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Narzissen

Von Helmut Höge
Foto: jW

Sind sie nicht furchtbar narzisstisch – diese vielen jungen Menschen, insbesondere Frauen, deren Fotos in den sozialen Medien zeigen, wie sie sich lächelnd in ihren Smartphones spiegeln? Manche sogar noch mit einem großen Spiegel hinter ihnen. Sind sie Opfer oder Nutzer einer Okulartyrannis?

Der Narzissmus übersetzt sich mit Selbstverliebtheit und Selbstbewunderung und ist meist peinlich und dumm. »Schön zu sein macht einen einzigartig, außergewöhnlich. Aber schön zu sein, bedeutet auch, einer Norm oder Regel zu entsprechen«, habe ich hier gelegentlich Susan Sontag zitiert. Und diese Norm wird wesentlich von Männern bestimmt.

1936 postulierte der Psychoanalytiker Jacques Lacan ein »Spiegelstadium«. Es trete bei Kindern zwischen dem sechsten und dem 18. Lebensmonat ein. Dann erkennen sie sich erstmalig im Spiegel, was für die Entwicklung ihres Selbstbewusstseins (des Ichs) maßgeblich ist. Das Kind betrachte sich laut Lacan eingehend im Spiegel und begrüße sein Bild mit einer »jubilatorischen Geste« der Verzückung. Kann man sagen, dass auch die von sich verzückten jungen Menschen in einem Spiegelstadium stecken?

Das Lacansche »Spiegelstadium« ist nahezu identisch mit dem »Schimpansenalter«. Auch Schimpansen erkennen sich irgendwann im Spiegel. Der sowjetische Psychologe Lew Wygotskij (1896–1934) bemerkt in »Denken und Sprechen« (1934) die Übereinstimmung der Thesen des Kinderpsychologen Karl Bühler und des Schimpansenforschers Wolfgang Köhler: »Es waren Leistungen ganz von der Art der Schimpansen, ja es gibt eine Phase im Leben des Kindes, die man nicht unpassend das Schimpansenalter wird nennen können; bei dem genannten Kinde gehörte der 10., 11. und 12. Monat dazu. Im Schimpansenalter also macht das Kind seine ersten kleinen Erfindungen, äußerst primitive Erfindungen natürlich, die aber geistig von größter Bedeutung sind.« (Köhler, »Intelligenzprüfung an Menschenaffen«, 1921)

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Im griechischen Mythos ist Narziss ein Jüngling. Bis heute haben sich viele Autoren und Künstler seiner angenommen. Am bekanntesten ist die Fassung von Ovid: In seinen »Metamorphosen« (wohl 1–8 u. Z.) vergewaltigte der Flussgott Cephisos die Nymphe Liriope. Sie wurde schwanger und gebar Narziss. Dieser war mit 16 Jahren ein außergewöhnlich schöner Jüngling, der von vielen Liebenden beiderlei Geschlechts begehrt wurde, aber alle zurückwies und sich statt dessen in sein eigenes Spiegelbild verliebte – und schließlich vor Sehnsucht dahinschwand. An der Stelle seines Todes fand sich kein Leichnam, sondern eine Blume, in der Mitte gelb und mit weißen Blütenblättern. Sie wurde Narzisse genannt.

Die Bezeichnung leitet sich von dem griechischen Wort »narkein« ab, »betäuben« (vgl. Narkose). Die Echte oder Dichternarzisse, die Wikipedia zufolge »auch in Griechenland wächst, strömt tatsächlich einen sehr intensiven und betäubenden Geruch aus« bzw. »einen anderen und intensiveren Duft als das übrige Perigon«. Diese »Narcissus poeticus« blüht übrigens in Berlin noch immer. Von den Narzissen gibt es heute 24.000 Kulturformen, u. a. die Osterglocken. Sie zählen zu den Amaryllisgewächsen und blühen nur wenige Wochen.

Die Biologen haben derweil herausgefunden, dass den meisten Tieren ihr Spiegelbild gleichgültig ist. Viele vermuten darin ein fremdes Tier und einige greifen es sogar an.

Immer mal wieder stolpere ich in den Medien auch über die »Nazisse« (Neonazisse?): eine Sympathisantin oder Mitstreiterin einer deutschen Neonazigruppe. Inwieweit sie eine ähnliche Selbstliebe hegt wie der griechische Narziss einst, hat man noch nicht näher erforscht, wohl aber ihren Fremdenhass.

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Erschienen in der Ausgabe vom 12.05.2026, Seite 10, Feuilleton

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