Paradebeispiel für sträfliche Zurückhaltung ist der Umgang mit einer UNSECO-Auszeichnung. Die »Gemeinwohlorientierte Sportvereinskultur« wurde 2021 von der bundesdeutschen UNESCO-Kommission in das nationale Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Gewürdigt wurde vor allem die ehrenamtliche Arbeit der Sportvereine für sozialen Zusammenhalt, Integration und die Förderung der Persönlichkeitsentwicklung. Eine Vereinskultur, mehr als 200 Jahre alt, die weltweit ihresgleichen sucht. Ziert dieses »Gütesiegel« reihenweise Turnhallen und Sportplätze? Wurde diese Steilvorlage genutzt, um für berechtigte Interessen vor allem des »kleinen Sports« vernehmlicher auf den Tisch zu klopfen? Nichts davon. Mit seinem neuen Status treibt der DOSB bis heute Schindluder ganz so, als würde der Bürgermeister von Naumburg den weltberühmten Dom in seiner Stadt lieber verheimlichen als mit diesem Welterbe zu wuchern.
Ältere Semester, die sich noch erinnern, welches Standing vor allem der Freizeit-, Breiten- und Hobbysport – etwa mit »Trimmy« – in der früheren Bundesrepublik hatte, reagieren aktuell oft kopfschüttelnd. Nicht selten bemühen sie das Wort von »skandalösen Zuständen«. Es scheint, als wollte sich der Dachverband in der Gesamtwahrnehmung am liebsten nur noch auf seine Olympiabewerbung für 2036, 2040 oder 2044 konzentrieren. Ein Unterfangen, das mit der Bekanntgabe des nationalen Kandidaten am 26. September 2026 in Baden-Baden in die nächste Phase geht und dem DOSB in den kommenden Jahren zugleich als Vehikel unverzichtbarer Daseinsberechtigung dient. Wobei bereits heute klar ist: Beim Kandidatenrennen zwischen Berlin, Hamburg, München und der Region Rhein-Ruhr werden am Ende auf den einen Gewinner drei Verlierer kommen.
Wie gehemmt, schüchtern, scheu, ja verängstigt der Mitgliedergigant selbst bei größten Anlässen auftritt, davon kündete die Feier zum 75. Jahrestag des am 10. Dezember 1950 gegründeten Sportdachverbandes DSB. Dieses Ereignis wurde von seinen Nachfolgern im Neuen Rathaus in Hannover in einem Saal mit Platz für rund 80 Leute begangen, ohne prominenten Festredner. Hätte jede der mehr als einhundert Mitgliedsorganisationen des DOSB im vorigen Dezember nur einen einzigen Vertreter entsandt, der Hodler-Saal wäre komplett überfordert gewesen. Einer der Teilnehmer sprach anschließend von einer »peinlichen Veranstaltung«, die zudem medial fast keines Blickes gewürdigt wurde. Beim 25. DSB-Jubiläum 1975 hielt kein Geringerer als Bundeskanzler Helmut Schmidt die Festrede. Ein Vierteljahrhundert später, im Jahr 2000, fand sich der damalige Bundespräsident Johannes Rau ein und Otto Schily sowieso, weil die jeweils für Sport verantwortlichen Bundesinnenminister bei DSB-Großereignissen zu den Stammgästen zählten.
Für den DOSB kommt es zum 20jährigen Bestehen einem Geschenk aus dem »Staatsministerium für Sport und Ehrenamt« gleich, dass mit dem Sportfördergesetz demnächst eine unabhängige nationale Spitzensport-Agentur installiert wird. Damit verliert die Sportzentrale in Main-Frankfurt die Hoheit über ihr bisheriges »Hätschelkind«. Eine Zäsur, die angesichts der zunehmend weniger erfolgreichen Olympiateams überfällig ist. »Es war kurzsichtig und überheblich vom Westen, im Zuge der Wiedervereinigung nicht das in der DDR praktizierte Talentsichtungs-, Auswahl- und Fördersystem übernommen zu haben. Es war die Basis für den Erfolg, nicht das Doping. Hätte der Sport im wiedervereinigten Deutschland sich an diesem System orientiert, stünde er nicht so desolat da wie seit Jahren«, kritisierte die zweimalige Olympiasiegerin im Hochsprung Ulrike Nasse-Meyfarth kürzlich in der Tageszeitung Welt die jüngere deutsch-deutsche Spitzensportgeschichte.
Auf diesem Gebiet ist es in über drei Jahrzehnten nach dem »Mauerfall« nicht gelungen, ein effizientes, erfolgreiches System aus einem Guss zu formen. Wurschteln die Länder jedes für sich oder machen es gut, nennt man es konföderativ. Wurschteln die einzelnen Sportverbände dahin oder machen es gut, nennt man es autonom. Das »Prinzip Zufall« beim Medaillensammeln soll mit der neuen Agentur ein Ende finden. Für den DOSB die Chance, den organisierten Sport endlich als gesellschaftspolitisches Schwergewicht angemessen zu etablieren und so doch noch zum erfolgreichen Hauptlobbyisten zu avancieren – ohne Suffix.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
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