Zum Inhalt der Seite

Aus den Tagesordnungen

Erfahrungsgemäß ist mit Dichtung keinerlei Geld zu verdienen. Und Hans Magnus Enzensberger ist ein Topdichter. Heute wird er 80. Der Mann, der den Neckermann-Katalog rezensierte, eine legendäre Kultur-Tätlichkeit wie Peter Handkes »Publikumsbeschimpfung« oder Nikel Pallats Versuch, live den Tisch einer WDR-Talkshow mit einer Axt zu spalten. Enzensberger, der in den sechziger Jahren »nicht mehr den Kommunismus, sondern die Revolution« auf der »Tagesordnung« sah, reiste nach Kuba und war politisch frustriert. Trotzdem dürfte jeder linke westdeutsche Gymnasiast sein Buch über die spanischen Anarchisten »Der kurze Sommer der Anarchie« gelesen haben.

Weil mit Dichtung kein Geld zu verdienen ist, wurde Enzensberger über die Jahre zum Großessayisten des liberalen Bürgertums, dessen zunehmenden Rechtsdrall er seit Mitte der 80er geradezu lässig ideologisch antizipierte. Immer geistreich, elegant und unterhaltsam schrieb er gegen das, was die FAZ als »linke Gemütlichkeit« verachtet – was ja für einen Intellektuellen auch sehr gemütlich ist. Aus diesen Gründen erklärte ihn die Süddeutsche Zeitung schon 1995 zum »behänden Mystiker«, der dann auch prompt die Bewaffung der Kosovo-Albaner forderte und den Eimarsch der USA in den Irak verteidigte. An seinen Printprojekten kann man diesen Turn in den publizistischen Pragmatismus als Propagierung des Bestehenden nachvollziehen. Vom Kursbuch (60er), über Trans-Atlantik (80er) zur »Anderen Bibliothek« (ab 1985) verkaufte Enzensberger seine zunehmende politische Einfallslosigkeit als besondere Form der Phantasie. (jW)
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 11.11.2009, Seite 13, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!