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Vollgas im Rückwärtsgang

Bundestag für ­Biokraftstoffe

Von Wolfgang Pomrehn
Foto: IMAGO/imagebroker

Geht es eigentlich noch bornierter, noch rückständiger? Wären die Folgen für Klima, Geldbeutel, Gesundheit und Landwirtschaft nicht so katastrophal, könnte man nur noch lachen. Aber der Reihe nach: Der Bundestag hat am Donnerstag die Weichen für mehr Essen im Tank gestellt. Die Beimischungsquoten für sogenannte Biokraftstoffe sollen schrittweise bis 2040 auf 65 Prozent angehoben werden. Das heißt, 65 Prozent des Kraftstoffs muss dann aus Abfällen, sogenannten E-Fuels oder nachwachsenden Rohstoffen kommen. Der Platz dieses kleinen Kommentars reicht kaum, den ganzen Wahnsinn aufzuzählen, der darin steckt.

Erstens wäre der Flächenverbrauch gewaltig, was auf die Nahrungsmittelpreise drücken und den Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden weiter verstärken wird. Zweitens bliebe der Verkehr auch mit 35 Prozent Mineralölanteil weiter vom krisenanfälligen Rohölpreis abhängig. Eigentlich sollte die gegenwärtige Energiekrise auch dem letzten deutlich gemacht haben, dass der Verkehr elektrifiziert und viel stärker kollektiviert werden muss. Drittens ist die Verwendung von mit elektrischer Energie synthetisierten E-Fuels im Straßenverkehr so sinnvoll wie das Fällen von Bäumen mit Steinäxten. Der Grund: Würde man den Strom direkt in einem Elektromotor einsetzen, würde man nicht einmal ein Viertel der Energie benötigen.

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Viertens ist die angebliche Klimaneutralität der angeblichen Biokraftstoffe bloße Augenwischerei. Der Energieaufwand für Anbau, Ernte und Aufbereitung bleibt ebenso außer acht, wie die Emissionen des sehr potenten Treibhausgases Lachgas (Distickstoffmonoxid) die beim Einsatz von Stickstoffdünger entstehen. Fünftens sorgt das verabschiedete Gesetz schließlich auch für eine Lebensverlängerung des Individualverkehrs und der Verbrennermotoren auf unseren Straßen. Das heißt weiter ein paar Tausend Unfallopfer im Jahr, weiter Zehntausende, die jährlich an Straßenlärm, Feinstaub und Stickoxiden sterben. Weiter zugeparkte Straßen, auf denen Fußgänger bestenfalls geduldet sind und Kleinkinder sich nicht frei bewegen können. Ein Steinzeitgesetz eben.

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Erschienen in der Ausgabe vom 24.04.2026, Seite 1, Ansichten

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→ Leserbriefe
  • Andreas Rosenthal 25. Apr. 2026 um 10:20 Uhr
    Theoretisch ist natürlich alles richtig, aber in der Praxis schwierig. Ich wohne in einer Kleinstadt im Schwarzwald. Öffentliche Ladestationen: 2 an der Tankstelle. 41% aller Gemeinden haben keine öffentliche Ladestationen. ÖPNV: nur vereinzelt vorhanden. Zu meinen Arbeitsort fährt nur mit 2x umsteigen ein Bus, 2,5 Stunden für 8 Kilometer und nur zu völlig anderen Zeiten als meine Arbeitszeiten. Garage ohne Strom. Anfrage an meinen Vermieter ob es möglich wäre unsere Garagen in die Lage zu versetzen eine Wallbox aufzustellen: Reaktion: Du spinnst wohl. Man kann ja davon träumen den Straßenverkehr zu elektrifizieren, ich selber bin schon geschäftlich einen VW ID3 gefahren, hat schon was, aber so wird das nüscht ;-)
  • Onlineabonnent*in Lars K. aus B. 24. Apr. 2026 um 12:35 Uhr
    Schade, einen solchen Artikel in der von mir sehr geschätzten jW lesen zu müssen. Es fällt mir jetzt nicht ein, die aktuelle Regierung zu verteidigen, aber ich verteidige die Bioenergie! Insbesondere Biogas (darauf zielt ja der Artikel in erster Linie, wenn ich das Bild richtig verstehe) kann sehr wohl für eine klimagerechte Mobilität sorgen: sei es als CNG (PKW) oder LNG (LKW, Binnenschifffahrt, Landwirtschaft etc.). Gegenwärtig gibt es ca. 9.600 Biogasanlagen in Deutschland, von denen ca. 310 Anlagen Biogas aufbereiten und stündlich ca. 160.000 m³/h Biomethan in das öffentliche Gasnetz einspeisen. Gegenwärtig werden weniger als 30 Prozent der tierischen Exkremente (Gülle, Mist) in Biogasanlagen verarbeitet. Aber auch die Nutzung von nachwachsenden Rohstoffen zur Vergärung in Biogasanlagen kann umweltverträglich verdoppelt werden. Darüber hinaus bieten Stroh und andere naturbelassene Reststoffe und auch Abfälle weitere Potentiale. Kurz und gut: Seit fast 20 Jahren wird eine unsägliche »Tank-Teller-Diskussion« geführt, die aber auch beim x-ten Wiederholen nicht richtiger wird. Fakt ist, in Italien fahren 4,5 Mio Fahrzeuge mit CNG, in Deutschland sind es weniger als 70.000. Fakt ist, auch die Landwirtschaft wird den Feldbau klimaneutral betreiben müssen. Wie soll das gehen ohne Bioenergie? Elektrisch? Dem Autor ist zuzustimmen, dass der Verkehr viel stärker »kollektiviert« werden muss, ich nenne es ÖPNV. Dass der Individualverkehr jedoch gleich ganz abgeschafft werden soll und Unfallopfer durch elektrisch betriebenen Fahrzeugen weniger tragisch seien, kann ich nicht teilen.
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