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Den Haag, Blicke

Es ist alles eitel

Wenn der Sommer mal ein paar Tage ausbleibt und es leicht schifft in Den Haag, dann redet man sich das als Städteurlauber gern schön. »Stell Dir vor, es wären jetzt 35 Grad, da hätte man doch gar keine Lust, etwas zu unternehmen.« Ich habe auch jetzt keine Lust, aber um nicht durchzuregnen, schauen wir uns im Mauritshuis bei den alten Meistern um. Rembrandt, Rubens, Jan Steen, Paulus Potter und dann natürlich Vermeer, »Meisje met de parel« (dt. »Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge«). Jaja, ich weiß, Vermeer, der Meister des Lichts. Wie sich das spiegelt im Gehänge. Schon schön. Aber ich glaube, der große Erfolg des Bilds resultiert aus dem halbgeöffneten Mund und der schmatzend feuchten Unterlippe. Die Frau hat gerade geküsst, mindestens Zunge.

Noch dazu ist sie die einzige hübsche Person im ganzen Mauritshuis. Die alten Meister waren bekanntlich große Realisten. Ihre Akkuratesse zeigt sich aber nicht nur in den üppig gebauschten Spitzenkrägen, sie haben auch bei den Gesichtern nicht geschummelt und die verknöcherte, verglubschte, schwanznasige Grauslichkeit knallhart abgepinselt. Ich hätte keinen Gulden, Florin, ja nicht einmal einen Schilling dafür bezahlt, aber die adeligen und großbürgerlichen Auftraggeber haben sich ihre entlarvenden Konterfeis sogar aufgehängt. Vermutlich als frohe Vanitas-Botschaft. Wenn der Mensch schon ein Wurm ist und von hienieden nichts mitnehmen kann, dann womöglich auch nicht dieses Torfgesicht. Das weckt Jenseitshoffnungen!

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Erschienen in der Ausgabe vom 18.08.2023, Seite 10, Feuilleton

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