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Im Konjunktiv

Über die Annektion der DDR durch die BRD gibt es auch lustige Geschichten. Zum Beispiel über Leute, die sich ganz kurz vor Mauerfall via Ungarn in die BRD absetzten. Denen konnte es passieren, daß sie das frisch angefangene Studium in der damals aufregenden Stadt Leipzig aufgaben, um sich mit ihren Eltern in irgendeiner verschnarchten westdeutschen Kleinstadt wiederzufinden, von wo aus man irritiert in den Fernseher blickte, was sich alles draußen in der wilden weiten Welt so tat. Die Frankfurter Rundschau ist mitunter ähnlich erstaunt. In ihrer Donnerstagausgabe enthüllte der nicht so bekannte westdeutsche Schriftsteller Gerd Loschütz, daß der Rat des bekannten ostdeutschen Dichters Volker Braun in der Angelegenheit, ob Wolf Biermann Ehrenbürger von Berlin werden soll, nichts wert sei. Eine Halluzination im Konjunktiv, denn Loschütz wirft erst die Frage auf, wie das denn wäre, wenn man Braun gefragt hätte. Warum sollte man ihn fragen? Weil er jetzt der gewählte Direktor der Sektion Literatur in der Akademie der Künste ist. Und warum sollte man ihn nicht fragen? Weil er 1979 das Gedicht »Die Mauer« veröffentlicht hat, in dem sich die Zeilen finden: »Schrecklich/ hält sie, die steinerne Grenze/ Auf was keine Grenze/ kennt: den Krieg.« Loschütz schlußfolgert: »das waren – geschönt – auch die Worte von Ulbricht und Honecker«. Und deshalb dürfte auch die »Partei, die sich als Nachfolgeorganisation der Biermann-Ausbürgerungspartei SED versteht und jetzt als Regierungskoalitionär die Macht hat«, nicht über Biermanns etwagige Ehrenbürgerwürde entscheiden, das stünde ihr nicht zu. Die ist ja bloß gewählt – schwamm drüber. Leute wie Loschütz wissen eben immer bescheid: »Als hätte nach Willy Brands Ostpolitik noch ein einziger Westpolitiker eine Grenze verändern wollen.« Revanchisten halten sich grundsätzlich im Inland auf.

(cm)
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Erschienen in der Ausgabe vom 27.01.2007, Seite 12, Feuilleton

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