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Schneiden, waschen, legen. Becks Bartaffäre

Foto: AP
Kurt Beck, einer der unzähligen Nachfolger August Bebels, ist ein Witz mit so einem Bart: kurz und grau (Foto). An ihm ist eine Art tiefergelegter Vollbart anzutreffen, seine berühmten Brutalo-Kotteletten sind erst mal unbekannt verzogen. Beck aber bleibt und schleppt sich durchs politische Tagesschäft. Im Sommer stand über ihn im Spiegel zu lesen: »Becks Zunge sucht nach den Resten des Wurstsalats, er gießt einen kleinen Schluck Weißwein hinterher und sagt: ›Also, ich finde auch, wir sehen alles ein bißchen zu hart.‹ Er schmiert sich noch ein Wurstbrot und guckt auf die Uhr. ›Soo.‹ Und wer ›soo‹ sagt, hat schon viel geschafft.«

Beck kann auch anders. Am Dienstag abend wollte er zu einer Wahlkampfveranstaltung auf dem Wiesbadener »Sternschnuppenmarkt«. Plötzlich drängte sich einer an ihn ran, der den Bart etwas länger als er hat und rief laut Bild: »Sie sind für Hartz IV verantwortlich – und ich habe keinen Job!« In der Tat übersetzen manche das Kürzel der Partei, der Beck angehört, mit Sozialstaatvernichtungspartei Deutschlands. Das große Erbe des Schröderismus. Jedenfalls drehte sich Beck um. Sagte er »soo«? Iwo, er herrschte seinen Bartträgerkollegen an: »Wenn Sie sich waschen und rasieren, dann haben Sie in drei Wochen einen Job!« Soviel zur Solidarität der Sozen. Die achten doch sehr auf Äußerlichkeiten. Klar, Inhalte haben sie schon zirka 1914 versenkt. Da mußten ja die Kriegskredite her. Kaiser Wilhelm Zwo galt ebenfalls als Witz mit Bart. Aber das wollten die Sozen nicht so genau wissen. Becks Vorgänger im Bebel-Job, übrigens ein unbezahltes Ehrenamt, hatte auch einen Bart. »S’Lebbe iss doch wie’s iss« soll Beck nach Informationen von Bild auf dem Sternschnuppenmarkt gesagt haben.

Schöner kann man die Sozen-Politik nicht zusammenfassen. Deren erstes Axiom lautet: Das Kapital hat grundsätzlich Recht. Das zweite Axiom: Wer will, der kann – was auch immer. Dabei wollen die Sozen gerne helfen. Deshalb hat Beck den Hartz-IV-Bartträger nicht nur angeherrscht wie zur Zeit des Attentats auf Rudi Dutschke, nein, er soll ihm den Vorschlag unterbreitet haben, sich ganz persönlich um ihn zu kümmern, wenn er gewaschen und rasiert bei Beck in der Mainzer Staatskanzlei erscheine. Auf das Onkelhafte legen die Sozen größten Wert.
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Das fand die Opposition sehr lustig. Brigitte Pothmann von den Grünen meinte: »Das Problem der Arbeitslosigkeit läßt sich nicht mit Einwegrasierern und Seife lösen. Das sollte auch Kurt Beck wissen.« Dietmar Bartsch von der Linkspartei glaubt: »Selbst wenn Kurt Beck sich rasiert, hat er nicht das Zeug zum Kanzler!« Wie zum Hohn plaziert Bild auf derselben Seite, die Becks Wiesbadener Auftritt würdigt, die Franz-Josef-Wagner-Kolumne. Noch so ein Onkel, wenngleich bartlos. Wagner schreibt: »Die Krankheit des Habenwollens nimmt Selbsterniedrigung in Kauf, den guten Ruf, den Verlust von Anstand und Sitte«. Gemeint sind allerdings nicht die Arbeitslosen, sondern die Reichen. Doch die Sozen bringen traditionell alles durcheinander.

(cm)
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Erschienen in der Ausgabe vom 15.12.2006, Seite 13, Feuilleton

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