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07.05.2026
- → Feuilleton
Die Welt ist klein
»Der Teufel trägt Prada 2«
Zwanzig Jahre danach. In der Mode wie bei den Musketieren. 20 Jahre nach ihrem Entschluss, der bösen Modewelt den Rücken zu kehren, um eine ernsthafte Journalistin zu werden, lässt Andrea »Andy« Sachs (Anne Hathaway) sich abermals dazu herab, die heiligen Büroräume der Zeitschrift Runway mit ihrem Ethos politischer Ernsthaftigkeit zu beehren. »Der Teufel trägt Prada« bekommt so seine Fortsetzung. (Auch der Regisseur, der »Sex and the City«-Routinier David Frankel, ist derselbe geblieben.)
Über das Magazin herrscht weiterhin die Teufelin, Chefredakteurin Miranda Priestly (Meryl Streep), die sehr bekanntlich nach der berühmt-berüchtigten (nunmehr ehemaligen) Chefredakteurin der US-Vogue, Anna Wintour, modelliert ist. Daraus macht niemand mehr einen Hehl. Auf dem Cover der Maiausgabe der US-amerikanischen Vogue sieht man Wintour und Streep gemeinsam. Die dazugehörige Headline: »Seeing Double – When Miranda met Anna«. Im Heft selbst findet sich ein von Greta Gerwig moderierter Plausch der beiden. Die Welt verdoppelt sich unablässig, gibt Zeichen von sich. Dennoch scheint sie recht klein geblieben zu sein. Und wird auch dank digitaler Distribution ihrer Inhalte/Repräsentationen nicht viel größer.
In der Intrige des ersten Teils ging es darum, dass Miranda von einer französischen Nachfolgerin von ihrem Posten verdrängt werden sollte. Inzwischen hat die US-Vogue tatsächlich eine französischstämmige Chefredakteurin: Chloé Malle (die Tochter von Candice Bergen und Louis Malle). In der Fortsetzung strebt Miranda nun genau den Job an, den Anna Wintour längst innehat: »Global Editorial Director«. Vorher gibt es vornehmlich ein Glaubwürdigkeitsproblem zu lösen. Runway ist in einen handfesten Skandal verwickelt: Fast Fashion, Kinderarbeit, Überausbeutung, Ethik über Bord usw. Es gilt, Schadensbegrenzung zu betreiben. Dafür wird nun Andy Sachs engagiert, die zufällig einen Job braucht. Die seriöse Zeitung, für die sie ihren seriösen Journalismus betreibt – Außenpolitik, die Geschichte der Federal Reserve und so hässliche Sachen – hat just in dem Moment dichtgemacht, da sie einen seriösen Journalistenpreis entgegennimmt. Sie wird direkt bei der Preisverleihung per Textnachricht gefeuert. Wie alle ihre Kolleginnen und Kollegen.
Es ist bekanntlich ein Fluch, in interessanten Zeiten zu leben. Dem Journalismus (egal, ob Mode oder Außenpolitik) geht es nicht gut, der Modeindustrie geht es nicht gut (mit nichts außer Müll und Branding kann man noch Geld verdienen), dem Kino geht es auch nicht so gut. Nigel (Stanley Tucci), wie schon im ersten Teil das verlässliche Stilgewissen, spricht es aus: »Ich arbeite für kein Magazin mehr. Vor 25 Jahren hatte ich noch für ein Magazin gearbeitet. Jetzt arbeite ich für etwas auf einem kleinen Bildschirm, über den die Leute drüberwischen, während sie pissen.«
Diese Einsicht aber führt zu keiner Konsequenz. Runway scheint so begehrt wie in den besten Zeiten. Alle wollen es haben oder daran herumfummeln. Das Modemagazin, das nur noch aus, nun ja, Prestigegründen als gedrucktes Magazin existiert, ist zum, nun ja, Spielzeug der Milliardäre geworden – der Erben der Milliardäre (B. J. Novak), der Girlfriends der Milliardäre (Emily Blunt), der geschiedenen Frauen der Milliardäre (Lucy Liu).
Statt nach Paris wie im ersten Teil geht’s diesmal nach Mailand, in den Schatten von Leonardo da Vincis »Letztem Abendmahl« im Refektorium von Santa Maria delle Grazie, um (natürlich nicht im Ernst) festzustellen, dass der Mode vielleicht der Heiligenschein verlorengegangen ist, der Geschmack am Kostbaren aber keineswegs.
Die kostbarste Ware in dem Film ist vielleicht die rote, auch die Werbekampagne für den Film dominierende Robe, die Pierpaolo Piccioli, seit 2025 Kreativdirektor von Balenciaga, in Angedenken an die Kreationen von Cristóbal Balenciaga aus den 1950ern designt hat. Wie kann die Mode in der Vergangenheit trotz ihres Zwangs zur Verdoppelung die Zukunft erkennen? Wie kann sie wahrhaft doppelt sehen, wie es Walter Benjamin verlangt hatte: »Die Mode hat die Witterung für das Aktuelle, wo immer es sich im Dickicht des Einst bewegt. Sie ist der Tigersprung ins Vergangene. Nur findet er in einer Arena statt, in der die herrschende Klasse kommandiert.« Das Aktuelle läge vielleicht in dem Blick auf Cristóbal Balenciaga, dem Piccioli eine Form gegeben hat, um damit die Geschichte seines Hauses (und »Arbeitgebers«) zu schreiben, was in Film, Magazin und Kampagne aber nur die Ausstellung eines für die meisten unerreichbaren Luxusgegenstands bleibt. Es findet weiterhin in der falschen Arena statt. Daher auch das Läppische dieses Versuchs, den seriösen Anspruch und die Mode im Angesicht beider (ökonomischer und sonstiger) Kaputtheit zu versöhnen.
→ »Der Teufel trägt Prada 2«, Regie: David Frankel, USA 2026, 119 Min., bereits angelaufen
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