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Aus: Ausgabe vom 23.04.2026, Seite 2 / Ansichten

Der Kanzlerstandpunkt

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Vor heimischem Publikum, nämlich vor Bankiers, hält der Kanzler markige Reden, spuckt unerhörte Töne, sendet Botschaften, die dem Koalitionspartner nicht schmecken sollen. So eine etwa: Die gesetzliche Rente könne in Zukunft »allenfalls« eine Basisversorgung abgeben. Die gängige Sprachregelung unter gewogenen Medien, es sind die meisten, lautet: Merz habe im Prinzip recht, aber leider, leider seine Zunge nicht immer im Griff; sei schon so gewesen, als ihm die »kleinen Paschas« und das mit dem »Stadtbild« entfuhren. Ein Narr, wer hinter solchen rhetorischen Vorstößen Kalkül wittert, etwa dasjenige, die lästigen Sozialdemokraten vor sich her zu treiben.

Das ZDF-»Heute Journal« behandelt Merzens Rentenwahn an erster Stelle, nur um seinen Berlin-Korrespondenten dann mitteilen zu lassen, der Ärger der SPD sei »ein Sturm im Wasserglas«, der aber »das Wasser im Glas«, also die Beziehung der Regierungsparteien zueinander, trübe, obwohl alle, also auch die Sozialdemokraten, wüssten, dass der Kanzler recht habe. Donnerwetter: sprachbildmächtig souverän den Kanzlerstandpunkt gegen lästiges Sozialklimbim rausgehauen.

Bild erfindet derweil ganz nebenher die Imperativfrage: »Verliert der Kanzler jetzt die Geduld mit der SPD?«

Andernorts, zum Beispiel bei der Süddeutschen Zeitung, soll der Verdacht der Einseitigkeit nicht aufkommen, also werden auch Merz und dessen Union einer Kritik unterzogen. Der Kanzler mag zwar Töne spucken, doch »leider hat seine Regierung (…) noch im Herbst ein teures Rentenpaket beschlossen, um das dauerhaft nicht finanzierbare Rentenniveau noch ein wenig länger festzuschreiben«. Nicht also Richtung und Haltung sind das Problem – der Sozialstaat ist einfach zu adipös, findet schließlich auch die Redaktion in München –, sondern das Verhältnis von Sein und Sollen: »Die Diskrepanz zwischen Erkenntnis und Rhetorik auf der einen Seite und Risikobereitschaft und Mut auf der anderen ist groß.«

Mut und Risikobereitschaft sollen bitte sehr Kardinaltugenden bis zum Lebensende bleiben, findet die FAZ, wo man in größeren Zusammenhängen denkt. Der Chef des Reservistenverbands will die Altersgrenze für Reservisten von 65 auf 70 Jahre anheben. Recht so: »Tauglich für den Wehrdienst ist frau/man auch dann noch, wenn sie/er die gesetzliche Altersgrenze überschritten hat.« Neben der prolongierten Kriegstauglichkeit ergibt sich noch ein ganz anderer Clou: »Wenn Reservisten bis 70 dienen können, dann können sie auch bis 70 ihren zivilen Beruf ausüben. Das Renteneintrittsalter nach oben zu setzen, wäre die Konsequenz.« Noch Fragen? (brat)

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