-
07.04.2007
- → Aktion
Unser Osterwunder
Warum sich die junge Welt ab und zu mal selbst loben muß
Dann aber ist zu bemerken, daß wir uns schon mal selber loben müssen. Weil es ja sonst fast keiner tut. Vielmehr kann man immer wieder lesen, wie schrecklich diese Zeitung doch ist. Zuletzt am 1.April in der Welt am Sonntag. Unter der knalligen Überschrift »Die schöne junge Welt der Stasiveteranen« werden wir endlich mal wieder als »früheres Zentralorgan der SED-Jugendorganisation« betitelt, was ja geradezu aus der Mode gekommen ist. Heute sei die junge Welt »Sammelbecken für ewig gestrige Linke, Verschwörungstheoretiker, offizielle und informelle Mitarbeiter der Stasi sowie Exspione aus allen Teilen Deutschlands« und somit eines der »merkwürdigsten Presseerzeugnisse des Landes« – »und das mit einer steigenden Auflage«, wie die Welt am Sonntag zu bedenken gibt. Nachdem man sich eine Zeitlang mit der vermeintlichen Vergangenheit so mancher vermeintlicher Führungskraft in der jungen Welt beschäftigt hat, kommt man dann doch noch zum Kern der Sache: Anst0ß erregt nicht nur, daß die Linie des Blattes von diesen Kräften frech und offen als »marxistisch« bezeichnet wird, gegen Schluß wird dann auch noch beschrieben, wohin das alles führen muß: »Die junge Welt läßt kaum eine Gelegenheit aus, Deutschlands demokratische Institutionen zu diskreditieren.« Wenigstens diese Behauptung wird sofort mit erdrückenden Beweisen belegt: »Als der Bundestag kürzlich über den Tornadoeinsatz in Afghanistan und die Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre abstimmte, titelte man: ›Krieg bis 67‹, und schrieb: ›Selten wurde Politik so direkt am Volk vorbei gemacht.‹« Das genügt der Welt am Sonntag als Beleg dafür, wie die junge Welt demokratische Institutionen diskreditiert. Ganz so blöd sind aber die Welt am Sonntag-Leser nicht. In Leserkommentaren verteidigen sie oft die junge Welt. Denn auch ihnen ist aufgefallen, daß Mehrheiten beim »Tornado«-Einsatz und bei der Rentenerhöhung tatsächlich ignoriert worden sind. Einfach schreiben, was ist, fällt manchem halt recht schwer.
Vor zwölf Jahren konnten auch wir nicht schreiben was ist: Erstmals in der Geschichte dieser Zeitung gab es keine junge Welt: Denn am 5. April 1995 wurde vom damaligen Eigentümer ihr Ende verkündet. Das wurde damals sogar in der ARD-Tagesschau vermeldet. Die vermeintlich letzte Ausgabe der jungenWelt vom 6. April ging dann als die »Kartoffeldruck-Ausgabe« in die Zeitungsgeschichte ein. Kleingläubige Mitarbeiter machten sich darin über die Versuche und Überlegungen lustig, die junge Welt in Eigenregie der Belegschaft weiterzuführen. Wir und unsere Leserinnen und Leser sind aber sowas von Klasse: Nur sechs Tage später, am Ostersamstag 1995 gaben wir der verduzten Öffentlichkeit bekannt, daß ab sofort die junge Welt wieder erscheinen wird. Die Tagesschau meldete das allerdings nicht – dort sind wir erst wieder im Zusammenhang mit der Grußbotschaft von Christian Klar an die Rosa-Luxemburg-Konferenz genannt worden. Wir feiern also doppelt: 60 jahre junge Welt – und zwölf Jahre Osterwunder. Und loben uns und unsere Leserinnen und Leser schon wieder. Also sowas.
Verlag, Redaktion und Genossenschaft
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
