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HipHop

An den Kopf gefasst

Der Leipziger Rapper HeXer sang früher im Thomanerchor, heute rappt er gegen die Wehrpflicht an

Von Kevin Goonewardena
Foto: EHL Media/IMAGO

Franz dreht sich eine Zigarette. »Ich habe mittlerweile ein sehr negatives Bild von dem Chor.« Gleichmäßig landet der Tabak im Blättchen, zwischen seinen Fingern dreht sich das Papier, den Kopf erhoben, sein Blick gilt dem Gegenüber. Jahrelang beherrscht der weltbekannte Thomanerchor das Leben des heute 25jährigen Rappers HeXer. Jene jahrhundertealte Leipziger Institution, die Selbstbild und Anspruch von Stadt und ihren Akademikerfamilien verkörpert. Wenn Leipziger Eltern ihren Söhnen etwas vermeintlich Gutes tun wollen, bemühen sie sich oft um die Aufnahme ihrer Kinder in den Knabenchor. Neben Prestige ist dort eine ausgezeichnete Schulbildung sicher. Auch Franz’ Mutter will nur das vermeintlich Beste für ihn. Mit sechs singt er vor, wird aufgenommen und kommt in eine Welt, die er von zu Hause nicht kennt.

»Mein Vater war als selbständiger Fotograf Alleinverdiener. Es gab viele Höhen und Tiefen, wir hatten nie ein festes Einkommen. Durch den Chor war ich dann in einer Klasse, wo viele der Eltern Richter oder Anwälte waren. Da war schon sehr viel Geld im Spiel.« Franz schätzt die Bildung, die er an der mit dem Chor verknüpften Thomasschule genießt – gleichzeitig bekommt er mit, wie die Eltern Hartz IV beantragen. Später macht er ihnen Vorwürfe, kein Sparbuch zu haben. Heute schämt er sich dafür, weiß, was er an ihnen hat. Etwa, dass er immer über alles mit ihnen reden kann. »Manche anderen hatten keinen Sohn mehr, wenn der das Abi nicht geschafft hat.« Jahrelang ist sein Tagesablauf fremdbestimmt: Schule, Proben, Klavierunterricht, Stimmbildung, Auftritte, Auslandsreisen. Zeit, etwas anderes kennenzulernen, gibt es nicht. Dafür Leistungsdruck, Konkurrenz, Bestenlisten. »Für alles Mögliche war dort ein Nährboden da, auch für Missbrauch.«

Mit dem Einsetzen des Stimmbruchs pausiert Franz zuerst im Chor – und kehrt anschließend nicht mehr zurück. Er wechselt die Klasse, zieht vom Internat zurück zu den Eltern und fängt mit Rap an. Zufällig findet er über Online-Battle-Rap-Turniere Zugang zur Szene. »Ich war ein 14jähriger, der aus diesem Thomanerchor-System kam. Ich kannte nur die Leute von dort, ich kannte niemanden sonst in Leipzig. Gerade deswegen habe ich online Anschluss gesucht.« Vor 15 Jahren waren solche Turniere das große Ding. Kontrahenten laden dafür Audio- oder Videodateien mit Raps hoch, in denen sie ihre ihnen vorher zugelosten Gegner diffamieren. Runde um Runde, Gegner um Gegner.

Die Formate heißen Reimliga Battle Arena (RBA), Videobattleturnier (VBT) oder Don’t Let The Label Label You (DLTLLY), Größen wie Kollegah, Sun Diego, Casper oder Lance Butters beginnen dort ihre Karriere. Franz bläst den Rauch aus. »Ich habe mich einfach aufgenommen, mir noch ’nen Beat von Youtube gerippt, das eingereicht, und das war’s dann erst mal.« Vier Jahre macht er das, sucht sich immer neue, größere, professionellere Turniere – und probiert sich aus. Heute, erzählt der Musiker, würde er die damaligen Texte nicht mehr rappen. »Ich war mit 14 auch einfach noch 14. Da weiß man noch gar nicht, was Sache ist. Heute denke ich: ›Digger, du hast mit 14 noch nie Sex gehabt und rappst vom Mutterficken.‹ Jetzt kann ich das reflektieren, und genau deswegen war das damals wichtig.« Über ein Turnier des Rappers PA Sports lernt er Cr7z und DJ Eule, der damals schon mit Kool Savas arbeitet, kennen und wird unter Vertrag genommen. Franz ist gerade 19. Bis heute hält die Zusammenarbeit an, beide Generationen an Künstlern lernen voneinander. Die Notwendigkeit für Debatten ist vielleicht mehr denn je gegeben. »Gestern hat Sido ein Feature mit Xavier Naidoo angekündigt – ich hab’ mir so an den Kopf gefasst.«

Als Rapper ist HeXer immer politischer geworden, das Etikett, ein politischer Künstler zu sein, stört ihn nicht. »Wenn mich Themen wie Wehrpflicht, wie jetzt in dem Song ›Gewinner‹, oder die AfD beschäftigen, dann kann ich nicht anders, als meine Gedanken dazu in Songs zu packen.« Er wolle immer frei raus sagen können, was ihn gerade beschäftigt. Das ist inzwischen auch seine ostdeutsche Identität. Die Mutter kommt aus West-, der Vater aus Ostdeutschland, wenn es zu Meinungsverschiedenheiten kommt, wurden oft West-Ost-Klischees bemüht. »Als wir Jugendliche waren im Freundeskreis, war uns das gar nicht so klar. Gerade weil wir uns in Leipzig in einem elitären Umfeld bewegt haben und nicht auf dem Land. Mittlerweile fällt uns doch auf, dass das Spuren hinterlässt. Manche Studenten, die hierherziehen, wissen nicht mal, wann die Mauer gefallen ist. Die haben sich noch nie damit beschäftigt.«

Konzerttermine: 8.5., Lux, Hannover; 10.5., Nachtleben, Frankfurt am Main; 22.5., Cassiopeia, Berlin; 23.5., Bahnhof Pauli, Hamburg; 28.5., Backstage Club, München; 29.5., Conne Island, Leipzig

Themen:
junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 18.04.2026, Seite 11, Feuilleton

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