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Aus: Ausgabe vom 25.03.2026, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Scham

Von Mesut Bayraktar
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Die Scham ist ein in sich gekehrter Zorn, so Marx (Sandsteinskulptur »Scham« in Obernkirchen)

Auch Wörter können einen Hype erfahren, Scham zum Beispiel. Im Kontext der neuen Arbeiterliteratur gab es kaum eine Stimme, die nicht über ihre Scham, aus dem Milieu der Lohnabhängigen zu stammen, schrieb. Es handelt sich um eine Herkunftsscham, die jene Schriftstellerinnen und Schriftsteller beim Gedanken an ihre Eltern und ihre Jugend beschlich. Inzwischen ist dieser Hype schon wieder am Abklingen. Doch der Scham selbst liegt eine strukturelle soziale Gewalt zugrunde, die noch bleiben wird.

Ebenso wie in Klassengesellschaften Gewalt immer wieder reproduziert wird, wird es auch die Scham. Mehr noch als in vormodernen Lebensweisen gilt das für die bürgerliche Gesellschaft. G. W. F. Hegel bemerkte in seiner Analyse der bürgerlichen Ökonomie, dass die Scham und die Ehre sogar die subjektiven Basen der bürgerlichen Gesellschaft ausmachen. Wie in allem erkannte Hegel auch in der Scham eine Dialektik am Werk, nämlich zwischen Beschämten und Beschämenden infolge der durch Privateigentum ungleich verfassten Besitzordnung. Wer hat, dem wird von unten gegeben, wer nichts hat außer seiner Arbeitskraft, der wird von oben beschämt. Scham, das macht Hegel deutlich, ist eine Polizei in den Seelen der Menschen. Sie bewahrt die Hierarchie, wird gar zum Gravitationspunkt der ganzen sozialen Rangordnung. Es gibt kein Entkommen vor ihr.

Auf dem Feld der realistischen Literatur hat der französische Autor Honoré de Balzac die Rolle der Scham eindrücklich beschrieben. Man denke nur an den Emporkömmling Eugène de Rastignac, der auf der Flucht vor der Scham bereit ist, jeden Preis zu zahlen, ob Intrige, Lüge oder Verrat, Hauptsache Aufstieg. Was die Aufsteiger aus der bürgerlichen Klasse – die gegen den niedergehenden Adel Ansprüche erheben – bei Balzac allesamt verstanden haben: Nur die Schamlosigkeit macht die Ehrgeizigen zu erfolgreichen Herren.

Ein frühes Gegenprogramm auf dem literarischen Feld findet man zum Beispiel beim englischen Autor Charles Dickens. Er beschreibt die Scham der Armen im frühindustriellen England. Sie sind naiv, gutmütig und unschuldig, ihre Scham ist ein passives Gefühl, welches beim Ertragen von Unrecht hilft. Ob diese Art Menschenfreundlichkeit den Armen hilft, steht auf einem anderen Blatt. Jedenfalls hängt Dickens an der Vorstellung, dass Scham Menschen zu besseren Menschen macht – ganz in der Tradition der christlichen Nächstenliebe, die den Geschlagenen zum Dulder verklärt. Doch die Opferrolle bleibt.

Eine radikal andere Perspektive nahm Karl Marx ein: »Die Scham ist schon eine Revolution«, so der junge Vorkämpfer der Arbeiterbewegung in einem Brief von 1843 mit Blick auf die gesellschaftliche Passivität. Marx deutet auf das widerständige Potential der Scham hin. In ihrem Kern sei sie ein aktives Gefühl, eine stille Wut auf Verhältnisse, die den Beschämten erniedrigen. Was nach der Wortbedeutung ursprünglich die Verhüllung der Geschlechtsteile bezeichnete, beschreibt im sozialen Kontext die Verschleierung der Gewalt und die Selbstzensur der Besitzlosen. Sobald diese jedoch die Logik der Scham begreifen, folgt der Gegenschlag. Scham ist für Marx eine Art in sich gekehrter Zorn, vergleichbar einem »Löwen, der sich zum Sprung in sich zurückzieht«. Die Opfer treten aus der Opferrolle heraus. Scham rüttelt auf.

Solch einen Sprung wagte in diesen Tagen die 1952 geborene Französin Gisèle Pelicot. Ihr eigener Mann betäubte sie jahrelang und ließ sie von zahlreichen Männern vergewaltigen. Erst durch die Ermittlungen erfuhr Pelicot davon. Im Prozess verzichtete sie auf Anonymität und sagte, nicht sie, sondern die Täter müssten sich schämen. Entsprechend trägt ihr im Februar 2026 erschienenes Memoir den Titel: »Die Scham muss die Seite wechseln«. Das bessere Leben in der Zukunft wird wohl ohne Scham sein. Doch bis dahin muss genau daran noch gearbeitet werden: dass die Scham auf die Seite der Besitzenden und Herrschenden wechselt.

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