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11.05.2026
- → Kapital & Arbeit
Transformation in Südostasien
ASEAN-Staaten sind vom Energiepreisschock besonders betroffen und stellen um auf Erneuerbare, die vor allem aus China kommen
Auf dem Gipfeltreffen des südostasiatischen Staatenbundes ASEAN Ende vergangener Woche wurde eine folgenreiche Entwicklung kaum offen, eher vorsichtig thematisiert: Die Energiekrise, in die der Iran-Krieg die elf Länder des Zusammenschlusses gestürzt hat, könnte langfristig Auswirkungen auf ihre Stellung im Machtkampf zwischen den Vereinigten Staaten und China haben. Das zeichnete sich bereits vor dem Gipfel ab, war jedoch während des Treffens in Cebu City auf den Philippinen erneut spürbar. Und es betrifft nicht zuletzt die Philippinen selbst. Dem Land, das Öl und Gas – wie die anderen ASEAN-Staaten auch – vor allem aus Westasien bezogen hat, fehlen nicht nur die Energierohstoffe. Auch der Preisanstieg trifft es besonders stark. Laut jüngsten Schätzungen drohen 3,1 Millionen Filipinos in die Armut abzustürzen. Das triebe die Armutsquote von 13,2 auf 16,3 Prozent der Bevölkerung in die Höhe.
Was tun? Um »unsere Volkswirtschaften vor weiteren Schocks zu schützen«, müssten die ASEAN-Staaten die Nutzung erneuerbarer Energien entschlossen vorantreiben, forderte der Präsident der Philippinen, Ferdinand Marcos Jr., am Freitag auf dem Gipfeltreffen. Damit sprach er aus, was andere bereits begonnen haben. Seine Regierung macht seit März massiv Druck, damit ihr ehrgeiziger Plan, bis 2030 rund 35 Prozent, bis 2040 sogar 50 Prozent ihrer Energie aus Sonne, Wasser und Wind zu erzeugen, auch wirklich umgesetzt wird. Bereits im Mai sollen erneuerbare Quellen mit einer Leistung von gut 1,3 Gigawatt neu ans Netz gehen. Indonesiens Präsident Prabowo Subianto will binnen drei Jahren Solaranlagen mit einer Leistung von ganzen 100 Gigawatt installieren. Malaysia hat begonnen, indem es im März Solarpaneele mit Kapazitäten von 1,8 Gigawatt erwarb. Die Beispiele ließen sich erweitern.
Strategisch folgenreich ist dabei: Bei der Fertigung von Solarpaneelen weltweit führend ist China; chinesische Hersteller hielten zuletzt einen Weltmarktanteil von 85 Prozent. Auch bei der Windenergie sieht es für westliche Firmen nicht viel günstiger aus; laut Angaben von Bloomberg kommen derzeit acht der zehn weltgrößten Produzenten von Windkraftanlagen aus der Volksrepublik. Treiben die ASEAN-Staaten tatsächlich mit ganzer Kraft die Nutzung erneuerbarer Energien voran, dann werden sie um Einkäufe im großen Stil in China nicht herumkommen. Nach Lage der Dinge werden sie zudem mehr denn je auf chinesische Investitionen etwa in Solaranlagen setzen müssen. In einigen ASEAN-Staaten erreicht deren Anteil schon mehr als 20 Prozent.
In den Philippinen aber liegt er noch unter fünf Prozent. Präsident Marcos hat sie kurz nach seinem Amtsantritt am 30. Juni 2022 außenpolitisch äußerst eng an die USA gebunden und sein Land faktisch zur Angriffsplattform für die US-Streitkräfte ausgebaut. Erst kürzlich fanden Manöver statt, bei denen ein Krieg gegen China geprobt wurde. Schon Ende März hat Marcos allerdings in einem Bloomberg-Interview eingeräumt, es stehe möglicherweise ein Kurswechsel gegenüber Beijing bevor. China, trotz allen Zwists größter Handelspartner der Philippinen, liefere ungeachtet der globalen Knappheit weiter zuverlässig den dringend benötigten Dünger. Man ziehe nun – zusätzlich zur etwaigen Kooperation bei erneuerbaren Energien – auch eine Zusammenarbeit mit Beijing bei der Erdgasförderung im Südchinesischen Meer in Betracht. Vielleicht gelinge es dabei ja auch, erklärte Marcos, die Territorialstreitigkeiten um Inseln dort zumindest zu dämpfen.
Das sind neue Töne aus Manila, die Washington nicht unkommentiert lassen wird. Allerdings zeigt eine jährlich durchgeführte, im April erneut veröffentlichte Umfrage des renommierten ISEAS (Yusof Ishak Institute aus Singapur) zu den Ansichten der südostasiatischen Eliten, dass China im Einflusskampf mit den USA in Südostasien zuletzt Pluspunkte sammeln konnte. Es gilt nicht mehr nur – mit Abstand – als die wirtschaftlich und politisch stärkste Macht der Region. Eine klare Mehrheit von 55,6 Prozent geht auch davon aus, dass die Beziehungen ihres Landes zu Beijing sich verbessern werden, während nur 13,4 Prozent eine Verschlechterung prognostizieren. In den Beziehungen zu den USA rechnen hingegen bloß 32,8 Prozent mit einer Verbesserung; 29,5 Prozent vermuten, sie würden sich verschlechtern. Müssten sie sich in dramatisch zugespitzter Lage zwischen den USA und China entscheiden, dann würden heute 52,0 Prozent für Beijing, nur 48,0 Prozent für Washington votieren. Vor einem Jahr war es noch andersherum.
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