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06.06.2026
- → Aktion
Die Geschichte der Arbeiterpresse
Warum linke Zeitungen nie bloße Beobachter waren
Die Arbeiterzeitung wanderte von Hand zu Hand, wurde im Betrieb vorgelesen, zerlesen, weitergegeben und versteckt. Oft war sie das einzige gedruckte Medium im Haus. Für viele Arbeiterinnen und Arbeiter war sie nicht bloß Informationsquelle, sondern politische Schule, Ort der Willensbildung und organisatorisches Werkzeug zugleich.
Ganz im Sinne der bekannten Marxschen Prämisse sollten Arbeiterzeitungen die Welt nie nur beschreiben. Sie wollten helfen, sie zu verändern. Genau deshalb wurden sie von den Herrschenden stets bekämpft.
Unter Bismarcks Sozialistengesetzen von 1878 wurden sozialistische Zeitungen verboten, Redaktionen zerschlagen und Druckschriften beschlagnahmt. Der Sozialdemokrat, die Zeitung der damaligen Arbeiterbewegung, musste zeitweise im Exil in Zürich und London gedruckt und heimlich ins Deutsche Reich geschmuggelt werden. Das war nicht bloß Pressearbeit. Wer Zeitungen transportierte, verteilte oder Geld sammelte, organisierte gleichzeitig die politische Bewegung.
Wladimir Iljitsch Lenin beschrieb 1901 die Zeitung deshalb nicht nur als Propagandist oder Agitator, sondern als »kollektiven Organisator«. Eine Arbeiterzeitung schuf Netzwerke. Sie verband Fabriken, Städte und politische Gruppen miteinander. Das Erscheinen der nächsten Ausgabe gab vielerorts den Takt der politischen Arbeit vor.
Die Herrschenden verstanden, wie gefährlich das werden konnte. Auch in der Weimarer Republik wurden linke Zeitungen wie die Rote Fahne der KPD von der bürgerlichen Justiz immer wieder verboten. Nach 1933 gehörte die Zerschlagung der Arbeiterpresse zu den ersten Maßnahmen der Faschisten. Druckereien wurden besetzt, Redaktionen zerstört, Journalisten verhaftet und ermordet. Denn wer die Gegenöffentlichkeit zerstört, schwächt auch die Möglichkeit zum Widerstand.
Die »Gleichschaltung« der Presse gehörte zu den zentralen Voraussetzungen faschistischer Herrschaft. Die Frage, wie vielfältig politische Perspektiven in den Medien vertreten sind und welche Positionen als »vernünftig« oder »extrem« gelten, ist deshalb keine historische Angelegenheit. Sie stellt sich bis heute neu.
Dabei waren Arbeiterzeitungen weit mehr als politische Kampfblätter. Sie erklärten Wirtschaft, Krieg und Ausbeutung. Sie druckten Romane, Gedichte und naturwissenschaftliche Texte. Sie halfen Menschen, die oft kaum Zugang zu höherer Bildung hatten, gesellschaftliche Verhältnisse zu verstehen und sich sprachlich gegen Unterdrückung zur Wehr zu setzen. Die Zeitung wurde so zur Universität der Arbeiterklasse.
Arbeiterpresse schuf Klassenbewusstsein. Sie gab Menschen nicht nur Informationen, sondern Begriffe, Zusammenhänge und das Gefühl, mit ihren Erfahrungen nicht allein zu sein.
Auch heute ist die Frage aktuell, wem Öffentlichkeit gehört und welche Stimmen darin überhaupt vorkommen. Während große Teile der Medienlandschaft Aufrüstung, Konkurrenzlogik und sogenannte Sachzwänge oft als alternativlos behandeln, versuchen linke Medien weiterhin, gesellschaftliche Entwicklungen aus einer Klassenperspektive zu analysieren.
Dafür gerät die junge Welt bis heute politisch unter Druck und wird im Verfassungsschutzbericht angeschwärzt: Die Angst der Herrschenden vor konsequenter Gegenöffentlichkeit ist nie verschwunden. Früher wurden Druckmaschinen beschlagnahmt. Heute funktioniert Repression oft bürokratisch und leise.
Die Traditionslinie, in der die junge Welt steht, ist dabei keine der Parteidisziplin, sondern eine des klaren Klassenstandpunkts. Als unabhängige, aber zutiefst parteiische Zeitung führt sie das Erbe der historischen Arbeiterpresse fort, die nie bloß Hintergrundrauschen war, sondern das theoretische Rückgrat emanzipatorischer Bewegungen.
Vom illegal verbreiteten Sozialdemokrat im Kaiserreich bis heute gilt: Gegenöffentlichkeit entsteht nicht von allein. Sie muss organisiert und finanziert werden.
Die Arbeiterzeitungen des 19. Jahrhunderts wurden von ihren Leserinnen und Lesern getragen. Menschen sammelten Geld, verteilten Exemplare, warben neue Abonnenten und machten die Zeitung zu einem Teil ihrer politischen Praxis. Genau darauf kommt es auch heute an: Die junge Welt verfügt weder über Großinvestoren noch über ein milliardenschweres Medienhaus im Hintergrund. Ihre eigentliche Kraftquelle ist dieselbe, auf die sich schon Generationen linker Zeitungen stützen mussten: Leserinnen und Leser, die Gegenöffentlichkeit nicht für selbstverständlich halten.
Wer die junge Welt abonniert, stärkt eine Gegenöffentlichkeit, die Krieg, Sozialabbau und die Herrschaft des Kapitals nicht als Naturgesetze hinnimmt. Werden Sie jetzt Teil dieser Tradition. Werden Sie jetzt Abonnentin oder Abonnent!
→ Dritter Teil der Reihe »Das tägliche Ritual Zeitung«. In einer Woche geht es an dieser Stelle weiter mit »Papier, das bleibt. Warum Menschen ihre Zeitung nicht aufgeben«.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
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