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Newroz-Botschaft von Abdullah Öcalan

Foto: Bilal Seckin/SOPA Images/ZUMA Press Wire/dpa
Hunderttausende Kurden feierten am Sonnabend in Diyarbakır im Südosten der Türkei das Newroz-Fest und zeigten dabei auch Bilder des inhaftierten PKK-Gründers Abdullah Öcalan

Eine Botschaft des inhaftierten Vordenkers der kurdischen Befreiungsbewegung, Abdullah Öcalan, zu Newroz wurde am Sonnabend auf den Feierlichkeiten vor mehreren hunderttausend Menschen in Diyarbakır im Südosten der Türkei sowie vor Zehntausenden in Frankfurt am Main verlesen:

Das Newroz-Epos wird seit Jahrtausenden als Fest der Erneuerung, des Widerstands und des Frühlings von den Völkern des Nahen Ostens begangen. Newroz hat den Geist des Widerstands und der Wiedergeburt unserer Völker immer wieder neu belebt.

Die in Newroz verkörperten Symbole und Figuren spiegeln den Geist dieser Region wider. Dehaq (Tyrann im Newroz-Mythos, jW) steht als Sinnbild für das System der staatlichen Zivilisation; die Schlangen auf seinen Schultern, die täglich die Gehirne zweier junger Menschen verzehren, symbolisieren die Grausamkeit des assyrischen Staates, während Kawa der Schmied die Verkörperung des Widerstands gegen Unterdrückung darstellt.

Die seit Jahrhunderten im Nahen Osten geführten Religions-, Konfessions- und Kulturkriege stellen den schwersten Schlag gegen die Kultur des Zusammenlebens der Völker dar. Solange jede Identität und jeder Glaube versucht, sich durch Rückzug in sich selbst und durch die Feindbildkonstruktion des anderen zu behaupten, vertieft sich die Kluft zwischen unseren Völkern weiter. Unsere gemeinsamen Werte und unsere gemeinsame Kultur werden negiert, während unsere Unterschiede zu Ursachen von Konflikten und Kriegen gemacht werden. (…)

Es liegt in unserer Hand, dieses Jahr anlässlich von Newroz für alle Völker des Nahen Ostens zu einem wirklichen Jahr der Freiheit zu machen und die Tradition von Freundschaft und Solidarität zwischen den Völkern zur Geltung zu bringen. Dies kann erreicht werden, indem wir die ethnisch sowie religiös-konfessionell begründete Zersplitterung und den Bruderkrieg überwinden und die Einheit aller Kulturen sowie religiösen und konfessionellen Gemeinschaften auf der Grundlage von Freiheit und Geschwisterlichkeit verwirklichen.

Gegenüber dem von der kapitalistischen Moderne hervorgebrachten tiefgreifenden gesellschaftlichen und ökologischen Zusammenbruch haben wir im Einklang mit dem Freiheitsgeist von Newroz die demokratische Politik sowie eine ökologische und frauenbefreiende Lösungsperspektive der demokratischen Moderne entwickelt.

Lassen wir nicht zu, dass der Nahostraum, eine Region, die Kulturen hervorgebracht hat, in den Händen hegemonialer Mächte zu einem Schauplatz von Kriegen gemacht wird. (…) Wenn wir den Nationalismus und den Konfessionalismus als gesellschaftliche Krankheiten hinter uns lassen und uns auf die jahrtausendealte Kultur der Solidarität unserer Völker besinnen, gibt es kein Hindernis, das wir nicht überwinden könnten.

In einem solchen Geist der Gemeinsamkeit ist es auch möglich, eine demokratische Politik hervorzubringen. Wenn wir den jahrtausendelangen Kampf der Unterdrückten krönen wollen, so liegt dessen Ort weder im Osten noch im Westen innerhalb der kapitalistischen Kulturordnung, sondern im wirklichen Raum der Freiheit des Nahen Ostens. Indem wir die demokratische Integration auf diesen Grundlagen als eine tatsächliche Begegnung und im Sinne einer neuen Menschlichkeit, von Geschwisterlichkeit, Solidarität und Freundschaft verwirklichen, können wir sie weiterentwickeln und aktualisieren. (…)

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.03.2026, Seite 3, Abgeschrieben

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