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Aus: Ausgabe vom 22.04.2026, Seite 9 / Schwerpunkt
Medien

Kulturgut Zeitung abschaffen?

junge Welt geht andere Wege und kämpft um jedes Abo
Von Redaktion, Verlag und Genossenschaft
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Gemeinsam haben Redaktion, Herstellung und der Schriftengestalter Lucas de Groot in den vergangenen Wochen eine Modernisierung des Erscheinungsbildes der erarbeitet

Die Tageszeitung junge Welt investiert weiter in die Printausgabe. Andere behaupten, journalistisches Überleben sei nur im Netz möglich. Diese Zeitung hält mit fünf Argumenten dagegen: 1. Die gedruckte Tageszeitung ist ein wertvolles Kulturgut, auf das Aufklärung nicht verzichten kann. 2. Digitale Formate haben ihre Vorteile (Schnelligkeit, Verfügbarkeit, Auffindbarkeit), das Printformat aber ebenso (Hierarchisierung, Wissensverankerung, Überprüfbarkeit) 3. Es ermöglicht zudem Aufnehmen und Verarbeiten in einer selbst gewählten Zeitspanne (in der Regel täglich 10 bis 30 Minuten), ohne ständige Ab- und Umlenkung. 4. Für Print spricht bessere Erkennbarkeit von Eigentümerstruktur und inhaltlicher Positionierung. 5. Das Interesse der Digitalleser an der gedruckten Tageszeitung wächst (bis zu 30 Prozent der aktuellen Bestellungen von jW-Probeabos kommen von Facebook- und Instragramnutzern).

Allerdings steht die junge Welt mit solchen Überlegungen ziemlich alleine da. Nach der Taz gibt es jetzt auch das ND nur noch am Wochenende gedruckt. Das Monatsmagazin Konkret wird seit diesem Jahr nicht mehr auf Papier angeboten. Auch linke Medien im Ausland sind auf die Digitalvariante umgestiegen, wie etwa die Tageszeitung Arbejderen aus Dänemark. Im Hintergrund stehen ökonomische Zwänge: Bei Arbejderen entfielen aufgrund von EU-Vorgaben staatliche Zuschüsse. Beim ND fehlen künftig Gelder von der Partei Die Linke. Hinzu kommt bei allen, dass die Verkäufe der Printauflage dramatisch eingebrochen waren. Allerdings ist der Verzicht auf die Printausgabe keineswegs der geeignete Weg, um sich zunehmender Bedeutungslosigkeit zu entziehen, wie das Beispiel der Taz zeigt.

Die Einstellung der gedruckten Tagesausgabe Mitte Oktober 2025 sei ein »medienhistorischer Schritt« gewesen, der nun auch noch »mit Erfolg gekrönt« worden sei, jubelte die Taz vergangene Woche. Branchenportale schrieben die Meldung brav ab und ließen sich beeindrucken: Von den verbliebenen 14.600 täglichen Printabonnenten seien lediglich 1.562 beim Wechsel zur rein digitalen Werktagsausgabe verlorengegangen. Das ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Weggefallen sind auch über 1.000 tägliche Verkäufe im Einzelhandel. Aussagekräftiger ist der Vergleich mit dem Bestand an Printvollabos im Jahr 2011. In dem Jahr prognostizierte der Taz-Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch den Einstellungsbeschluss für die täglich gedruckte Zeitung für den 26. Juni 2021. Da hatte die Taz noch 45.500 Printvollabos und verkaufte unter der Woche täglich 5.500 Zeitungen am Kiosk (ivw, 1. Quartal). Im Taz-Report 2021 (bereits erstellt im Jahr 2018) wurde die geplante Einstellung verschoben. Der Bestand an Printvollabos war da auf rund 30.000 zurückgegangen (und der Einzelverkauf unter der Woche auf 2.500 jeden Tag). Ruch stellt im Report fest: »Wenn man diese Kurve linear fortführt, werden 2024 noch 15.000 Abos gedruckt und vertrieben. Das wird vertriebs- und drucktechnisch wirtschaftlich nicht möglich sein.« Im Oktober 2025 wurde diese Marke unterschritten, die tägliche Printzeitung eingestellt.

Dass die gedruckte Auflage der Taz immer schlechter verkauft wurde, hat vor allem mit drei Dingen zu tun: Der entscheidende Punkt ist die inhaltliche Positionierung. Gegründet wurde die Zeitung 1979 als linke Alternative zum bürgerlichen Einheitsbrei. Dann aber wollte die Taz-Chefredaktion das Label »links-alternativ« ablegen, weil es offenbar zu viele potentielle Leser und Käufer abschreckt, wie die Fachzeitschrift Kress-Report (April 2009) meldete: »Wir sind Teil einer bürgerlichen Gesellschaft, sind eine bürgerliche Zeitung. Aber das wissen nicht alle«, wird dort Vizechefredakteur Peter Unfried zitiert. Diese Umprofilierung schreckt Kunden ab. Also blinkte die Zeitung weiter links, obwohl sie immer öfters rechts abbog. So schmückte sich die Taz schon lange vor der Ausrufung der neuen Kriegstüchtigkeit gerne mit der Bundeswehr und unterstützte bellizistische Vorstöße der jeweiligen Regierung. Wer sich aber von anderen Zeitungen nur noch im Design unterscheidet, macht sich überflüssig. Den zweiten Fehler machten in den letzten Jahren ebenfalls fast alle Zeitungen: Überproportional steigende Produktionskosten führen in Verbindung mit dem Verfall der Auflage zu Abopreistreiberei, so wird die gedruckte Tageszeitung immer mehr zum Luxusgut. Der dritte Fehler ist das Festhalten am mittelfristigen Verzicht auf die gedruckte Ausgabe und die damit verbundene Einstellung von Marketingaktivitäten. So läutete die Taz ohne Not ihren Niedergang bis zur Bedeutungslosigkeit ein: Sie ist nicht mehr täglich im Einzelhandel erhältlich, unter der Woche werden keine Knastabos mehr ausgeliefert, aber vor allem: Die Taz ist nicht mehr eine von fünf oder sechs überregionalen Tageszeitungen, sondern eins von Tausenden Portalen im Internet.

Die junge Welt geht andere Wege. Das muss sie schon deshalb, weil sie die einzige Tageszeitung in Deutschland ist, die von staatlichen Stellen ganz offiziell in ihrer Arbeit behindert wird, mit der Absicht, Bekanntheit und Einfluss der Zeitung zu unterdrücken. Es ist schon daher von großer Bedeutung, dass Leserinnen und Leser die junge Welt in die Hand nehmen und sie an andere Interessierte weitergeben können. Der Kampf um jedes Printabo ist nicht leicht, weil viele (nicht nur junge) Menschen nicht mehr wissen, wie man eine Tageszeitung effektiv in den täglichen Ablauf integriert. Das Interesse an einem täglichen Angebot an fundierter Analyse, Hintergrundinformation und Grundlagenschulung wächst aber mit der Notwendigkeit eines solchen Angebots. Zwar muss auch die junge Welt um jedes Abo kämpfen, leidet aber nicht wie andere unter Auflagenverfall. Deshalb kann man die Zeitung weiterhin auch täglich in gedruckter Form entdecken, abonnieren und empfehlen.

Hintergrund: Für bessere Lesbarkeit

Wir verändern die junge Welt: Mit der Ausgabe vom kommenden Wochenende vollenden wir den Relaunch der gedruckten Zeitung, den wir im Herbst vergangenen Jahres mit einer Umstellung der Blattstruktur begonnen haben. Unsere Kommentare finden Sie seitdem weiter vorn im Blatt, die Schwerpunktseite eröffnet das zweite Buch. Nicht ganz freiwillig haben wir auf einen Großteil der Meldungsplätze verzichtet. Dies war ein Schritt, der durch einen vorgezogenen Druckschluss notwendig geworden war.

Die Veränderung, die wir jetzt umsetzen, ist für Sie, liebe Leserinnen und Leser, möglicherweise auf den ersten Blick gar nicht so auffällig. Dabei geht sie weitaus tiefer: Wir wechseln die Schriftarten. In Zukunft lesen Sie Ihr tägliches Futter an Berichten, Analysen und Kommentaren in der von Lucas de Groot und seinen Kollegen von LucasFonts für junge Welt entwickelten Fließtextschrift »jWBrot«. Und das Wort »Fließtext« ist Programm: Harmonischer aufeinander abgestimmte Groß- und Kleinbuchstabenhöhen sollen die Lesbarkeit verbessern.

Auch über die Fonts für die Headlines haben sich die Schriftgestalter den Kopf zerbrochen. Wir wünschten uns eine etwas leichtere Gewichtung in den Headlines, ohne dass Aussagekraft verlorengeht. Mit den verschiedenen Schnitten der ebenfalls für uns entwickelten »jWBik« haben wir nach unserer Überzeugung eine moderne, zeitgemäße Lösung. Mit Lucas de Groot und Kollegen haben wir dabei auch über kleine Details diskutiert: zum Beispiel den I-Punkt, der in Zukunft nicht mehr rund, sondern in Form einer Raute erscheinen wird. Dieses kleine, widerständige Gestaltungselement im Schriftbild haben wir auch für das junge Welt-Logo übernommen.

Die Wochenendbeilage »faulheit & arbeit« wird ebenfalls leicht umgestaltet: Unsere Wochenendkolumnen »Der schwarze Kanal« und »Coole Wampe« erscheinen in Zukunft in dem Format, für das der Begriff auch steht – in senkrechten Spalten. Die Marginalien werden verbreitert und sorgen für mehr Luft im Layout. Zusätzliche Informationen zu den Texten sollen hier ihren Platz finden. Unsere zahlreichen Rätselfreundinnen und -freunde finden das große Wochenendrätsel weiterhin auf der letzten Seite der Ausgabe. Selbstverständlich verwenden wir auch in »faulheit & arbeit« und in den thematischen Beilagen die neuen Schriftarten.

Inhaltlich bleibt die junge Welt sich über alle äußeren Veränderungen hinweg treu. Wir beurteilen auch in Zukunft das Weltgeschehen aus marxistischer Perspektive. Übrigens: Der nebenstehende Text ist bereits in der neuen Fließtextschrift gedruckt. (mis)

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