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Aus: Ausgabe vom 05.11.2022, Seite 10 / Feuilleton
Propaganda

Im Bann der Diktatoren

Die neue Publikation der »Bundeszentrale für politische Bildung« über Kuba greift nicht nur sprachlich ins Klo
Von Ken Merten
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Wer baute das siebentorige Theben? Veteranen feiern die Revolution in Havanna (2.12.2006)

Sie wähnen sich verdachtfrei: Personenkult ist nichts für die aufrechten Kämpfer der bürgerlichen Mitte und offenen Gesellschaft. Einzelne zu Schicksalsfiguren, zu Jahrhundertentscheidern und auratischen Lenkern des Geschicks ganzer Völker zu stilisieren, das tun nur die Extremisten.

Wobei: »Was das sozialistische Kuba als Spätkömmling von allen einstigen ›Bruderstaaten‹ typologisch unterschied, war vor allem die Tatsache, dass das ab 1959 errichtete politische Sy­stem einschließlich der 1965 neugegründeten Kommunistischen Staatspartei die Schöpfung eines einzigen Mannes war: die Fidel Castros«, schreibt Gerd Koenen, Historiker und Verfasser von Büchern wie »Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus« (2017) in seinem Essay »Kubanischer Sozialismus. Oder: Revolution als Wille und Vorstellung«, das sich in einer der jüngsten Nummern von Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), der Zeitschrift der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) findet. Deren Schwerpunktthema ist – 60 Jahre nach der Kubakrise – das sozialistische Land in der Karibik.

Da darf Tendenziöses wie das Geschriebene von Koenen nicht fehlen. Der schreibt einen Personenkult herbei, als baue er einen laweden Turm aus Bauklötzen, nur um ihn umzuwerfen. Ein Kinderspiel, ist Castro laut Koenen doch kein Verfasser marxistischer Klassikertexte, »in Bleisatz gegossener ›Gesammelter Werke‹« gewesen, wie er schreibt und dabei Castros Schaffen als Autor von Artikeln komplett ausblendet. Zudem sei der sich selbst die Krone aufsetzende König Castro ein während des Kampfes gegen Diktator Batista mit seinen »Gruppen bäuerlicher Kindersoldaten« militärisch unbedeutend gewesen. Der »Historiker« widerspricht sich im Absatz direkt selbst, indem er faktisch falsch anführt, die »Bewegung 26. Juli« sei eine »ganz auf ihn zugeschnittene« Truppe gewesen.

Aber Koenens literarische Figur Castro steht nun so wackelig, wie sie muss, damit er sie mit seinem Fäustchen umboxen kann. Sicherheitshalber aber, damit der Despot auch wirklich richtig eingeordnet wird, schlägt Koenen vor, sich die Querfront der getrennt marschierenden, gemeinsam aber diktierenden extremen Linken und Rechten anzugucken und – mag es auch meschugge bis nach Meppen sein – ihnen denselben Wesenskern anzudichten: »(…) die Art und Weise des Castro-Regimes rückte es ebenso in die Nähe der anderen Seite des politischen Spektrums: der Welt der faschistischen Duces und lateinamerikanischen Caudillos, die sich ihre movimientos, ihre ›Bewegungen‹, selbst geschaffen haben und auf den Leib geschnitten hatten, – Figuren wie Benito Mussolini, Francisco Franco oder Juan Perón, in deren Bann der junge Fidel vor, während und nach dem Weltkrieg aufgewachsen war.«

Koenen, im Banne großer Männer, träumt schlecht von Fidel Castro und schreibt über ihn dumme Literatur. Die negative Fan-Fiction ist der Tiefpunkt einer Publikation, die erwartbar viel Gülle auskippt über dem revolutionären Kuba. Fakten muss man suchen in der Hetze. Ganz ohne Tatsachen kommt auch die BPB nicht aus – verdienstvoll ist das Werk trotzdem nicht, wenn man alles erst mit Büchern gegenprüfen muss, wie dem des kubanischen Geschichtsprofessors José Cantón Navarro (»Die Geschichte Kubas. Die Herausforderungen des Jochs und des Sterns – Biographie eines Volkes«, 2016) und anderen Werken, bei denen man nicht den Eindruck hat, verarscht zu werden.

Die APuZ präsentiert auch nicht nur Historisches: Johannes Piepenbrink quetschte auf der Kasseler Documenta Tania Bruguera von der ausstellenden Künstlergruppe »Instituto de Arti­vismo Hannah Arendt« (INSTAR) aus. Die Dissidentin, die mittlerweile nicht mehr in Kuba lebt, hat viel zu reden, aber wenig zu sagen von »totalitären Systemen« und einem Umgang der kubanischen Regierung mit ihnen kritisch gegenüberstehenden Künstlerinnen und Künstlern, »als hätte man die chinesischen und russischen Regeln miteinander kombiniert« – was auch immer das heißen mag.

Statt dessen fallen die Buzzwords, nach denen die bundesdeutschen Mit-Arendtianer geiern: »Aktivist« und »Aktivismus« in einer von Brugueras Antworten allein viermal. So jemand sieht und hört man in Deutschland natürlich gern – drauf geschissen, dass man in Havanna wie ein Kesselflicker ­meckernd durch die Straßen gehen kann, auf dem Weg zum Nationalmuseum der bildenden Künste, wo reihenweise Werke der letzten Jahrzehnte stehen, in denen Künstlerinnen und Künstler offen Kritik an der Regierung üben. »Sie müssen wissen, dass es in Kuba verboten ist, Aktivist zu sein«, sagt Bruguera. Wenn »Aktivist« meint, Kreateur antikommunistischer Performancekunst zu sein, für die diese Ausgabe der Zeitschrift der Bundeszentrale für politische Bildung ein Beispiel gibt, dann ist das Verbot, von dem sie da redet, mehr als gut begründet.

Der Autor berichtet auf der Linken Literaturmesse Nürnberg von seinen Erfahrungen auf Kuba im Krisenjahr 2022: Sa. 5.11., 18 Uhr, LAB (EG)

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