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Hintergrund: Widersprüchliche Nachrichtenlage

Es gibt weder Beweise noch identifizierbare Quellen. Aber das Gerücht, in Libyen seien islamistische »Rebellen« aus Syrien im Kampfeinsatz, hält sich. Es gibt dazu sogar ein beliebtes Onlinevideo. Die libysche Regierung in Tripoli behauptet allerdings, es sei in Wirklichkeit in der syrischen Provinz Idlib aufgenommen worden. Auf den ersten Blick scheint das Gerücht am 30. Dezember mit einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters begonnen zu haben. Die Überschrift besagt, die Türkei ziehe »Quellen zufolge« die Entsendung verbündeter syrischer Kämpfer nach Libyen in Erwägung. Dass sie in einer Stärke von 300 Mann schon dort seien, behauptet aber nur die von Reuters zitierte »Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte«, die ihren Sitz nach eigenen Angaben im englischen Coventry hat. Das Büro taucht oft in fragwürdigen oder erwiesenermaßen falschen Meldungen aus Syrien, beispielsweise über Giftgasangriffe der Regierungskräfte, auf.

Deutlich gesagt: Reuters selbst behauptet nur, dass in der Türkei die Option erwogen, eingeschätzt und diskutiert werde, syrische Islamisten nach Libyen zu schicken, und dass es eine »Tendenz« in diese Richtung gebe. Die Agentur beruft sich für diese Behauptungen aber lediglich auf vier »hochrangige«, nicht weiter bezeichnete türkische Informanten.

Aber bevor Reuters sich der Sache annahm, waren schon andere »Aufklärer« am Werk. Die israelische Website Debkafile hatte zwei Tage vorher, am 28. Dezember, berichtet, »große Kontingente« türkischstämmiger syrischer Rebellen würden »in einer Luft- und Seebrücke« mit Transportflugzeugen und Schiffen nach Libyen gebracht, um der Tripoli-Regierung bei der Verteidigung der Hauptstadt gegen die Truppen des Warlords Khalifa Haftar zu helfen. Debkafile wird mal dem Mossad und mal dem militärischen Nachrichtendienst Israels zugeordnet. Eine glaubwürdige Quelle ist die Website sicher nicht. (km)

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 04.01.2020, Seite 3, Schwerpunkt

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