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Klassiker

Aufopferungsfreudig für den Krieg

Dokumentiert. Reinhard Opitz über die Vorgeschichte des deutschen Faschismus vor dem Ersten Weltkrieg

Foto: teutopress/imago
Eine zeitgenössische Postkarte zeigt die Verladung von Schädeln von Herero und Nama für Museen in Deutschland um 1900 in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia

Aller imperialistische Rassismus hat die genuine Brutalphilosophie des Imperialismus, den Sozialdarwinismus, zu seinem (bis zur Gegenwart letztendlich durch nichts anderes ersetzbaren) philosophischen Boden. Die Geschichtsforschung hat es lange Zeit unterlassen, sich die Frage zum Thema zu machen, wie es denn nun zu einer so starken Ausbreitung dieses Rassismus in Deutschland von den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts an kommen konnte. Inzwischen liegen allerdings doch einige erste Untersuchungen darüber vor, und seither steht fest, dass sich dieser Prozess so »spontan«, wie es mangels genauerer Kenntnis bislang zumeist einfach angenommen wurde, keinesfalls vollzogen hat; vielmehr gab es durchaus organisierende Zentren seiner Ausbreitung (…). Und die rührigste und zugleich mächtigste dieser Zentralen war der »Alldeutsche Verband«.

Der »Alldeutsche Verband« inspirierte die Gründung unzähliger Vereinigungen, die sich in unterschiedlichster Organisationsform mit »Germanenkunde« zu dem einzigen Zwecke beschäftigten, in ihrer jeweiligen Mitgliedschaft – und vermittelt durch sie in der Öffentlichkeit – ein rassisches Höherwertigkeitsgefühl und einen aus ihm abgeleiteten Weltherrschaftsanspruch der Deutschen hochzuzüchten. (…)

Der Mann aber, der die für den deutschen Imperialismus entscheidende Schlüsselstellung der Umschrift des Gobineauschen Rassismus auf die Machtansprüche ausschließlich des deutschen Kapitals vollbracht hatte, war der aus Deutschenverehrung von England nach Deutschland umgesiedelte britische Exoffizier Houston Stewart Chamberlain. Er heiratete 1908 in Deutschland Richard Wagners Tochter Eva, zog ins Bayreuther Wagner-Haus ein und verfasste hier nicht nur (bis zu seinem Tode im Jahre 1927) einen Großteil seiner übelsten rassistischen und weltkriegsanfeuernden Schriften, sondern konnte sich in ihnen auch auf Wagners eigene Germanenverherrlichung und Judenverunglimpfung berufen und durfte sich, in herzlichem Einvernehmen mit der Wagner-Familie, als Biograph Wagners betätigen – was man beim Hören der Wagnerschen Musik nie vergessen sollte, weil sie erst dann zu verstehen ist und es sich einem dann erschließt, dass es den Imperialismus eben auch in der Musik – und zwar von den Textvorlagen ganz abgesehen, als Musik – gibt. Chamberlains bereits 1899 erschienenes Hauptwerk »Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts« hatte die von Gobineau noch der »weißen Rasse« kollektiv zugeschriebene Eigenschaft, der alleinige »Kulturträger« der Erdbevölkerung zu sein, weiter eingeengt auf das »Germanentum« und sie in ihm wiederum insbesondere den »Deutschen« zugesprochen mit der Schlussfolgerung, dass also »die Deutschen« berufen seien, »die gesamte Erdkugel zu beherrschen«. Das genau war es, was die aggressivsten Kräfte des deutschen Imperialismus zu dieser Zeit brauchten und hören wollten. (…)

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Was aber war nun das Dilemma des deutschen Großkapitals bei all dieser doch eigentlich mächtig betriebenen und ja durchaus nicht erfolglosen ideologischen Agitation? Es tritt schlagartig in den Blick, sobald wir uns nur einmal die Reichstagswahlergebnisse der Sozialdemokratie in der Zeit von der Aufhebung des Sozialistengesetzes im Jahre 1890 an bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges ansehen. (…) Die Bemühungen sowohl der Konservativen und Nationalliberalen wie auch der Politiker der freisinnigen Parteien und der späteren Fortschrittlichen Volkspartei, den Arbeitern auf unterschiedlichste Art und Weise den Sozialismus als »Irrweg« auszurufen, verfingen immer weniger, wie die Entwicklung der Wahlergebnisse zeigte. (…)

Und hier kommt, zur Bewältigung dieses Problems, das die innenpolitische Hauptfrage für die imperialistische Großbourgeoisie war, eine neue strategische Antwort auf – eigentlich schon ab Anfang der 80er Jahre, doch an Aktualität gewinnend und sich verdeutlichend in dem Maße, in dem das Potential der Sozialdemokratie anschwillt und tendenziell mit der gesamten Arbeiterschaft identisch wird, nämlich die Antwort: Man darf eben nicht mehr vor den Arbeitern den Eindruck erwecken, ihnen den Sozialismus überhaupt ausreden zu wollen, was sie nur in ihrem Misstrauen gegen den Sprecher bestärkt und sie noch mehr der Sozialdemokratie zutreibt, vielmehr müsse man versuchen, sie im Namen des Sozialismus für die äußeren und inneren Hauptziele des Imperialismus und vor allem zur Aufopferungsfreudigkeit für seinen Krieg zu gewinnen. (…)

Es kommt jetzt zur Ausbildung eines Agitations- oder Demagogiemodells, das dies leisten soll, und zwar dadurch, dass es alle diejenigen neuartigen Elemente der imperialistischen Demagogie, die wir bisher behandelt haben – also den imperialistisch neuformulierten Nationalismus, den Sozialdarwinismus und den Rassismus –, aufnimmt, sie aber mit einem weiteren, gleichfalls seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in neuartiger, wiederum spezifisch imperialistischer Gestalt aufgenommenen und sich ausbreitenden ideologischen Element kombiniert: dem »modernen«, nämlich nunmehr rassistisch begründeten Antisemitismus.

→ Reinhard Opitz (1934–1986): Zur Entstehung der »völkischen« Richtung im politischen Kräftespektrum der bürgerlichen Gesellschaft. In: Reinhard Opitz: Faschismus und Neofaschismus. Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt am Main 1984, und Akademie-Verlag, Berlin/DDR 1984, S. 16–21

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Erschienen in der Beilage vom 18.07.2026, Seite 3, Geschichte

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