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Es ist zu wenig
Die Sporthilfe-Stiftung und ihre Angst vor der neuen nationalen Spitzensportagentur
Sein Salär in der nordamerikanischen Profiliga NHL lasse sich leicht an seiner Rückennummer ablesen, erklärte John-Jason Peterka Anfang des Jahres lässig in einem Film über die deutsche Eishockeynationalmannschaft. Der 24jährige läuft bei den Utah Mammoth mit der »77« auf. Also für gut 7,7 Millionen US-Dollar per anno. Superstar Leon Draisaitl kassiert bei den Edmonton Oilers fast das Doppelte, gemeinsam also fast den gesamten Betrag, den die Stiftung Deutsche Sporthilfe (DSH) an sämtliche Kaderathleten in den olympischen und paralympischen Sportarten verteilen kann. Vor zwei Jahren schüttete sie nach eigenen Angaben für rund 4.000 Sportlerinnen und Sportler in verschiedenen Kategorien »finanzielle Förderleistungen« von insgesamt 20,7 Millionen Euro aus.
Freilich ist NHL-Eishockey eine sehr gut verkäufliche Ware. Dennoch markiert der Vergleich ein Defizit des bundesdeutschen Fördersystems im Leistungssport. Auch Peterka und Draisaitl wurden, wie ein halbes Dutzend weiterer hochdotierter NHL-Cracks und alle Spieler, die bei den jüngsten Olympischen Winterspielen in Mailand mitwirbelten, im Laufe ihrer Karriere von der Sporthilfe unterstützt. Das bestätigte die Stiftung auf jW-Nachfrage. Hervorragend für Athleten, die zu hochbezahlten Profis in Topligen avancieren. Gar nicht gut für die Stiftung, die von der famosen Entwicklung ihrer Zöglinge finanziell kaum profitiert. Basketballmillionär Dirk Nowitzki hatte 2002 seine vormals erhaltene Förderung von fast 5.000 Euro freiwillig zurückgezahlt. Wie viele von den früher oder aktuell geförderten Athleten es ihm gleichtaten, ist nicht bekannt. Ob etwa Peterka, Draisaitl und Co. ähnliche kleine Gesten tätigten, dazu mochte sich die Sporthilfe auf Anfrage nicht äußern. Es scheint eher die Ausnahme, denn es gibt dafür bislang keine Regel.
Gleichwohl werden vierstellige Rückzahlungen von einzelnen kaum nennenswert zu Buche schlagen bei einer Förderinstitution, deren Gesamterlöse seit Jahren stagnieren. Nach neuesten Angaben wurden im Winter 2025/2026 insgesamt 705 Wintersportler mit gerade mal 2,24 Millionen Euro gefördert. Zwar gibt es eine Reihe von Partnern für Sachleistungen oder für Fortbildungen, Seminare und Stipendien im Bereich »duale Karriere« – Hilfen, die wertvoll sind für Kaderathleten. Bei den Geldeinnahmen indes muss der Etat der vormals ausschließlich mit Privatspenden finanzierten Stiftung inzwischen notgedrungen zu fast einem Drittel mit staatlichem Geld aufgefüllt werden. Ein Politikum. Denn so bleibt das von der Interessenvereinigung »Athleten Deutschland e. V.« formulierte Ziel, olympischen und paralympischen Kaderathleten monatlich mit 1.800 Euro für ihre Lebenshaltung unter die Arme zu greifen, eine Fata Morgana.
Vor diesem Hintergrund brachte die Fraktion Die Linke im Bundestag einen Antrag mit dem Titel »Bundeskader-Athletinnen und -athleten finanziell und sozial absichern« ein. Das Ziel: Der Bund soll die Grundsicherung von Spitzensportlern in dieser Höhe gewährleisten. Das Ansinnen wurde am 7. Mai nach 20minütiger Diskussion im Plenum mit den Stimmen von CDU/CSU und SPD abgelehnt. Auch der Parlamentsausschuss für Sport und Ehrenamt hatte den Linken-Antrag bereits am 28. Januar mit den Stimmen der Regierungskoalition verworfen.
Doch wer sonst als die öffentliche Hand könnte es richten, wenn es der Sporthilfe nicht gelingt, genügend Einnahmen zu erzielen? Schon monatliche Zuwendungen bis zu 700 Euro an die Athletinnen und Athleten stellen für die Stiftung einen Kraftakt dar, weil Industrie und Wirtschaft sich nicht ausreichend finanziell engagieren. Andere Quellen wie Einnahmen aus der »Glücksspirale« oder aus dem Verkauf von »Sport-Briefmarken« fallen wenig ins Gewicht. Zudem fehlt ein Mechanismus, der Geförderte, die im Sportbetrieb enorme Einnahmen erzielen, zu einer finanziellen Beteiligung verpflichten würde.
Ein solches Solidarprinzip wurde vor drei Jahrzehnten zwar schon einmal diskutiert, aber seither nicht ernsthaft weiterverfolgt. Das sei ein inakzeptabler Eingriff in Persönlichkeitsrechte, hieß es damals. Zugleich wurden steuerliche Bedenken geäußert. Seltsam nur, dass im akademischen Betrieb ein »Bafög-System« wie selbstverständlich dazugehört. Warum nicht im Leistungssport, wenn dabei sichergestellt wäre, dass nur hochvermögende Athleten rückwirkend aufs Sporthilfe-Konto einzahlen? Etwa eine fixe jährliche Pauschale oder einen geringen Prozentanteil der Einnahmen, der niemandem weh tun würde?
Ungerecht oder gar unsozial wäre derlei nicht. Sondern eher eine zeitgemäße, ja überfällige Neujustierung der Förderrichtlinien unter den Bedingungen intensivierter Verwertung mancher Sportarten. Bei Gründung der Sporthilfe 1967 war nicht zu erahnen, welche Dimensionen hier in manchen Bereichen erreicht würden. Nur eine verschwindend geringe Zahl von Großverdienern müsste bei einem solchen »Bafög-Modell« der Stiftung etwas zurückgeben – die auf solche Zusatzeinnahmen dringend angewiesen ist, will die Zentrale in Frankfurt am Main nicht weiterhin am staatlichen Tropf hängen.
Wie ernst die Situation zu sein scheint, ist einer offiziellen Stellungnahme der DSH von Dezember 2025 zum Entwurf des »Sportfördergesetzes« zu entnehmen, der demnächst den Bundestag beschäftigen wird. »Die Sporthilfe ist heute die wichtigste private Sportförderinitiative in Deutschland und damit einzigartig, wenn es um die Förderung von Athleten im Spitzensport geht«, heißt es einleitend in der Stellungnahme ans Staatsministerium für Sport und Ehrenamt. »Die Sporthilfe ist damit die etablierte Institution der Athletenförderung in Deutschland, die aufgrund zahlreicher Partnerschaften mit der Wirtschaft eine gefestigte Expertise auch im Fundraising und der Athletenbetreuung vorweisen kann.« Anschließend wird der Ton beinahe weinerlich: Der Zweck einer unabhängigen Spitzensportagentur dürfe »im Ergebnis nicht dazu führen, dass parallele Strukturen innerhalb der Sportagentur für die Athletenförderung errichtet werden in Überschneidung zu den Aktivitäten der Sporthilfe«. Vernehmlicher könnten die Sorgen um die eigene Zukunft kaum geäußert werden. Offenbar fürchten die Stiftungsoffiziellen, im Zuge der mit dem Gesetz beabsichtigten Reorganisation des bundesdeutschen Spitzensports unter die Räder geraten, sprich: unters Dach einer geplanten nationalen Spitzensportagentur. Die Idee, alle Förderinstrumente dort zu bündeln, hat eine gewisser Stringenz. Für die Stiftung gleicht sie ein Jahr vor ihrem 60. Jubiläum einem Schreckensszenario.
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