Weitersingen trotz Stromausfalls
Von Michel Torres Corona
Opern spielen oft in sagenumwobenen Welten. Richard Wagners »Ring des Nibelungen« entfaltet sich sowohl im unterirdischen Königreich Nibelheim als auch im mythischen Walhall, der Heimat der nordischen Götter. Giuseppe Verdis »Aida« erzählt die Geschichte einer Dreiecksbeziehung im alten Ägypten. Wolfgang Amadeus Mozart ließ sich für »Die Entführung aus dem Serail« von muslimischen Höfen inspirieren. Für seine letzte Oper vertonte Giacomo Puccini ein Libretto, das im alten China spielt – ein »Märchen« mit der ebenso grausamen wie schönen Prinzessin Turandot als Protagonistin. Eine der berühmtesten Arien der Oper, »Nessun dorma« (Niemand schlafe), endet mit dem kraftvollen Ausruf: »All'alba vincerò« (Ich werde in der Morgenröte siegen).
So exotisch es klingen mag, auch in Kuba wird Oper im Theater gesungen und gehört. Eine der letzten Aufführungen des Nationalen Lyrischen Theaters war die Inszenierung von »Turandot«. Sie wurde mit bescheidenen Mitteln realisiert, aber mit dem Können der Sänger und Instrumentalisten, die in dem dank der Revolution aufgebauten Schulsystem ausgebildet wurden. Dieses bringt jedes Jahr Dutzende von Musikern, Dramatikern, Filmemachern und bildenden Künstlern hervor und zeugt vom freien Zugang zu Bildung, für den das sozialistische Modell seit jeher steht.
Trotzdem machte sich die anhaltende Energiekrise des Landes auch hier bemerkbar. Mitten in einer dramatischen Szene kam es zu einer Unterbrechung. Das Stromnetz brach im März bereits zum dritten Mal plötzlich zusammen. Seine Instabilität ist dabei nicht auf ein rein technisches Problem, sondern auf die Ölknappheit zurückzuführen, die durch die US-Blockade verursacht und durch die vom Imperator Donald Trump verhängte vollständige Belagerung noch schlimmer wurde. Mitten in der plötzlichen Dunkelheit beleuchtete das Publikum die Künstler mit den Taschenlampen ihrer Handys, woraufhin diese ihre Darbietung fortsetzten. Die Tenöre und Soprane stellten ihre Gesangstechnik unter Beweis, die Orchesterbegleitung war makellos. Tosender Applaus krönte den Abend.
Selbst unter schwierigen Umständen blühen Kunst und Kultur in Kuba weiter auf. Jeden Sonnabend werden auf einem Platz in Alt-Havanna Bücher präsentiert, ein Kino in Vedado ist zur Premiere eines kubanischen Films bis auf den letzten Platz gefüllt, und im ganzen Land finden Konzerte und Tanzveranstaltungen statt. Natürlich erfordert das Beharren im Kampf um die Spiritualität der kubanischen Nation große Opfer von den öffentlich Beschäftigten und den Künstlern selbst, sowie die unerschütterliche Treue von Musik-, Kunst- und Literaturliebhabern, die selbst weite Wege zurücklegen, um keine Aufführung, Ausstellung oder sonstige Veranstaltung zu verpassen. Die Hoffnung, der Glaube an das Licht am Ende des Tunnels, ist nicht verloren.
Ein russischer Öltanker, der erste seit fast vier Monaten, ist kürzlich in Kuba eingetroffen und hat der Bevölkerung eine kurze, aber wichtige Atempause verschafft. US-Präsident Trump behauptete in seiner gewohnten Arroganz, er »erlaube« das Anlegen des Schiffes mit 700.000 Barrel Öl, weil er es wolle, weil die Menschen es bräuchten – ein klarer Widerspruch zu früheren Aussagen, er werde nichts ins Land lassen. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, sagte er auch noch, der Treibstoff werde den Kubanern helfen zu heizen – Heizung in Kuba!
Für Trump ist Kuba ein ebenso exotisches Land wie China für Puccini oder Ägypten für Verdi. Wir sind eine Nation, die er nicht kennt und nicht begreifen kann. So wie er Mitte März behauptet hat, dass Kuba außerhalb der Hurrikan-Zone liege, so ist er auch mit der Geschichte dieses Landes nicht vertraut, das sowohl Stürmen als auch Tyranneien ausgesetzt war und es geschafft hat, Hindernisse jeglicher Art zu überwinden, seien sie von der Natur oder vom Imperialismus aufgezwungen. Trump versteht kein Volk, das inmitten von Stromausfällen weitersingt. Ein Volk, das nicht aufgibt. Dieses Volk wird die lange Nacht überstehen, die seine Grausamkeit uns auferlegt hat. Und wie in Puccinis Arie werden wir den Morgen anbrechen sehen und triumphieren.
Michel Torres Corona ist kubanischer Journalist, Direktor des Verlags Nuevo Milenio und Moderator der wöchentlichen Fernsehsendung »Con Filo«.
Übersetzung aus dem Spanischen von Renate Fausten.
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