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Beförderungsstopp in der Bundeswehr

Für immer Feldwebel

Bericht: Die Bundeswehr setzt ein Gerichtsurteil um und verhängt ab Juli einen Beförderungsstopp für Unteroffiziere. Unmut in der Truppe wird lauter

Foto: Marijan Murat/dpa
Geh zur Armee, verlangen sie. Mach Karriere, versprechen sie. (Stuttgart, 2.8.2023)

Das kommt Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) und allen anderen, die das Land so schnell wie möglich »kriegstüchtig« machen wollen, sehr ungelegen: Es gibt großen Unmut in der Truppe, weil das Ministerium (BMVg) wegen eines Gerichtsurteils einen Beförderungsstopp bei den Unteroffizieren verhängt hat. Betroffen davon sind Tausende Feldwebel bzw. Bootsmänner im Fall der Marine. Ab Juli sollen alle Beförderungen vom Hauptfeldwebel zum Stabsfeldwebel respektive zum Stabsbootsmann gestoppt werden. Die Verbände der Soldaten reagierten mit scharfer Kritik auf die Maßnahme.

Bisher wurden Unteroffiziere nach 16 Jahren Dienstzeit automatisch zum Stabsfeldwebel befördert. Auf der Onlineplattform Instagram hatte das BMVg am Sonnabend in mehreren Teilbeiträgen erklärt, dass nicht die Bundeswehr diese Entscheidung freimütig getroffen habe, sondern Gerichte diese Regelung gekippt hätten. Im Jahr 2024 habe es eine Grundsatzentscheidung gegeben, dass Beförderungen ausschließlich aufgrund des Dienstalters rechtswidrig seien und auch die persönlichen Leistungen eine Rolle zu spielen hätten. Diese Entscheidung sei im vergangenen Jahr mit Blick auf die Beförderungen zu Stabsfeldwebeln/-bootsleuten noch einmal gerichtlich bestätigt worden. Entscheidungen der Gerichte seien durch das Ministerium »weder zu kommentieren und schon gar nicht zu kritisieren«, hieß es in der Mitteilung weiter. Das BMVg sei vielmehr dazu verpflichtet, diese Entscheidungen umzusetzen. Die Notwendigkeit, Anpassungen bei der »Beförderungssystematik« vorzunehmen, bestehe seit vielen Jahren, jetzt werde gehandelt. Das BMVg beende einen »Zustand der Rechtsunsicherheit, den die Handelnden nicht verantworten«, und schaffe »Planungssicherheit für die Truppe«. Ab 2027 werde ein neues System für den Aufstieg innerhalb der Bundeswehr etabliert.

Das Springer-Blatt Bild berichtete am Montag, es solle künftig nur noch ein kleiner Teil der Hauptfeldwebel befördert werden, und zwar nach einem Eignungstest und mit Dienstpostenwechsel. Generalinspekteur Carsten Breuer erklärte in einem Beitrag auf Instagram zum Thema: »Das ist nicht schön, und es gefällt auch mir nicht.« Man wolle aber mit neuen Regelungen sicherstellen, dass auch künftig Unteroffiziere ihre Laufbahnziele erreichen könnten. »Um kriegstüchtig zu sein, brauchen wir sie«, meinte Breuer.

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Diese Zusicherung kann den aktuellen Frust in der Truppe allerdings nicht mindern. Der Beförderungsstopp erschüttere das ohnehin schon beschädigte Vertrauen und sei mit Blick auf das Bestandspersonal inakzeptabel, kritisierte Tobias Brösdorf vom Verband der Soldaten der Bundeswehr am Sonntag. Die Rechtsprechung sei schon lange bekannt gewesen, ohne dass gehandelt worden sei. Der Bundeswehrverband sieht im Beförderungsstopp laut Bild sogar »Potential zum Supergau«. Die Pläne könnten das Feldwebelkorps »nachhaltig beschädigen«.

Dem Wehrbeauftragten Henning Otte (CDU) zufolge berge der Beförderungsstau »enorme Sprengkraft«. Perspektiven dürften nicht zerstört, Erwartungen und Vertrauen nicht enttäuscht werden. CDU-Verteidigungspolitiker Thomas Erndl kritisierte gegenüber Bild, dass ein Beförderungsstopp für die »verdienten Unteroffiziere, das Rückgrat der Armee«, verhängt wurde, ohne zugleich »ein stimmiges Konzept zum weiteren Fortgang vorzulegen«. Das drohe, Misstrauen zu schüren, und sei »für die Aufwuchsbemühungen schädlich«. Spätestens jetzt sei der Moment gekommen, Laufbahnrecht und Besoldung grundsätzlich zu modernisieren, so wie es im Koalitionsvertrag steht.

Pistorius bezeichnete die Feldwebel in einem Post auf Instagram ebenfalls als »Rückgrat der Bundeswehr«. Unter seinem Post sammelten sich schnell unfreundliche Antworten enttäuschter Soldaten. Postings wie »Absoluter Schwachsinn« oder »Man hat das Gefühl, als Unteroffizier wird man nur noch verarscht« bekamen viele zustimmende Reaktionen. Unter den Soldaten kommt immer wieder Unmut über die Behandlung von Langgedienten auf. Dazu trägt vor allem die intensive Werbung um neue Soldaten mit Vergünstigungen bei, von denen Soldaten früherer Jahrgänge nicht profitieren. Mit einer »Karriere« beim »Arbeitgeber Bundeswehr« wirbt die Truppe aber nach wie vor, um vor allem perspektivlose Jugendliche der Arbeiterklasse anzulocken.

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Erschienen in der Ausgabe vom 19.05.2026, Seite 4, Inland

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