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Geschichte der SPD

»Sie wollten endgültig weg von der Klassenpartei«

Über Eberhard Hesse, die Gruppe Neu Beginnen und die antikommunistischen Netzwerke in der Nachkriegs-SPD. Ein Gespräch mit Andreas Hesse

Foto: Archiv Andreas Hesse
Eberhard Hesse und Willy Brandt auf dem Hof der Fritz-Karsen-Schule, aufgenommen vermutlich am Rande eines Parteitages der Berliner SPD in der zweiten Hälfte der 50er Jahre

Es gibt ein im Februar 1933 aufgenommenes Foto, auf dem Ihr Vater Eberhard Hesse zu sehen ist, wie er als Vertreter der sozialdemokratischen Jugendorganisation SAJ bei einer Beisetzung von Opfern des SA-Terrors auf dem Friedhof in Berlin-Friedrichsfelde dem damaligen Vorsitzenden des kommunistischen Jugendverbandes in Berlin, Gabo Lewin, demonstrativ die Hand gibt. Wann haben Sie diese Aufnahme zum ersten Mal gesehen?

Das Foto wurde um 1970 im Extra-Dienst veröffentlicht. Das war eine linke Wochenzeitung in Westberlin. Mich hat das seinerzeit völlig überrascht, weil ich meinen Vater nur als knallharten Antikommunisten kannte, der auch innerhalb der SPD jede linke Tendenz erbarmungslos bekämpfte. Seit ich mich 1968 als 18jähriger politisiert hatte, war er für mich einfach ein Konterrevolutionär. Leute, die auf Betreiben meines Vaters aus der SPD ausgeschlossen worden waren, hatten in Neukölln den Sozialistischen Club gegründet. Ich bin da eingetreten, was meinen Vater enorm geärgert hat. Dann tauchte – mutmaßlich infolge der Zuarbeit irgendeiner Stelle in Ostberlin – dieses Foto auf, das zeigt, wie er als junger Mann am Vorabend der Nazidiktatur demonstrativ für die Zusammenarbeit von Sozialdemokraten und Kommunisten eingetreten war. Das konnte ich erst einmal nicht zusammenbringen.

Als diese Aufnahme entstand, hat Ihr Vater bereits einem konspirativ arbeitenden Zusammenschluss angehört, der später unter den Bezeichnungen Miles-Gruppe, Leninistische Organisation, Org und Neu Beginnen bekannt geworden ist. Das wussten Sie damals nicht?

Davon hatte ich keine Ahnung. Es gab seinerzeit auch fast keine Literatur zu dem Thema. Und über die Rolle der NB-Leute in der Nachkriegszeit war in den 70er Jahren und noch lange danach überhaupt nichts bekannt. Noch heute liest man oft, NB sei einfach eine Widerstandsgruppe gegen die Nazis gewesen.

Ihr Vater hat über diese Dinge nicht mit Ihnen gesprochen?

Über Neu Beginnen sowieso nicht. Aber auch über seine Vergangenheit zum Beispiel in der SAJ in Berlin vor 1933 hat er mit mir nie gesprochen. Ganz bewusst nicht, nehme ich an. Meine Mutter, die ihn Ende der 40er Jahre am August-Bebel-Institut in Wannsee kennengelernt hatte, wusste mehr als ich, aber auch nicht alles. Er hatte die in den 30er Jahren erlernten Grundsätze der Arbeit verinnerlicht, denke ich. Also zum Beispiel, dass über bestimmte Dinge nur diejenigen etwas wissen müssen, die »dazugehören«. Dass man früher einmal in sozialistischen Organisationen aktiv war und gegen die Nazis gearbeitet hatte, war ohnehin nichts, was in Westberlin in den Nachkriegsjahrzehnten an die große Glocke gehängt wurde. Ich wusste als Jugendlicher nicht mal, dass die Schule, an der mein Vater Abitur gemacht hatte, Karl-Marx-Schule hieß. Obwohl ich die Fritz-Karsen-Schule besuchte und Karsen Rektor der Karl-Marx-Schule gewesen war. Die ganze Atmosphäre in den 50er und 60er Jahren war so antikommunistisch, dass sogar solche Dinge unter den Tisch gekehrt wurden. Übrigens auch von den Lehrern an der Fritz-Karsen-Schule und am Ernst-Abbe-Gymnasium, das ich später besucht habe. Dass dieses Gymnasium einmal die Karl-Marx-Schule mit einer politisch sehr aktiven Schülerschaft gewesen war, ist nie ein Thema gewesen. Das war gelöscht.

Bis 1968 hatten Sie ein gutes Verhältnis zu Ihrem Vater?

Ja. Als Vater war er in Ordnung, muss ich sagen. Ihn hatte die Reformpädagogik der 20er Jahre geprägt. Er hat seinen Kindern Raum gelassen. Bei uns wurde nicht geschlagen, was in den 50er Jahren noch eher die Ausnahme war. Viel Zeit für uns hatte er allerdings nicht. Er kam jahrelang eigentlich nur zum Schlafen nach Hause, hatte ständig irgendwo Termine. Am Wochenende saß er in seinem Arbeitszimmer am Schreibtisch, hat Briefe und Reden geschrieben, Akten gesichtet, die Manuskripte anderer Leute durchgesehen. Diese Art von politischer Arbeit war sein Leben. Er war auch Mitglied des Abgeordnetenhauses. Aber das war eigentlich Nebensache. Zumindest in dieser Hinsicht war er noch ein Mann der alten Arbeiterbewegung.

Wann haben Sie gemerkt, dass er in der Berliner SPD eine wichtige Rolle spielt?

Als Kind hat er mich manchmal zu den Maikundgebungen mitgenommen. Das waren damals noch große Veranstaltungen mit 100.000 oder mehr Teilnehmern, aus denen der DGB und die SPD allerdings Aufmärsche gegen die »Statthalter Moskaus« im anderen Teil der Stadt gemacht hatten. Ich saß da neben meinem Vater oben auf der Tribüne und fand das toll. Irgendwann habe ich auch registriert, dass mein Vater oft von einflussreichen Leuten aufgesucht wurde. Wenn ich die Namen heute durchgehe, dann fällt auf, dass es bei fast allen eine NB-Verbindung gab. Walter Loewenheim und Heinrich Hellmann kamen hin und wieder aus London. Kurt Mattick, in den 60er Jahren Vorsitzender der Berliner SPD, war oft da. Theo Thiele, Vorgänger meines Vaters als Landessekretär, auch. Und Karl Richter, der Vorsitzende der IG Druck und Papier. Richard Löwenthal und Willy Brandt kamen vorbei. Brandt kam nicht aus dem NB-Kreis, aber die NB-Leute haben ihn in den 50er Jahren in den Auseinandersetzungen mit dem Flügel um Franz Neumann mit allen Mitteln unterstützt. Und dann gab es diese Verbindung zu den Amerikanern.

Was haben Sie davon mitbekommen?

Es gab einen Amerikaner, der mit Frau und Kindern in einem Haus in Zehlendorf lebte. Ein Mister Mautner. Hin und wieder hat mein Vater mich und meine Schwester mitgenommen, wenn er zu ihm fuhr. Wir haben dann mit den Kindern von Mister Mautner gespielt, und die Herren haben sich zurückgezogen. Vielleicht haben sie über Presse- und Organisationsfragen gesprochen, da mein Vater ja der dafür verantwortliche Mann war. Er hat, wie seine Papiere zeigen, seine Möglichkeiten genutzt, um über bestimmte Leute Dossiers anzulegen: Mitglieder und Sympathisanten der SED bzw. der SEW, linke Sozialdemokraten und Gewerkschafter, Leute aus der Studentenbewegung. Dafür haben sich die Amerikaner sicher auch interessiert. Ich weiß, dass mein Vater dem Berliner Verfassungsschutz Informationen zur Verfügung gestellt hat und umgekehrt auch Hinweise von dort bekam.

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Was für eine Politik wollten Eberhard Hesse und seine politischen Freunde in der SPD durchsetzen?

Sie wollten endgültig weg von der noch mit der marxistischen Tradition verbundenen Klassenpartei. Die NB-Leute waren schon eineinhalb Jahrzehnte vor dem Godesberger Programm an diesem Punkt. Jegliche Orientierung auf Klassenkampf wurde abgelehnt. Die Gegner waren nicht die Kapitalisten, sondern die Kommunisten. Das war in Westberlin von den 50ern bis weit in die 70er Jahre hinein in der SPD und übrigens auch in den Gewerkschaften die vorherrschende Stimmung. Jedenfalls bei den Funktionären. Auch meine spätere Gewerkschaft, die IG Druck und Papier, die in Westdeutschland eine für DGB-Maßstäbe ziemlich linke Gewerkschaft war, wurde in Westberlin von rechtssozialdemokratischen Funktionären beherrscht. Verbindlich war eine kompromisslose Parteinahme für den »Westen«. Das haben die NB-Leute sehr rasch nach 1945 so vertreten. Politisch bildeten sie den rechten Rand in der SPD. Sie waren natürlich nicht die einzige Richtung, die mit solchen Positionen auftrat. Aber sie haben das sehr konzentriert vorangetrieben. Damit waren sie insbesondere in Berlin so erfolgreich, dass sie nach einiger Zeit auch Posten in der ersten Reihe besetzt haben. Aber weil die Scheinwerfer auf Leute wie Ernst Reuter und Willy Brandt gerichtet waren, sind sie als Personen eigentlich immer im Schatten geblieben.

Nun hatte NB nicht auf der sozialdemokratischen Rechten angefangen. Wie verlief der Weg dorthin bei Ihrem Vater?

Alle Etappen lassen sich da nicht mehr rekonstruieren, zumal im Zusammenhang mit NB auch einige Legenden in Umlauf gesetzt worden sind. Mein Vater ist in Neukölln in einem völlig proletarischen Umfeld aufgewachsen. Er kam aber nicht aus einer Arbeiterfamilie. Sein Vater war schon im Kaiserreich Lehrer an der Boddin-Schule. Der Familie gehörte auch eine kleine Druckerei, in der unter anderem das Munzinger-Archiv gedruckt wurde. Politisiert wurde mein Vater Ende der 20er Jahre an der Karl-Marx-Schule, an der auch die Kommunisten sehr aktiv waren. Er ging aber in die SPD. 1932 wurde er für die Org, wie NB damals intern hieß, rekrutiert. Mein Vater war zu diesem Zeitpunkt Bezirksleiter der SAJ in Neukölln. Das erklärte Ziel der Org war, angesichts der sehr klar erkannten faschistischen Gefahr die Spaltung der Arbeiterbewegung in zwei große und mehrere kleine Parteien zu beenden. Gearbeitet wurde schon vor 1933 wie in einer Untergrundgruppe: mit Decknamen, geheimen Treffs und Schulungskursen. Der Deckname meines Vaters war »Keil«.

Foto: privat 1intonline.jpg
Andreas Hesse

War es nicht bei genauerem Hinsehen schon damals so, dass das in der Praxis eine Betätigung im Sinne der SPD war? Als 1931/32 die Mehrheit der Berliner SAJ drauf und dran war, zur linken SPD-Abspaltung SAP oder zum kommunistischen Jugendverband überzutreten, haben das vor allem die Org-Leute verhindert. Das haben sie dann später als ihren größten »Erfolg« vor 1933 betrachtet.

Es ist richtig, dass sie das verhindert haben. Aber meines Erachtens war hier das Motiv, eine noch größere Zersplitterung der Arbeiterbewegung zu verhindern. Im Frühjahr 1933 gab es dann über die Frage der illegalen Arbeit einen Konflikt zwischen der Berliner SAJ-Führung auf der einen und dem auf einen absoluten Legalitätskurs pochenden SPD-Parteivorstand und der Reichsleitung der SAJ auf der anderen Seite, der mit dem Ausschluss der Berliner SAJ-Funktionäre endete. Ihnen ist damals sogar gedroht worden, sie bei der Polizei anzuzeigen. Auch mein Vater ist im April 1933 noch vor dem Verbot aus der SPD ausgeschlossen worden. Das begonnene Studium der Volkswirtschaft und der Zeitungswissenschaft – er wollte Journalist werden – musste er nach drei Semestern abbrechen. Er hat dann erst einmal in der Druckerei gearbeitet und 1936 eine Tätigkeit als Angestellter in der volkswirtschaftlichen Abteilung der IG Farben aufgenommen.

1934/35 gab es bei NB eine Auseinandersetzung über die Fortsetzung der Arbeit im Untergrund. Die alte Führungsgruppe um Walter Loewenheim wollte diese Arbeit einstellen, die Mehrheit der Kader nicht. Wo stand in dieser Debatte Ihr Vater?

Das ist nicht ganz klar. Er wurde im April 1936 verhaftet. Der Gestapo gegenüber hat er ausgesagt, seit der Spaltung von NB »abgehängt« gewesen zu sein. 1937 gab es gegen ihn und weitere 14 Angeklagte einen Prozess wegen Vorbereitung zum Hochverrat. Auffällig ist, dass die Angeklagten, die eine KPD-Vergangenheit hatten, von der Gestapo und der Justiz viel härter behandelt wurden als die mit einem SPD-Hintergrund. Mein Vater kam mit einer Haftstrafe von eineinhalb Jahren davon, weil das Gericht ihm den angeblichen »Gesinnungswandel« abgekauft und ihn nicht wegen Hochverrats, sondern nur wegen Verstoßes gegen das Gesetz gegen die Neubildung von Parteien verurteilt hatte. 1938 nahm er wieder Kontakt zu anderen NB-Leuten auf. Die haben in diesen Jahren noch eine persönliche Verbindung aufrechterhalten, aber keine illegale Arbeit mehr gemacht.

Im Krieg war er dann Soldat?

Ja. Ab Dezember 1940 war er Soldat, als für den geplanten Angriff auf die Sowjetunion auch vormals »Wehrunwürdige« eingezogen wurden. Er kam zu einer Artillerieabteilung und hat den ganzen Krieg im Norden der deutsch-sowjetischen Front mitgemacht. Im April 1945 kam er in Ostpreußen in sowjetische Gefangenschaft, aus der er 1947 zurückkehrte. Auch über diese Zeit hat er später nie etwas erzählt.

Auffallend ist, dass er gleich 1947 nach seiner Rückkehr Leiter des August-Bebel-Institutes wurde.

Ja, das deutet auf die bereits starke Position der NB-Leute in der Berliner SPD hin. Sie hatten 1946 beim Kampf gegen die Vereinigung mit der KPD eine wichtige Rolle gespielt. 1947/48 arbeiteten sie an der Spaltung des FDGB in Berlin, der ja als Einheitsgewerkschaft zunächst in allen Sektoren der Stadt existierte. Das August-Bebel-Institut, das damals in der Villa untergebracht war, in der 1942 die sogenannte Wannsee-Konferenz stattgefunden hatte, war sozusagen der Hauptstützpunkt des Berliner NB-Kreises. Der erste Chef war Kurt Schmidt, der aber 1947 jung gestorben ist. Und dann kam mein Vater.

Er war demnach bereits 1947 auf den extremen Antikommunismus, der nun gefragt war, festgelegt. Es ging nicht mehr, wie angeblich in der Anfangszeit von NB, um die Einheit, sondern um die Aufrechterhaltung, ja sogar die Vertiefung der Spaltung der Arbeiterbewegung. Wie ist das zu erklären?

Darauf wirkten sicher gewichtige Faktoren von außen ein, aber wesentlich war meines Erachtens die innere Entwicklung von NB. Bereits in der Programmschrift »Neu beginnen« von 1933 war trotz aller Kritik eine klare Festlegung auf die Sozialdemokratie als politischer Bezugsrahmen enthalten. Gefordert wurde, die Kommunistische Internationale und deren Mitgliedsparteien zu »liquidieren«. Die NB-Leute, die sich als ausgesuchte Elite verstanden, erhoben den Anspruch, in einer erneuerten Sozialdemokratie die Führung zu stellen. Das konnten sie im Exil und in der ­Illegalität nicht durchsetzen, aber sie begriffen sich eindeutig als Teil der Sozialdemokratie. Und dort gehörten sie zu denen, für die nach dem Ende der Naziherrschaft die Kommunisten die Hauptgegner waren. Ein Verwandter meiner Mutter, Onkel Willy, ein Arbeiter mit Stammkneipe am Hermannplatz, sagte nach 1945, dass die Kommunisten die einzigen gewesen sind, die tatsächlich etwas gegen Hitler und den Krieg getan haben. Deswegen ist er der SED beigetreten. Für Leute wie meinen Vater war das aber überhaupt kein Kriterium.

Einige NB-Leute – zum Beispiel Werner Peuke und Karl Elgaß – sind damals in Berlin in die SED geschickt worden, um die Partei zu infiltrieren. Es gibt einen später sehr berühmten Mann, der auch dem NB-Kreis angehörte und in die SED ging: Robert Havemann. Die NB-Verbindung hat in der Literatur über Havemann nie eine nennenswerte Rolle gespielt, obwohl Havemanns Zugehörigkeit zu einem konspirativ arbeitenden Kreis, aus dem einige der erbittertsten Antikommunisten der Nachkriegs-SPD kamen, ein zumindest merkwürdiger Aspekt ist. Hat Ihr Vater Havemanns spätere Laufbahn verfolgt und sich dazu einmal geäußert?

Mir gegenüber nicht. Dass er ihn gut kannte und bis 1948 Kontakt zu ihm hatte, ist aber belegt. Er hat gewiss auch Havemanns späteres Auftreten in der DDR registriert. Aber in meiner Gegenwart hat er das nie kommentiert. Ich habe ihn auch nie danach gefragt, weil ich damals keine Ahnung hatte, dass sie sich überhaupt kannten.

Eberhard Hesse ist 1986 gestorben. Hatte er zuletzt noch Einfluss in der Berliner SPD?

Mein Vater war bis 1971 Landessekretär. Da war die politische Atmosphäre schon eine andere. Diese antikommunistische Formierung des gesamten öffentlichen Raumes war nach 1968 in Westberlin so nicht mehr da – auch wenn man sich vor dem verbreiteten Trugschluss hüten sollte, dass damals auf einmal »alle links« waren. Der rechte Berliner DGB-Chef Walter Sickert zum Beispiel blieb noch bis in die 80er Jahre im Amt. Mein Vater hat sich gegen die mit »1968« verbundenen Entwicklungen gestemmt und zum Beispiel Leute aus der SPD ausgeschlossen, die gegen den Krieg der USA in Vietnam demonstriert haben. Auch mit der »neuen Ostpolitik« Brandts hatten Leute wie er erhebliche Probleme. Ihnen fehlte die Flexibilität, um sich darauf einzustellen. Es sind damals ja auch viele Leute vom rechten Flügel der Partei ausgetreten.

Hat dieser Konflikt bei seinem Rückzug 1971 eine Rolle gespielt?

Nur im Hintergrund. Der unmittelbare Anlass waren gesundheitliche Probleme. Also gestürzt wurde er nicht. Dass er sich schnell weitgehend zurückzog, hatte aber gewiss auch damit zu tun, dass nun eine andere politische Sprache gesprochen wurde. Das Gerede vom »Freiheitskampf« Berlins gegen die totalitäre Tyrannei verschwand erst einmal in der Mottenkiste. Auf einmal wimmelte es von »Marxisten« in der SPD und bei den Jusos. Ob mein Vater das sonderlich ernst genommen hat, weiß ich nicht. Wenn wir uns in diesen Jahren sahen, dann wurde immer sorgfältig darauf geachtet, dass nicht über Politik gesprochen wird, damit es keinen Streit gibt.

Zur Person

Andreas Hesse wurde 1950 in Berlin geboren. Gelernter Schriftsetzer. Aktive Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit in der IG Druck und Papier. Seit den 70er Jahren Mitglied der Gruppe Arbeiterpolitik. Er lebt in Neukölln und hat die Geschichte seiner Familie in Rixdorf/Neukölln in einem 2026 veröffentlichten Buch erzählt.

Andreas Hesse: Zwischen Sozialdemokratie und Kommunismus. Eine Familienchronik aus Berlin-Rixdorf/Neukölln. Selbstverlag, 284 Seiten, 15 Euro. Bezug (zzgl. Versandkosten) über die Gesellschaft zur Förderung des Studiums der Geschichte der Arbeiterbewegung e. V., Mail: kontakt@arbeiterpolitik.de

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Erschienen in der Ausgabe vom 17.10.2026, Seite 6, Wochenendbeilage

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