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10.09.2020
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Hintergrund: Pannenserie
Die Verhandlung gegen Neonazi Stephan Balliet sorgt immer wieder für ungläubiges Raunen in den Reihen der Prozessbeobachter. Ein Ermittler vom Bundeskriminalamts (BKA) kann sich im Zeugenstand an kaum etwas erinnern. Seine Kollegin räumt ein, sie habe das Computerspielverhalten des Angeklagten erforschen sollen, obwohl sie sich mit der Materie gar nicht auskenne. Ein weiterer Ermittler erklärt, er wisse nichts über das Manifest des Attentäters Brenton Tarrant, der im März 2019 bei einem Anschlag auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch 51 Menschen erschossen und 50 teils schwer verletzt hatte. Dabei berief sich Balliet in seinen Aussagen immer darauf.
»Ich verstehe nicht, wie BKA-Beamte sagen können, dass sie ihr Bestes getan haben«, konstatierte am Dienstag eine 29jährige Zeugin, die am Tag des Anschlags in der Synagoge in Halle das jüdische Fest Jom Kippur gefeiert hatte. Die Polizei habe weder die Internetseiten detailliert durchsucht, die der Angeklagte genutzt hatte, noch die Computerspiele ausprobiert, noch sich mit den von ihm frequentierten Foren eingehend befasst. Die Parallelen zu anderen Neonazianschlägen hätten kaum eine Rolle gespielt. »Dabei hat er uns des öfteren klargemacht, dass er nur ein kleines Rädchen in einer größeren Maschinerie sei«, stellte sie klar.
Klar ist, dass der heute 28jährige seinen Mordanschlag lange geplant hatte. Etwa acht Jahre zuvor, 2011, hatte er begonnen, sich Waffen und Zubehör zu besorgen. Einige Bestellungen liefen über seine Mutter, bei der er lebte. Auf dem Grundstück seines Vaters baute er unbehelligt Waffenteile mit Hilfe eines 3-D-Druckers. In seinem Bettkasten im Haus der Mutter bunkerte er jahrelang sein Kampfgerät. Bekannte von ihm berichteten im Zeugenstand von frühzeitigen Hinweisen darauf, dass von Balliet eine Gefahr ausgehen könnte. Sein ehemaliger Schwager sagte, er selbst habe der rechten Szene angehört, aber trotzdem Angst vor ihm gehabt.
Nach dem Notruf am 9. Oktober 2019 – als Balliet versucht hatte, mit Sprengsätzen die Synagogentür zu öffen, Nagelbomben über die Mauer geworfen und das erste Opfer, die 40jährige Jana L., vor dem Gotteshaus erschossen hatte – legte die Polizei verstörend wenig Eifer an den Tag. Die Beamten leisteten weder Erste Hilfe, noch verfolgten sie den Täter, als der unbehelligt erneut am Tatort vorbeifuhr. Wenig später tötete der Neonazi den 20jährigen Kevin S. in einem Dönerimbiss. Nach einer kurzen Schießerei mit der Polizei flüchtete er verletzt, versuchte einen Anschlag auf einen dunkelhäutigen Mann, verletzte ein Paar schwer und erpresste ein Auto von einem Taxiunternehmen. Alles nur eine Pannenserie der Polizei? (sbo)
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