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Tierrechte

Alltag im Tönnies-Schlachthof

Undercoveraufnahmen von der Schlachtlinie des Marktführers: Tierrechtsorganisationen erstatten Anzeige

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»Ungeschönter Alltag« (aus den Ariwa-Videos)
Animal Rights Watch e.V. (ARIWA)
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»Industrieller Ablauf« (aus den Ariwa-Videos)
Animal Rights Watch e.V. (ARIWA)

Es ist fünf Uhr morgens, als die ersten Lastwagen auf das Gelände rollen. Die Schweine werden in Wartebuchten getrieben, wo sie 90 Minuten ausharren. Durch die Halle schallen Schreie ihrer Artgenossen. Dann öffnet sich das Tor. Ein Mitarbeiter treibt die Tiere in Richtung Betäubungsanlage. Einige versuchen umzudrehen und zu fliehen. Sie werden geschlagen, teils mit der spitzen Seite eines Treibpaddels ins Gesicht. Andere werden von den automatischen Toren eingeklemmt.

Am Montag hat die Tierrechtsorganisation Animal Rights Watch (Ariwa) die ersten umfangreichen Videoaufnahmen aus dem Inneren eines Schlachthofs des Marktführers Tönnies veröffentlicht. »Schlachthöfe gehören zu den schwierigsten Herausforderungen für Undercoveraufnahmen, da sie extrem gut gesichert sind. Die Betreiber setzen alles daran, dass das, was dort geschieht, nicht an die Öffentlichkeit gelangt«, so Ariwa. Die Aufnahmen stammen aus der Großschlachterei R. Thomsen im schleswig-holsteinischen Kellinghusen, die seit mehr als einem Jahrzehnt zu Tönnies gehört. An den dokumentierten Tagen wurden mindestens 5.000 Schweine pro Tag geschlachtet.

Das Material wurde von »Expertise for Animals« und der Deutschen Juristischen Gesellschaft für Tierschutzrecht (DJGT) ausgewertet. Tierärztin Marietheres Reinke konstatiert in ihrem Gutachten ein »systemisches und wiederkehrendes Versagen« bei der Einhaltung tierschutzrechtlicher Mindestanforderungen; die DJGT sieht Hinweise auf Ordnungswidrigkeiten und Straftatbestände.

Im Zentrum der Recherche steht die CO₂‑Anlage. Sie ermöglicht es, größere Tiergruppen gleichzeitig zu betäuben. Rotierende Gondelkäfige senken die Schweine hinab in eine Atmosphäre mit hochkonzentriertem Kohlendioxid. Der sichtbare Kampf gegen das Gas dauert 30 bis 40 Sekunden. Mit zunehmender CO₂-Konzentration heben die Schweine die Köpfe, schnappen nach Luft, werden unruhig, steigen übereinander und schlagen gegen die Gitterstäbe. Laute Schreie sind zu hören. Auf einer Gondel ist Blut an den Metallstangen zu sehen.

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Nach der Betäubung werden die Tiere kopfüber an den Hinterbeinen an ein Förderband gehängt. Bei einem Teil der Schweine deuten die Bewegungen darauf hin, dass sie den Kehlschnitt und das Ausbluten bei Bewusstsein erleben. Die Zeit von der Betäubung bis zum Stich in die Halsschlagader soll nicht mehr als 100 Sekunden dauern – so steht es auf einem Schild an der Wand. Die Aufnahmen zeigen Überschreitungen dieses Intervalls. Besonders drastisch werden die Bilder, wenn der industrielle Ablauf ins Stocken gerät. In mindestens zwei Fällen wird einem an der Schlachtlinie hängenden Tier ein Fuß abgeschnitten – vor dem Entblutungsschnitt. Die Tiere fallen zu Boden und werden anschließend wieder eingehängt.

Ariwa hat Strafanzeige erstattet. Für Sprecherin Anna Schubert zeigen die Aufnahmen »den ungeschönten Alltag in einem Tönnies-Schlachthof, in dem das Leid der Tiere offenbar zum System gehört«. Rund 80 Prozent der Schweine in Deutschland würden mit CO₂ betäubt. Bereits 2004 habe die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit auf damit verbundene Probleme hingewiesen. Trotzdem habe die EU das Verfahren aus wirtschaftlichen Gründen zugelassen – für Schubert »ein politisches Versagen«.

Während das Landwirtschaftsministerium Schleswig-Holstein eine Prüfung der Vorwürfe angekündigt hat, verteidigt Tönnies die CO₂-Betäubung als »derzeit praktikabelste und tierschutzgerechteste Methode für die Betäubung größerer Tiergruppen«. Man unterstütze aber Forschung zu Verbesserungen. Das Unternehmen verweist darauf, dass seit über einem Jahrzehnt in allen tierschutzrechtlich relevanten Bereichen Kameras installiert seien. Der Landestierschutzverband Niedersachsen reichte im März eine Verbandsklage mit dem Ziel eines europaweiten Verbots der CO₂-Betäubung ein. Auch Ariwa plädiert dafür, das System abzuschaffen. Die Politik müsse die CO₂-Betäubung verbieten und einen grundlegenden Wandel weg von der Tierindustrie vorantreiben, »hin zu einem pflanzenbasierten Ernährungssystem«.

Tönnies steht exemplarisch für eine Industrie, die Millionen Tiere zu Produktionsmitteln macht. Die Aufnahmen aus Kellinghusen zeigen die Logik eines Systems, das Lebewesen zu Ware macht und ihren Tod im Takt organisiert.

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Erschienen in der Ausgabe vom 21.10.2026, Seite 5, Inland

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  • Onlineabonnent*in Reinhold H. aus N. 21. Okt. 2026 um 21:15 Uhr
    Es ist falsch davon zu sprechen, die Tiere würden mit CO2 »Betäubt«. In einem Raum, in dem nur sehr wenig Sauerstoff vorhanden ist, atmen die Tiere nur CO2 ein, die Folge: weil der Sauerstoff im Blut fehlt, ersticken die Tiere und verlieren in diesem Prozess das Bewusstsein. Ein qualvoller Tod! In den USA wurden Menschen mit CO2 hingerichtet, also ermordet. Deren Todeskampf dauerte teilweise über 20 Minuten. Reinhold Hinzmann, Niederselters
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