Die Welt im kleinen
Von Michael Merz
Kürzlich ereiferte sich ein Bayern-Spieler künstlich über den Rasen im Stadion an der Alten Försterei. Kimmich war’s. Hätte nur gefehlt, dass er vor dem Reporter angewidert ausspuckt. Tja, wenn der Bauer nicht schwimmen kann, liegt’s an der Badehose – zuvor hatte Union Berlin den Fußballmillionären eingeschenkt. Dabei wird das Grün in Köpenick penibel bundesligatauglich gehalten. Am vergangenen Dienstag abend strahlten futuristische Gestelle mit LED-Lampen violette Wärme auf die empfindsamen Hälmchen. Drumherum ist Stille und Finsternis. Nur ganz oben auf der Tribüne brennt Licht. Vor der »Schlosserei« wartet Torsten Schulz auf seinen Leseabend bei den Eisernen. »Da drüben habe ich gestanden«, sagt er im Gespräch mit junge Welt und zeigt rüber auf die Waldseite, da, wo an Spieltagen die Ultras den Ton vorgeben.
In der Zeit, von der er redet, gab es die jungen Leute, die heute der 13. Mann auf dem Platz sind, noch nicht. Auch keine LED-Wärmelampen, noch nicht mal die hohen Absperrgitter. 1968 war Schulz das erste Mal da, das Jahr, in dem Union den FDGB-Pokal gewonnen hat. »Ich hatte zwei Väter – davon einen Stiefvater – beide Unioner, und sie haben mich mitgenommen.« Acht Jahre war Schulz alt und sah Jimmy Hoge die Außenbahn beackern. »Wie er sprintete, der Legende nach die 100 Meter unter 11 Sekunden!« Legenden lassen eben die Phantasie sprießen. Es ist der Beginn einer imaginären Freundschaft. Zunächst muss der kleine Torsten noch aufblicken zu Jimmy. Sein Held taucht auf, vermittelt Lebensweisheit, taucht unter, wie temporär das Interesse des Autors am Fußball, um dann wieder mit geballter Intensität aufzuspielen, und der Junge schießt in die Höhe. »Ich hatte Lust, die Kindheit zu packen«, sagt Schulz, und so kommen nun in komprimierter Form die Erinnerungen – »unter frohsinniger Benutzung eines Fußballspielers«.
Das Genre des halbfiktiven Sportromans ist hierzulande noch nicht allzu verbreitet. Schulz’ neuestes Werk passt jedoch nahtlos in die Reihe »Ikonen« des Verlags Voland & Quist, die sich mit kleinen Perlen den großen Kickern nähert, von Maradona bis Peter Ducke. Unions Pressechef Christian Arbeit erinnert an die »poetische Wahrheit« und bringt das Beispiel des Ken-Loach-Films »Looking for Eric«, der einen Fan von Éric Cantona porträtiert.
»Als Schriftsteller versuche ich, die Welt im kleinen zu suchen«, sagt Torsten Schulz und hat sein Buch »Kindheit mit Jimmy oder Die Kunst zu dribbeln« genannt. Nicht »des Dribbelns«. Das trickgeladene Voranstürmen samt Ball dient mehr als Metapher für die Geschicklichkeit, Widerstände zu überwinden, das Beste draus zu machen. In einem der imaginierten Dialoge mit seinem Vorbild bekommt der Autor einen absatzlangen Monolog vorgehalten, einen Satz voller Nebensätze und Auslassungen. Tenor ist, er solle doch erst mal ihn, Jimmy Hoge, vorstellen. Im Buch heißt es daraufhin: »Ein Satz wie ein Dribbling. Haken, Verzögerung, noch ein Haken, Finte, Haken … Nicht ohne Redundanz, das muss man wohl anmerken. Aber so sind Dribblings eben, gerade die von der artistischen Sorte. Meine Antwort, kurz und knapp: Klar, mach ich. Denn wenn Jimmy dribbelt, dribbelt nur Jimmy.«
Wer war dieser Fußballer nun – der, der eigentlich Günter mit Vornamen hieß? »Jimmy Hoge war eher undiszipliniert, ging gern in die Kneipe, war klein und quirlig mit tiefem Schwerpunkt – gute Voraussetzung, um zu dribbeln«, berichtet Torsten Schulz im jW-Gespräch. Und Widerstände gab es etliche im Leben des Außenstürmers, er eckte an mit forscher Art, trank oft mal über den Durst und fuhr ohne Fahrerlaubnis. Aber bei Union und der DDR-Nationalmannschaft hat er in kurzer Zeit Ausrufezeichen gesetzt. »Als Nachwuchsspieler bin ich nie hinter ihm hergekommen«, sagt der Trainer des Union-Traditionsteams, Detlef Schwarz, am Abend der Buchvorstellung. Stolz zeigt der alte Herr einen Turnierwimpel. »Den hat Jimmy mir mitgebracht, aus Chile, 1968, das war sein Topjahr.« Während einer Südamerikareise soll sogar Pelé auf ihn aufmerksam geworden sein, die dortige Presse nannte ihn »Motorneto« (»kleines Motorrad«). In den 70ern wurde es ruhiger um Hoge, er wechselte in niedrigere Spielklassen, machte den Trainer, blieb aber Union wie auch Detlef Schwarz eng verbunden. Der hat Fotos mitgebracht, eines zeigt die beiden Kumpels beim Headbangen mit aufblasbaren Gitarren, zwei Ergraute mit jeder Menge Spaß.
Einmal begegnete er seinem Helden im realen Leben, erzählt Torsten Schulz. Bei einer Lesung in den 2000ern, in der Fankneipe »Abseitsfalle«. Damals sei er auf ihn zugekommen, »leicht gebeugt, mit rauchiger Stimme ließ er sich für seine Frau ›Boxhagener Platz‹ signieren«. Dann, 20 Jahre später, recherchierte Schulz zu Jimmys Leben, und seine Witwe zog es bei einem Besuch aus dem Schrank, das Buch mit seiner Unterschrift. Ein kleiner Kreis schließt sich.
Torsten Schulz: Kindheit mit Jimmy oder Die Kunst zu dribbeln. Verlag Voland & Quist, Berlin 2026, 100 Seiten, 12 Euro
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