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08.05.2026
- → Feminismus
»Nah am Geschehen, ohne übergriffig zu werden«
Flucht über das Mittelmeer: Über die Arbeit mit der Kamera auf einem Seenotrettungsschiff. Ein Gespräch mit Sophia Fenn
Sie haben beim Internationalen Frauenfilmfest, IFFF, den Preis für die beste Bildgestaltung erhalten. Für den Dokumentarfilm »Where The Waves Took Her« von Jana Stallein begleiteten Sie ein Seenotrettungsschiff auf der Mittelmeerroute. Die Geretteten befanden sich in einer Stresssituation – kaum interessiert daran, sich für ein Filmprojekt zu öffnen. Was bedeutete das für die Kameraarbeit?
Die Regisseurin und ich fuhren zu zweit mit. Wir hatten uns mit dem Team der Seenotrettung abgestimmt. Dieses hat, erfahren im Umgang mit Medienschaffenden, eigene Richtlinien, die einzuhalten sind. Das war für meine Arbeit auch herausfordernd. Etwa dürfen Menschen nicht erkennbar sein, ohne zuvor ihr Einverständnis gegeben zu haben. Daher haben wir die Rettungsaktionen verschwommen und unscharf gedreht. Am Tag danach, als alle an Bord aufgenommen und ansprechbar waren, stellten wir uns als Personen und unser Projekt vor. Während der insgesamt vier Wochen absolvierten wir unterwegs ein Training: zum Beispiel zu Erster Hilfe, wie man mit dem Schnellboot rausfährt, Menschen sicher aufs Schiff bringt und wie dort kommuniziert wird.
Warum war das notwendig?
Teil der Abmachung war, dass wir das Filmen unterlassen und mithelfen, wenn es bei der Rettung nötig ist. Jana Stallein war selbst aktiv an einer Rettungsaktion beteiligt.
Im Film erzählen drei Frauen vor der Kamera ihre Geschichte. Solange ihr Asylgesuch nicht amtlich bestätigt ist, gelten sie europäischen Behörden als »illegal« Eingewanderte. Warum haben sie dennoch eingewilligt?
Die Frauen, die vor der Kamera »on screen« ihre Fluchtgeschichten erzählen, hatten wir für einen Studiodreh in Deutschland getroffen. Sie wollten mitwirken. Ihre Erzählungen sind als »Voiceover« mit Aufnahmen des Schiffs verschränkt. Eine Einverständniserklärung von allen etwa 200 Menschen war auf die Schnelle nicht zu bekommen. Ich habe oft technische oder gestalterische Mittel wie Unschärfen genutzt, um die Anonymität der Geretteten zu garantieren. Wer im Film sichtbar ist, dessen Einverständnis lag vor. Auflage der Organisation war: Falls es wieder zurückgezogen würde, dürften wir die betreffende Szene nicht zeigen. Geflüchtete hätten sich sonst unter Druck fühlen können.
Im Zuge der kurzzeitigen »Willkommenskultur« ab 2015 konnte Presseöffentlichkeit sogar plötzlich vor Abschiebung bewahren. Behörden waren unter Druck, um nicht als inhuman zu gelten. Gilt das heute noch?
Eher nicht. Bilder der Mittelmeerroute sind bekannt, meiner Meinung nach vollzieht sich ein Abstumpfungsprozess. Als Filmteam wollen wir Menschen erreichen, damit es mehr Empathie in der Bevölkerung für geflüchtete Frauen gibt.
Europäische Behörden und die Brüsseler Grenzagentur Frontex sind bekanntermaßen nicht »Freund und Helfer« für die Geretteten. Herrscht Angst, festgenommen und abgeschoben zu werden?
Was Geflüchtete über das Asylverfahren wissen, haben sie oft nur durch Aufklärung an Bord erfahren, obgleich die sprachliche Verständigung nicht einfach ist. Freilich gibt es Ungewissheit, wie es weitergeht. Die Geflüchteten, in dem Fall hauptsächlich aus Somalia, Äthiopien, Eritrea und Syrien, hatten häufig auch Sorge um ihre Angehörigen oder Freundinnen und Freunde, die auf anderen Booten als sie geflohen waren.
Wie begründete die Jury des IFFF den Preis für die beste Bildgestaltung?
Sie lobte die Sensibilität und die klare Haltung zum Thema. Sie konstatierte, dass die Kamera nah am Geschehen war, ohne übergriffig zu werden. Sie zeichnete das »sichere Bewegen« zwischen beobachtender Dokumentation und poetischer Bildgestaltung und das Schützen der Anonymität der Geretteten durch formale Entscheidungen aus.
Ist es aus feministischer Sicht wichtig, dass das IFFF den Film zeigt?
Ich freue mich, vom Internationalen Frauenfilmfest ausgezeichnet worden zu sein. Dort begegnen sich Filmschaffende auf Augenhöhe. Unser Filmteam besteht überwiegend aus Frauen, bezog sich beim Filmen hauptsächlich auf weibliche Geflüchtete. Unser Film macht bewusst, dass in der Berichterstattung oft der Blick auf die weibliche Perspektive des Fluchtgeschehens fehlt. Geflüchtete haben uns gespiegelt, dass wir mit unserem Film nachvollziehbar machen, was es für Frauen bedeutet, die Flucht nach Europa riskieren zu müssen.
Die Kamerafrau Sophia Fenn hat den Preis für die beste Bildgestaltung des IFFF erhalten
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