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Eisschnellauf

Verbandsführung nach Gutsherrenart

Zum Showdown im DESG-Streit ist Präsident Matthias Große vorerst nicht bereit. Mitgliederversammlung abgesagt

Foto: CEPix/IMAGO
Eisschnelläufer Finn Sonnekalb auf der Bahn bei der Juniorenweltmeisterschaft in Inzell (28.2.2006)

Der Showdown bei der Deutschen Eisschnellauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG) ist vorerst verschoben, nachdem die für vergangenen Sonnabend geplante außerordentliche Mitgliederversammlung kurzfristig abgesagt worden war. Die Verbandsspitze um Präsident Matthias Große reagierte damit vor der Zusammenkunft in Dresden auf den Versuch des Thüringer Eis- und Rollsportverbands (TERV), das Präsidium abzuwählen. Während die Amtsinhaber den 13. Februar 2027 als neuen Termin nannten, wollen sich die Widersacher, die mit Andreas Minscke bereits einen Nachfolger für die DESG-Spitze nominierten, nicht bis nahe ans Saisonende hinhalten lassen. »Da hat jemand große, große Angst«, erklärte TERV-Präsident Michael Schneider gegenüber dpa. Er werde versuchen, die Versammlung schleunigst nachzuholen. Zur Vorbereitung würden mindestens sechs Wochen benötigt, man schriebe dann Ende November.

Grund für die Vertagung ist laut DESG, dass »die erforderlichen abschließenden Entscheidungen der zuständigen Fördermittelgeber noch nicht vorliegen«. Das ist sachlich korrekt, wie das Staatsministerium für Sport und Ehrenamt auf Anfrage von junge Welt mitteilte. »Das Anerkennungsverfahren für die Wintersportverbände läuft aktuell. Die Strukturgespräche mit den Verbänden haben im August stattgefunden. Die Anerkennung erfolgt nach dem Ampelprinzip: Deutscher Olympischer Sportbund (sportfachlich) und Länder müssen zustimmen, dann liegt die abschließende Entscheidung beim Bundeskanzleramt. Diese ist jedoch noch nicht getroffen.« Nach vier Winterspielen ohne eine einzige Medaille in Folge werden der DESG »Bundesmittel auf etwa vergleichbarem Niveau wie im letzten olympischen Zyklus« in Aussicht gestellt.

Demnach würden bis Olympia 2030 insgesamt etwas mehr als sechs Millionen Euro vom Bund an die DESG fließen. Im Jahresdurchschnitt ist das deutlich weniger als etwa 2013 mit damals rund 1,8 Millionen Euro Förderung oder 2017 mit rund 2,1 Millionen Euro. Ein Rückgang, der sich aus dem Ranking des Potentialanalysesystems erklärt, demzufolge die DESG-Sparten im Vergleich weit unten liegen. »Shorttrack Frauen« belegt dort aktuell mit Rang 38 den letzten Platz von allen bewerteten olympischen Disziplinen des Wintersports. »Shorttrack Männer« rangiert auf Platz 35, »Eisschnellauf Frauen« auf 26, »Eisschnellauf Männer« auf 23. Damit ist der Abstieg einer einst glänzenden Sportart dokumentiert, die mit Anni Friesinger, Gunda Niemann-Stirnemann, Claudia Pechstein und anderen bei Großereignissen auf dem 400-Meter-Eisoval einst ein regelrechtes Abo auf Edelmetall hatte, bis der Erfolgsfaden nach Olympia 2010 in Vancouver riss. Dort holten die Damen in der Teamverfolgung das bisher letzte Gold. Stephanie Beckert aus Erfurt mit Silber über 3.000 und 5.000 Meter sowie die Berlinerin Jenny Wolf im Sprint über 500 Meter erliefen in Kanada die letzten olympischen Einzelmedaillen.

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Statt sportlicher Meriten gab es danach, mit Ausnahme von WM-Bronze 2020 durch Patrick Beckert, vor allem finanzielle und personelle Turbulenzen. Mit Robert Bartko führte zwischenzeitlich ein doppelter Bahnradolympiasieger den Verband. Später war das Präsidentenamt rund ein halbes Jahr lang unbesetzt, ehe Matthias Große, Unternehmer und Lebensgefährte von Claudia Pechstein – inzwischen Bundestrainerin in Inzell – im Sommer 2020 als selbsternannter Retter das Kommando übernahm. Jüngst installierte er den zweimaligen Kugelstoßweltmeister David Storl aus Chemnitz als Vizepräsident Eisschnelllauf. Fast im selben Moment kündigte Sportdirektorin Nadine Seidenglanz ihren DESG-Abschied an – sie wird ab Dezember bei den Niederländern anheuern.

Wegen Verbandsführung nach Gutsherrenart wurden gegen Matthias Große schon im Juni Rücktrittsforderungen laut. Seither eskalierte der Streit zwischen dem 59jährigen und der Opposition, nachdem die DESG-Spitze eine neue Spitzensportstruktur auf Biegen und Brechen und ohne Diskussion auf den Weg brachte. Der Plan ist, die besten Langstreckler und Mehrkämpfer am Bundesstützpunkt Inzell in Bayern zusammenzuziehen, die Topsprinter hingegen in Berlin. Für Chemnitz und Erfurt, wo momentan der Großteil der Elite trainiert, bliebe nur der Nachwuchs. Die DESG-Führung blieb bisher die Antwort schuldig, warum diese Neuordnung so aussehen muss.

Klar ist nur eines: Wer nicht mit- bzw. umzieht, riskiert Kaderstatus samt Förderung und sportliche Karriere. Unter dem Eindruck solcher Daumenschrauben willigten die Sportlerinnen und Sportler aus Erfurt am 9. Oktober »unter Protest« letztlich in die neue Athletenvereinbarung ein und stellten zugleich klar, sie hätten dies getan, weil sie ihren Sport weiter ausüben möchten. Sie unterschrieben aufgrund »erheblichen Drucks, der über Monate hinweg auf uns ausgeübt und teilweise als psychische Gewalt wahrgenommen wurde«. Sie haben den Eindruck, »dass sachliche und sportfachliche Argumente hinter machtpolitischen Erwägungen zurückstehen mussten«. Überdies wurden »Gesprächsangebote nicht aufgegriffen«, sportfachliche Begründungen für die Veränderungen seien »nicht nachvollziehbar«. In der Konsequenz sei das Vertrauen in das von Matthias Große geführte Präsidium »erheblich beschädigt«. Der Eisschnelläufer Finn Sonnekalb, der als Zukunftshoffnung gilt, schließt einen Wechsel nach Holland oder in die USA nicht aus. Seine Trainingskollegen setzen mit TERV-Unterstützung auf eine andere Lösung: Nicht Erfurter Athleten sollten ihre Koffer packen, sondern der DESG-Präsident und seine Leute.

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Erschienen in der Ausgabe vom 21.10.2026, Seite 16, Sport

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