Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 04.11.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Forschung zur Arbeiterbewegung

Vergessener Gewerkschafter

Antifaschist und Antikommunist: Siegfried Mielke und Stefan Heinz haben eine Biographie über Alwin Brandes vorgelegt
Von Markus Bernhardt
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Kundgebung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes 1949

In Berlin-Kreuzberg gibt es die etwas unscheinbare Brandesstraße, im nahebei gelegenen IG- Metall-Haus, 1929/30 im Auftrag des Deutschen Metallarbeiterverbandes (DMV) errichtet und anders als die umliegenden Teile Kreuzbergs ohne große Schrammen durch den Krieg gekommen, gibt es einen Alwin-Brandes-Saal. Viel mehr erinnert nicht an den am Mittwoch vor 70 Jahren verstorbenen ehemaligen DMV-Vorsitzenden Alwin Brandes. Siegfried Mielke und Stefan Heinz haben nun eine umfangreiche Biographie über den Gewerkschaftsführer vorgelegt.

Der 1866 im sächsischen Großschönau geborene Brandes wurde 1919 einer von drei gleichberechtigten Vorsitzenden des DMV und gehörte zu den einflussreichsten Gewerkschaftern und Sozialpolitikern der Weimarer Republik. Der DMV war damals nicht nur die größte Gewerkschaft Deutschlands, sondern der Welt. Brandes hatte sich als Reichstagsabgeordneter 1917 der USPD angeschlossen und erhob auch im DMV, dessen damaliger Vorsitzender Alexander Schlicke einer der führenden Vertreter der »Burgfriedenspolitik« war, die Stimme gegen die Kriegsunterstützer.

Brandes war allerdings kein radikaler Linker. Als Vorsitzender des Magdeburger Arbeiter- und Soldatenrates verfolgte er in der Revolution von 1918/19 eine »gemäßigte«, auf »Ruhe und Ordnung« bedachte Linie. Dennoch wurde er im April 1919 auf Veranlassung seines einstigen Genossen Gustav Noske verhaftet. Da sich die gegen ihn erhobenen Vorwürfe als Intrige entpuppten und er große Solidarität erfuhr, wurde er bald wieder entlassen.

Während sich 1920 viele Mitglieder der USPD der KPD anschlossen, verblieb Brandes wie viele andere Gewerkschafter in der Rest-USPD und stieß 1922 wieder zur SPD, für die er mehrfach – zuletzt 1933 – in den Reichstag gewählt wurde. Nach der Zerschlagung der Gewerkschaften am 2. Mai 1933 war Brandes einer der wenigen Gewerkschaftsführer, die sich nicht vollständig ins Privatleben zurückzogen. Er unterhielt illegal weiter Kontakt zu ehemaligen Funktionären, etwa zu Max Urich, 1928 bis 1933 Erster Bevollmächtigter der DMV-Verwaltungsstelle Berlin, und wurde deshalb mehrfach inhaftiert, 1935 zum Beispiel kurzzeitig im KZ Sachsenburg. 1944 hatte Brandes Verbindungen zum Widerstandsnetzwerk um Claus von Stauffenberg, überlebte aber die Verfolgungswelle nach dem Attentat vom 20. Juli.

Nach der Befreiung Deutschlands vom Faschismus engagierte sich Brandes zunächst in der SPD in Berlin-Köpenick, wo er 1946 Vorsteher der Bezirksverordnetenversammlung wurde. Er gehörte zur antikommunistischen Opposition innerhalb des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) in Berlin und schloss sich 1947/48 noch der Unabhängigen Gewerkschaftsopposition (UGO) an. Am 6. November 1949 starb er in Berlin.

Das von den Historikern Siegfried Mielke und Stefan Heinz nun vorgelegte Buch rekonstruiert vor allem die gewerkschaftspolitische Biographie von Brandes. Brandes war im Kaiserreich, in der Weimarer Republik, im NS-Regime und im ersten Jahrfünft nach dem Zweiten Weltkrieg aktiv. Er war engagierter Gewerkschafter, Kriegsgegner und Antifaschist, allerdings auch ein zunehmend erbitterter Antikommunist. Diese Seite von Brandes prägte sich seit 1946 voll aus. Auch in dieser Hinsicht gibt es freilich keine einfachen Wahrheiten, wie die 30 Seiten zeigen, die Mielke und Heinz diesem letzten Abschnitt im Leben von Brandes gewidmet haben.

Die Autoren werten zurückhaltend und überlassen es weitgehend den Leserinnen und Lesern, sich ein eigenes Bild von dieser Persönlichkeit zu machen. Dem IG-Metall-Vorsitzenden Jörg Hofmann, der ein Vorwort beigesteuert hat, ist beizupflichten, wenn er schreibt: »Der Lebensweg von Alwin Brandes und sein Handeln in der Kaiserzeit, der Novemberrevolution und den nachfolgenden Jahren lehren uns vor allem eines: Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsrechte müssen immer erkämpft und verteidigt werden. Am ehesten gelingt das, wenn die Arbeiterklasse sich nicht spaltet, sondern gemeinsam füreinander einsteht.«

Siegfried Mielke, Stefan Heinz: Alwin Brandes (1866–1949). Oppositioneller – Reformer – Widerstandskämpfer. Mit einem Vorwort von Jörg Hofmann. Metropol, Berlin 2019, 568 Seiten, 29 Euro

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