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Aus: Ausgabe vom 24.03.2026, Seite 6 / Ausland
Iran-Krieg

Moskaus Sorgen

Russische Einschätzung zu Iran-Krieg: Patruschew beklagt »Zerstörung der Welthandelswege« und fordert Ausweitung eigenen Schiffbaus
Von Reinhard Lauterbach
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»Tag der U-Boot-Flotte« in Wladiwostok (19.3.2026)

Der frühere Sekretär des russischen Sicherheitsrats und jetzige Vorsitzende des diesem angegliederten »Marinekollegiums«, Nikolai Patruschew, hat sich besorgt über die Folgen des Iran-Krieges für den Welthandel geäußert. In einem Gespräch mit der Moskauer Wirtschaftszeitung Kommersant vom vergangenen Mittwoch sagte er, der von Israel und den USA neu entfachte Konflikt werde »das ganze globale Handelssystem um Jahre zurückwerfen«. Die Meerenge von Hormus habe bisher als »Verbindungsglied« der weltweiten Handelsströme gedient; der aktuelle Krieg beschleunige die Umverteilung des weltweiten Markts für Energieträger sowie die gesamte maritime Logistik. Das sei »eine Tragödie mit unabsehbaren menschlichen und wirtschaftlichen Folgen«, der neben allem anderen auch die ökologische Situation im Persischen Golf und »unermessliche kulturelle Werte« – vermutlich die auch von reichen Russen gern genutzten ­Luxushotels in Dubai – zum Opfer fielen.

Das im Westen oft vorgebrachte Argument, unmittelbarer Nutznießer des Kriegs sei wegen der steigenden Öl- und Gaspreise Russland, wies Patruschew zurück. Der Konflikt um den Persischen Golf habe »keine objektiven Gründe« und sei »durch nichts zu rechtfertigen«. Im übrigen untergrüben die USA mit eigenen Händen ihre bisherige Position als Garant der Sicherheit der Seeschiffahrt und der ihrer Verbündeten. Die jetzt steigenden Preise könnten auch jederzeit wieder fallen; Russland betrachte daher die Entwicklung mit »großer Sorge«. Israel als Kriegstreiber erwähnte Patruschew übrigens mit keinem Wort; da sollen offenkundig gewachsene Beziehungen nicht aufs Spiel gesetzt werden.

Man könnte diese Aussagen als wohlfeile Krokodilstränen abtun, hinter denen sich Russland über seine gestiegenen Exporteinnahmen ins Fäustchen lachte. Aber ganz so ist es vermutlich nicht. Denn ­Patruschew nutzte das Interview – nebenbei bemerkt, zum russischen »Tag der ­U-Boot-Flotte« – dazu, sich ein weiteres Mal über die westlichen Sanktionen gegen die sogenannte russische Schattenflotte zu beklagen. Und er nahm diese Sanktionen zum Anlass, sich für ein eigenes russisches Schiffbauprogramm nicht nur im militärischen, sondern auch im zivilen Bereich starkzumachen. Es sei ein jahrzehntelanger Irrtum der liberalen Fraktion im russischen Regierungsapparat gewesen, zu glauben, dass Russland notfalls immer irgendeine »bequeme Flagge« für seine maritimen Exporte finden werde.

Das spiegelt natürlich einerseits eine Sorge darüber, dass Staaten ohne großes politisches Potential, die ihr internationales Glück vor allem als Betreiber billiger Schiffahrtsregister suchen, politischem Druck aus dem Westen in wachsendem Maße nachzugeben genötigt sein könnten. Ob allerdings Schiffe unter russischer Flagge besser durch die Weltmeere kommen als solche unter der Jurisdiktion von Palau oder den Jungferninseln, erörterte Patruschew nicht. Doch er räumte das Gegenteil implizit ein, indem er den kürzlichen – mutmaßlich ukrainischen – Angriff auf einen russischen Gastanker im Mittelmeer als »beispiellosen internationalen Terrorakt« einstufte. Russland müsse sich überlegen, ob es seine Handelsschiffe künftig nur noch in Konvois fahren und sie eventuell von bewaffneten Begleitkommandos schützen lassen müsse. Auch dass die russische Marine solche Konvois eskortieren könnte, schloss Patruschew nicht aus. Denn die Blockierung des maritimen Handels gegnerischer Staaten sei vom Westen schon lange als wichtiges Element der Einkreisungsstrategie gegenüber Russland erkannt worden.

Aus Patruschews Überlegungen spricht ein objektives Dilemma Russlands zur See: Das Land ist ökonomisch auf die Einnahmen aus dem Export von Öl, Gas, Dünger und Rohstoffen über die Ozeane angewiesen und ist offenbar auch nicht gewillt, diese eigene Abhängigkeit von den Weltmärkten zu reduzieren. Gleichzeitig erhöhen aber die westlichen Blockademaßnahmen die Kosten dafür, den russischen Seehandel aufrechtzuerhalten, und mindern dementsprechend den ökonomischen Nutzen, den das Land von ihm hat.

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