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Theorie

Zwischen Humanität und Barbarei

Thomas Metschers kritische Studien »Imperialismus und Kultur« über moderne Kunst

Von Jürgen Block
Foto: Rainer Weisflog/IMAGO
Platz für das Konkret-Humane: Inszenierung von Bert Brechts »Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui« (Staatstheater Cottbus, 2018)

Für Eric Hobsbawm ist es eine der geheimnisvollsten Fragen der Geschichte, weshalb Modeschöpfer, die ja nicht gerade analytische Köpfe sind, in der Lage waren, in ihren Formen und Gestalten den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vorauszuahnen. Thomas Metscher gibt in seinem jüngsten Buch »Imperialismus und Kultur« eine neue Antwort darauf. »Strukturelle Transformation« lautet der erste Begriff, mit dem die Herausbildung der Kunst aus der Gesellschaftsgeschichte erklärt werden kann. Künste (und Mode) haben laut Metscher die Fähigkeit, gesellschaftliche Veränderungen in ihrer Form zu verarbeiten, das heißt, sie sind schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch die ungeheuren Vorboten des Ersten Weltkriegs geprägt, ohne sie ausdrücklich inhaltlich thematisieren zu müssen. Die gesellschaftsgeschichtlichen Umbrüche transformieren sich in die einzigartige Vielfalt der Formenwelt moderner Kunst (zum Beispiel des Expressionismus).

Aber das extreme Zeitalter des Imperialismus, als sich eine Handvoll militärisch hochgerüsteter Großmächte mit weltumspannenden Kolonialreichen unversöhnlich gegenüberstand, hat auch extreme Auswirkungen auf die Kunst; die moderne Kunst nimmt häufig den barbarischen Charakter ihrer Zeit an.

Damit kommen wir zu Metschers zweitem wichtigen Begriff: »konstitutioneller Irrationalismus«. Das imperialistische Zeitalter ist nicht nur durch permanente und für die Menschheit sinnlose Kriege gekennzeichnet, sondern auch durch ein besonderes, irrationales Denken. Es tritt in Wissenschaft und Feuilleton als eine Ideologie zutage, die die seit der Aufklärung begründete Selbstbestimmung des Menschen zu einer anmaßenden Selbsttäuschung herabsetzt und den Begriff einer objektiven Wahrheit und einer Fortschrittsgeschichte ablehnt. Darüber hinaus arbeitet sich das Irrationale in allen gesellschaftlichen Bereichen heraus und wird für die Menschen zur täglichen Erfahrung.

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Unter diesen ideologischen Bedingungen erscheint gerade dem nachdenklichen Individuum die Welt nicht mehr als gesetzmäßiges und mit realistischen Zielen bearbeitbares Handlungsfeld, sondern als undurchdringliches und unentrinnbares, durch Gewalt und Krieg verwüstetes Chaos. Wenn Kunst die Aufgabe zufällt, über die Bearbeitung der Sinne an der kulturellen Menschwerdung mitzuwirken, liegt es nahe zu folgern, dass moderne Kunst, soweit die ideologischen Annahmen des Irrationalismus in sie eingedrungen sind, sich nicht mehr der allgemeinen Zerstörung des Menschseins entgegenzustellen vermag.

Jetzt kommt der dritte wichtige Begriff zum Einsatz, der für Thomas Metscher eine »Schlüsselrolle« bei der Betrachtung und Bewertung von Kunst spielt: »ästhetische Weltanschauung«. Der Künstler schafft sein Kunstwerk unter den gesellschaftsgeschichtlichen Bedingungen seiner Zeit. Im Zeitalter des Imperialismus fließen also auch die ideologischen Vorstellungen des Irrationalismus über den Schaffensprozess in die Kunstwerke ein. Aber, diesen Punkt hebt Metscher leidenschaftlich hervor, der Künstler ist vor die Alternative gestellt, ob er sich dem ideologischen Diktat des Irrationalismus unterwerfen oder dagegen bewussten Widerstand leisten will. Der Künstler entwickelt eine eigene, aus den Ideologien und Wissenschaften seiner Zeit gespeiste ästhetische Weltanschauung, die sich im Werk niederschlägt. Entscheidend nun ist, dass sich gegensätzliche Weltanschauungen kreuzen und im Kunstwerk ein Widerspruchsfeld bilden. So wirkt im Innersten von großer Kunst die Dialektik von Humanität und Barbarei. Die Geschichte der modernen Kunst kann somit als eine Geschichte der ästhetischen Weltanschauung betrachtet werden – eine Geschichte, sagt Metscher, die noch ungeschrieben ist und auf ihren Historiker wartet.

In »Imperialismus und Kultur« werden Beispiele für emanzipatorische moderne Kunst aufgeführt, die aus der mühsamen Arbeit an einem kritischen Gesellschaftsbegriff und an der ästhetischen Form hervorgegangen sind. In exemplarischen Interpretationen stellt Metscher Werke von Bert Brecht, Dmitri Schostakowitsch, Pablo Picasso und Peter Weiss vor, in denen auf je spezifische Weise das Konkret-Humane wieder Platz gefunden hat.

Wir haben nun einen Leitfaden zur Hand, um bei moderner Kunst die Spreu vom Weizen zu trennen und uns gestärkt der Barbarei entgegenzustellen.

→ Thomas Metscher: Imperialismus und Kultur. Kritische Studien. Mangroven-Verlag, Kassel 2025, 231 Seiten, 25 Euro

Themen:
junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 07.05.2026, Seite 10, Feuilleton

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