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Aus: Ausgabe vom 13.02.2026, Seite 5 / Inland
Mercedes-Benz und E-Mobilität

Stern tappt im Dunkeln

Luxus oder Mainstream? E-Mobilität oder Verbrenner? Europa oder Asien? Mercedes Benz legt desaströses Konzernergebnis vor und offenbart Folgen vielfacher Strategiewechsel
Von Michael Merz
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Der Gewinn von Mercedes-Benz ist 2025 um fast die Hälfte eingebrochen (Präsentation in Ungarn, 19.1.2026)

Es sollte der Booster für insbesondere die deutsche Kfz-Branche werden. Der Anfang des Jahres verkündete neue Zuschuss des Staates für den Kauf eines ­E-Autos – egal ob rein elektrisch oder hybrid angetrieben – erweist sich für die inländischen Autohersteller aber eher als Rohrkrepierer. Deutlich wahrscheinlicher macht ihn die Anschaffung nur für sechs Prozent der potentiellen Käufer oder Leaser, wie eine Umfrage von Yougov im dpa-Auftrag am Donnerstag offenbarte. Zum einen fühlt sich demnach eine Mehrheit der 2.100 befragten Personen nicht gut darüber informiert. Zum anderen schießt sich die deutsche Politik, allen voran die Vertreter von CDU/CSU, mit ihrem Vorstoß, das von der EU beschlossene Verbrenner-Aus zu kippen, selbst ins Knie. So kann es nichts werden mit dem von der Industrie längst angepeilten Umstieg auf E-Mobilität.

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer hatte die neue Prämie bereits kritisiert. Insgesamt sei die Zahlung »ein steuerfinanziertes Förderprogramm«, das der Markt nicht brauche. Schließlich hätten schon vorher immense Rabatte auf Elektroautos deren Absatz angetrieben. Je nach Fahrzeugart und persönlichen Umständen liegt die Prämie zwischen 1.500 und 6.000 Euro. Und es gibt eine Einkommensobergrenze, bis zu der sie ausgezahlt wird. Sie liegt bei 80.000 Euro im Jahr, mit zwei Kindern bei 90.000 Euro. Das wird sich eher nicht im vermehrten Absatz der hochpreisigen deutschen Autos niederschlagen, für deren Logo auf dem Blech der Käufer immer ein paar Scheinchen extra drauflegt. Bezeichnend: Eine Erhebung des ADAC zu Gesamtkosten einzelner E-Autos aus dem November des letzten Jahres (bevor die Prämie spruchreif war) zeigt, dass ausländische Hersteller (Dacia, Hyundai, Fiat, Citroën) die Top ten der preiswertesten Modelle bestimmen – die günstigen chinesischen Marken, z. B. BYD, sind im Ranking noch nicht mal vertreten, da dem Autoclub dazu noch keine Details zu Kosten vorgelegen hätten.

Die Autokäufer, die auf die Kosten individueller Mobilität achten, machen also eher einen großen Bogen um deutsche Kfz. Dieses Preisbewusstsein ist nicht neu, macht sich aber auch immer mehr auf dem einst als lukrativ geltenden chinesischen Markt bemerkbar. Denn da ist der Lack mittlerweile ab. Beispiel: Mercedes-Benz. Imagemäßig gilt das einstige Statussymbol in Asien längst als Opa-Schleuder. Nach wie vor ist China zwar das wichtigste Land für die Schwaben, fast ein Drittel aller Pkw werden dort verkauft. Doch der Absatzrückgang von 19 Prozent fiel 2025 in der Volksrepublik wieder besonders deutlich aus, wie das am Donnerstag in Stuttgart präsentierte Konzernergebnis aussagt. Ein Desaster, denn die Talfahrt in China ist eine fortgesetzte, hat nicht erst im vergangenen Jahr begonnen und sich tendenziell im Laufe des Jahres noch beschleunigt: Das Minus war im dritten Quartal bei fast 30 Prozent angelangt, so der SWR.

Insgesamt ist der Gewinn von Mercedes-Benz im vergangenen Jahr um knapp die Hälfte eingebrochen, im Vergleich zum Vorjahr um rund 49 Prozent von 10,4 Milliarden Euro auf 5,3 Milliarden Euro gesunken, teilte der Stuttgarter Autobauer mit. Zölle, negative Wechselkurseffekte und der intensive Wettbewerb in China werden als Begründung vorgehalten. Der Umsatz ging um neun Prozent auf 132,2 Milliarden Euro zurück. Das operative Ergebnis vor Zinsen und Steuern sank um 57 Prozent auf 5,82 Milliarden Euro.

Die finanziellen Ergebnisse seien im Rahmen der Prognosen ausgefallen und getragen »von einem klaren Fokus auf Effizienz, Geschwindigkeit und Flexibilität«. Also alles nicht so schlimm, versucht Mercedes-Chef Ola Källenius laut Mitteilung, Zuversicht zu verbreiten: »Wir sind bereit für das Jahr 2026.« In diesem Jahr stehe alles unter besseren Vorzeichen, ein »Sparprogramm« soll die Zahlen richten. Getragen werde das Wachstum dann von mehr als 15 Prozent im High-End-Segment, zu dem etwa die S- und ­G-Klasse zählen. Die reiche Klientel soll es wieder mal richten.

Ein Strategiewechsel? Damit jedenfalls kennt man sich bei Mercedes aus. Schon 2022 wurde ausgegeben, dass sich das Unternehmen fortan »noch stärker auf das Luxussegment konzentrieren« wolle. Außerdem werde man »den Weg in die vollelektrische Zukunft beschleunigen«. Dann Kommando zurück im letzten Jahr – weg vom reinen Luxus, wieder Autos auch in günstigeren Preisklassen anbieten. Das neue Markenversprechen hieß »Welcome Home«, mit traditionellerem Design zu früheren Werten – und die kleine A-Klasse wurde doch nicht ersatzlos gestrichen. Nun geht es zurück Richtung High Society. Und was ist mit der »Electric-only-Strategie«? Bis zum Ende des Jahrzehnts wollte der Konzern nur noch vollelektrische Neuwagen anbieten. Jetzt heißt es plötzlich 30 Prozent E-Autos und Plug-in-Hybride bis 2027. Linke-Chefin Ines Schwerdtner mahnte am Donnerstag einen echten Plan für die Transformation der Autoindustrie an. »Sichere Jobs und echte Mitbestimmung statt Wachstumsfantasien im Luxussegment« müssten her, Mercedes dürfe den Druck nicht nach unten geben.

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