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Aus: Ausgabe vom 17.04.2026, Seite 6 / Ausland

Der Stromausfall

Die US-Blockade ist verheerender als jemals zuvor. Doch die Kubaner verhindern, dass das Land zusammenbricht
Von Michel Torres Corona
Stimme aus Havanna_Logo.jpg

Vor einigen Jahren schrieb ich in Granma, dass es auch in der Kindheit meiner Mutter Stromausfälle gab. »Wir sind immer in der Sonderperiode gewesen«, war und ist ihr Mantra. Für sie waren die »guten Zeiten« eine Art Atempause, die wir uns auf unserem Weg verdient hatten – eine Atempause, die vorüber war, bevor wir ihren Wert erst richtig zu schätzen wussten. Wir waren glücklich, aber wussten es nicht, bis Donald Trump zum ersten Mal die Führung der USA übernahm. Mit ihm wurde nicht nur die Hoffnung der Obama-Ära zerstört, sondern es begann auch eine Phase der verschärften Blockade. Der Imperator erließ 243 Maßnahmen, um Kuba zu strangulieren. Es gelang ihm nicht.

Sein Nachfolger Joe Biden tat so gut wie nichts, um das »Sanktionspaket« abzuändern. Also schrieb ich in Granma, dass es um »die Sache schlecht stehe«. Wie sich herausstellte, konnte es noch schlimmer kommen.

In den 1960er und 70er Jahren gab es auch Stromausfälle. Und es gab Mangel. Meine Großmutter tauschte Kleidung gegen Lebensmittel. Sie ging auf dem Schwarzmarkt auf Jagd. Meine Mutter erinnert sich daran, dass ihr jüngerer Bruder als Kind kein Hähnchenfleisch kannte und die Leute Butter »Odysseus« tauften: Sie war zehn Jahre verschollen.

Dann kamen die »guten Jahre« der 1980er, in denen wir dem Ideal des Sozialismus am nächsten kamen: soziale Gerechtigkeit und Gleichheit, gefüllte Vorratskammern, ein bescheidener, aber tiefgreifender Wohlstand.

Ich bin in den 1990er Jahren geboren. Die Berliner Mauer war gefallen und die UdSSR aufgelöst. Es kamen die Jahre der Sonderperiode in Friedenszeiten, ein taktischer Euphemismus, um die schlimmste wirtschaftliche und soziale Krise Kubas zu benennen. Bis heute. Die Leute sprachen von »Alumbrones«, vom Aufleuchten, denn die Zeit, in der wir elektrisches Licht hatten, war flüchtig.

Dreißig Jahre später hat die von Trump in seiner zweiten Saison ausgehende Verschärfung der Blockade uns in diese Zeiten des brutalen Mangels zurückversetzt. Es gibt Tage, an denen wir kaum zwei Stunden Strom haben: Es ist praktisch unmöglich, Lebensmittel zu kühlen. Die Menschen und vor allem die Kinder leiden unter den langen heißen Nächten und den Moskitos. Arbeiten und Lernen wird zu einer Aufopferung und einem Balanceakt.

In einigen Wohnvierteln hört man mitten in der tiefen Dunkelheit das Schlagen von Topfdeckeln. Die Leute bringen ihren Ärger wegen des Stromausfalls zum Ausdruck – obwohl sie im Grunde wissen, dass dieser Protest zu nichts führt. Die Regierung nimmt ihnen den Strom ja nicht aus einer Laune heraus weg. Es sind Monate vergangen, ohne dass ein einziger Tropfen Erdöl ins Land gekommen ist. Im März durchbrach (oder besser gesagt durchlöcherte) ein russisches Schiff Trumps totale Blockade. Aber dessen Ladung trägt nur dazu bei, den Kollaps zu verhindern. Zum Treibstoffmangel kommt der schlechte Zustand der Kraftwerke hinzu. Das Bild in seiner Gesamtheit kann entmutigen, ja sogar deprimieren.

Was die US-Regierung dem kubanischen Volk antut, ist brutale Folter. Trump und seine Kamarilla, mit dem niederträchtigen Marco Rubio an der Spitze, haben sich einen herausragenden Platz auf der Skala des Zynismus und der Boshaftigkeit verdient, sogar unter Yankee-Regierungen. Sie sind nicht nur für die Blockade gegen Kuba verantwortlich, sondern schieben, wenn sie mit den Medien sprechen, die Schuld an der Krise auf Miguel Díaz-Canel und die Kommunistische Partei. Jedes andere Land, ganz egal, welches politische oder wirtschaftliche Modell es auch immer verfolgt, wäre längst zusammengebrochen, aber Kuba bleibt.

Als ich für die Granma schrieb, waren die gelegentlichen Stromausfälle nur lästig. Heute ist es schwierig, die Zeit und die Energie aufzubringen, Seiten zu füllen. Man weiß weder, wann der Stromausfall kommt, noch, wann man wieder Licht haben wird und für wie lange. Aber ich schreibe weiter, genauso wie das Volk auch unter widrigen Bedingungen mit seinem Leben fortfährt, auf seinen Schultern die Last eines Landes trägt und mit seinem täglichen Heldentum verhindert, dass das Land zusammenbricht.

Übersetzung aus dem Spanischen von Renate Fausten

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