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20.03.2026
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Ich protestiere
Anders, als in der antikommunistischen Propaganda gerne dargestellt, gibt es auf Kuba sehr wohl Demonstrationen, und Unzufriedenheiten oder Meinungsverschiedenheiten werden offen ausgetragen.
Die antikubanische Propaganda stellt die Bevölkerung oft als »Schafe« dar, die sich, aus Feigheit oder Unterwürfigkeit, nicht trauen, sich der »grausamen Diktatur« entgegenzustellen. Dabei ist die Geschichte der Insel voll von Männern und Frauen, die wussten, wie man seine Stimme erhebt. Lange vor der Revolution, im Jahr 1878, beschloss der kubanische General Antonio Maceo während der Unabhängigkeitskriege, das Friedensgebot der Spanier nicht anzunehmen und den Kampf fortzusetzen – obwohl er zahlenmäßig weit unterlegen war. Für ihn kam ein Waffenstillstand ohne die Unabhängigkeit der Insel und die Abschaffung der Sklaverei nicht in frage. Der »Zehnjährige Krieg« endete schließlich mit einer Niederlage der Kubaner. Doch Maceos Beispiel wurde zu einer Quelle der Inspiration für die späteren kubanischen Revolutionäre und ist es bis heute geblieben.
Unvergessen bleibt selbstverständlich auch die juristische Anprangerung des Staatsstreiches von Fulgencio Batista durch einen Anwalt namens Fidel Castro Ruz. Castro forderte mit überzeugenden Argumenten eine harte Strafe für Batista, die natürlich niemals vollzogen wurde. Die Behörden urteilten, es habe sich bei Batistats Putsch nicht um einen Staatsstreich, sondern eine »Revolution« gehandelt, und diese sei eine legitime Rechtsquelle. Castro sprach später von einer »Machtaneignung« und begann, eine Revolution zu planen, die diesen Namen auch verdiente und die 1959 triumphieren sollte.
Die Feinde der Revolution ignorieren die Geschichte unseres Volkes und werfen dem kubanischen sozialistischen Staat vor, jegliche Ausübung individueller politischer Freiheiten, einschließlich von Protesten, zu unterdrücken. Sie blenden dabei natürlich die kollektive Ausübung dieser Freiheiten in den Massendemonstrationen, die seit Jahrzehnten die Plaza de la Revolución und die Antiimperialistische Tribüne füllen – um nur zwei symbolträchtige Orte in Havanna zu nennen –, gekonnt aus.
Die individuellen politischen Freiheiten, inklusive des Demonstrationsrechts, werden in der kubanischen Verfassung anerkannt. In der Praxis kam es bei friedlichen Demonstrationen (auch ohne, dass diese von den zuständigen Behörden genehmigt gewesen wären) zu keinerlei Repressionen oder Festnahmen. Erst vor wenigen Tagen beispielsweise hielten rund 30 Studierende einen Sitzstreik auf den Stufen der Universität von Havanna ab, um gegen das Fernstudium zu protestieren, das aufgrund der aktuellen Energiekrise eingeführt werden musste. Glaubte man dem Bild, das in der Propaganda gegen Kuba gezeichnet wird, müsste man annehmen, dass es bei so einer Aktion zu Toten und Verletzten kommen muss. Die Realität sah anders aus, und die Studierenden stießen auf Gesprächsbereitschaft. Der Rektor der Universität und der Minister für Hochschulbildung trafen sich mit den Demonstranten, es wurde eine Vereinbarung erzielt. Rechtliche Konsequenzen gab es für die jungen Leute keine.
Natürlich sind friedliche Proteste eine Sache und Vandalismus eine andere. Bilder von maskierten Männern, die vor wenigen Tagen das Hauptquartier der Kommunistischen Partei in der zentralkubanischen Stadt Moron niederbrannten, gingen um die ganze Welt. Die Unzufriedenheit und Frustration, die sich aufgrund der aktuellen schwierigen Lage aufgestaut haben, rechtfertigen weder sinnlose Gewalt oder Plünderungen. Selbst der Präsident äußerte Verständnis für den Ärger, erklärte aber auch, Gesetzesbrecher und Aggressoren würden nicht ungestraft davonkommen. Auch Medien, die der kubanischen Revolution bestimmt nicht freundlich gesinnt sind, wie die Deutsche Welle und die BBC, sprachen von »Vandalismus« und »Plünderungen«.
Die Propaganda gegen Kuba basiert auf Lügen: In diesem Land protestieren wir, prangern Missstände an, erheben unsere Stimme gegen Ungerechtigkeit, diskutieren täglich und tragen unterschiedliche Meinungen aus. Wir sind keine »Schafe«. Wir sind jedoch entschlossen, gemeinsam mit dem Staat unsere Verfassung, die Revolution und den Sozialismus zu verteidigen. Das ist auch unser Protest gegen diejenigen, die vorhaben, uns zu ersticken.
Michel Torres Corona ist kubanischer Journalist, Direktor des Verlags Nuevo Milenio und Moderator der wöchentlichen Fernsehsendung »Con Filo«.
Übersetzung aus dem Spanischen von Renate Fausten.
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