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Eiskunstlauf

»Längst gibt es eine Art Börse«

Über Teamwork im Eiskunstlauf, Coaching bis zum kleinen Finger, die Rückkehr russischer Läufer und den Faktor Einbürgerungen. Ein Gespräch mit dem Trainer Knut Schubert

Foto: Bernat Armangue/AP/dpa
Knut Schuberts Schützlinge: Minerva Hase und Nikita Wolodin

Ihre Schützlinge, die aktuellen Paarlaufweltmeister und Olympia-Dritten Minerva Fabienne Hase und Nikita Wolodin, haben lange nachgedacht, bevor sie mitteilten: Sie wollen ihre gemeinsame Karriere bis zu den Winterspielen 2030 fortsetzen und werden vom 15. bis 18. Oktober im polnischen Katowice in die neue Saison starten. Wie groß war der Stein, der Ihnen nach dieser Nachricht vom Herzen fiel?

Für mich persönlich war es nach dieser Highlight-Saison ein ganz normaler und verständlicher Vorgang, dass sich die beiden für so eine weitreichende Entscheidung eine Bedenkzeit genommen haben. Erst recht, wenn man Mitte zwanzig ist und bereits im fortgeschritteneren Alter des Hochleistungssports. Beide haben ausführlich miteinander gesprochen, mit ihren Familien und ihrem Umfeld. Das Ergebnis ist positiv, und selbstverständlich habe ich mich darüber gefreut, obwohl klar ist: Diese Erfolgsgeschichte, die Minerva und Nikita seit vier Jahren geschrieben haben und die nun mit WM-Gold gekrönt wurde, ist ihnen nicht einfach so zugefallen. Es ist das Ergebnis ausdauernder und fleißiger Arbeit, die nun ihre Fortsetzung finden soll. Die kommenden Jahre werden mindestens ebenso herausfordernd sein, das wissen alle Beteiligten.

Wie wird sich die weitere Zusammenarbeit gestalten? Bleiben Sie der »Boss«?

Den Spitznamen hat mir Nikita Wolodin verpasst. Ich fühle mich damit persönlich sehr geehrt, denn es zeugt von Respekt und Anerkennung, wenn mich ein so erfahrener Athlet als »Boss« akzeptiert. Ehrlich gesagt, hatte ich anfangs einige Bedenken, ob ich seine hohen Erwartungen erfüllen kann. Genauso wie die des russischen Trainers Dimitri Savin, bei dem Minerva Hase arbeitete, bevor sie an die Seite von »Niki« wechselte. Es war der Wunsch von Minerva, Dimitri Savin weiter an Bord zu haben, bei dem sie mit ihrem früheren Eispartner Nolan Seegert oft im russischen Sotschi trainierte. Nach ihrem Wechsel zu Nikita und nach Berlin brauchten sie für ihre neue »Home-Base« einen Trainer in Berlin – und so kam ich ins Spiel. Während Savin die beiden vor allem bei den Wettkämpfen betreut, bin ich in Berlin für die direkte Arbeit mit den Athleten verantwortlich. Mitte August waren wir gemeinsam eine Woche in Oberstdorf. Dort haben wir minutiös die Phase bis zum ersten Wettkampf bei dem eher kleineren Wettbewerb »Diamond Spin« Mitte Oktober in Katowice abgestimmt. Diese Art der engen Zusammenarbeit hat sich über die Jahre bestens bewährt.

Wer gehört noch zum Team Hase/Wolodin?

Marten Reich als Athletik- und Fitnesstrainer, die beiden Choreographen Paul Boll und Mark Pilley sowie der ehemalige Ballettänzer Sidnei Brandão aus Brasilien, der zwei- bis dreimal pro Woche aus Leipzig kommt und für die Feinheiten des Programms verantwortlich zeichnet – bis dahin, wie die beiden auf dem Eis den kleinen Finger bewegen sollen. Für die Präzision in den Schrittfolgen auf dem Eis unterstützt uns der frühere Eistänzer Joti Polizoakis sowie außerdem organisatorisch der ehemalige Paarläufer Rico Rex und Jessica Kuhnke von seiten des Eislaufverbandes DEU. Dann braucht es natürlich noch die Kostümbildnerin, die Physiotherapeutin vom Olympiastützpunkt, und wir arbeiten mit einer Sportpsychologin zusammen. Ein Team wie dieses ist auf diesem Niveau unverzichtbar.

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Was ist die besondere Stärke Ihres Weltmeisterduos?

Beide sind nicht ganz talentfrei, das ist schon mal eine wesentliche Grundvoraussetzung. Außerdem sind beide ausgesprochen fleißig, ehrgeizig und zielstrebig. Hinzu kommt, dass sie als Menschen ausgezeichnet miteinander harmonieren und so sehr wenig Unruhe entsteht. Falls ausnahmsweise doch einmal, dann ist der Konflikt sachlich begründet und zweckdienlich. Insgesamt ist das eine Supersymbiose, auch äußerlich – mit der femininen Minverva und Nikita, der hochaufgeschossen wirklich ein Kerl ist. Seine große Stärke besteht darin, seiner Partnerin auf dem Eis selbst bei schwierigsten Elementen immer ein gutes Gefühl zu geben. Diese Art von Ruhepol ist für die Läuferin sehr wichtig, weil sie zum Beispiel bei den Wurfelementen sportlich oft das größere Risiko trägt.

Als amtierende Weltmeister werden Ihre Schützlinge ab sofort die Gejagten sein. Wie gehen Sie mit der neuen Situation um?

So neu ist diese Situation gar nicht, denn sie waren im vorigen Jahr als Europameister in die olympische Saison gestartet und auch dort gewissermaßen schon Gejagte. Es gibt immer eine Art Wechselspiel im Kampf um die Medaillen, das mit dem WM-Titel nun auf einem höheren Level stattfinden wird. Wer in der Saison 2026/27 zur »Jagdgesellschaft« gehört, das wird sich im Laufe der kommenden Monate herauskristallisieren. Vor allem ist zu berücksichtigen, dass ein Beschluss der Internationalen Eislaufunion ISU ab sofort die Rückkehr russischer Athleten unter neutraler Flagge zulässt. Auch wenn vorläufig nur eine russische Läuferin, ein Läufer oder ein Paar pro Disziplin erlaubt sind, wird die sportliche Konkurrenz mit dieser Entscheidung garantiert größer.

Von außen macht es den Eindruck, als habe die Paarlaufsparte der DEU in den vergangenen Jahren ihre größten sportlichen Erfolge ausschließlich mit Hilfe bestens ausgebildeter ausländischer Athleten errungen, die einen deutschen Pass bekamen. Erinnert sei an die sechsmalige Weltmeisterin Aljona Savchenko aus der Ukraine, die mit Robin Szolkowy 2010 und 2014 Olympia-Bronze gewann und 2018 mit dem gebürtigen Franzosen Bruno Massot zu Olympia-Gold lief. Jetzt ist es ein eingebürgerter russischer Läufer, der als Erfolgsgarant gilt. Ist sportlicher Erfolg anders nicht möglich?

Diese Entwicklung skizziert keinesfalls einen deutschen Sonderweg, sondern eine Tendenz, die auf höchstem sportlichem Niveau vor allem im Paarlaufen international mittlerweile zur Normalität geworden ist. Für die absolute Weltklasse braucht es immer zwei Athleten, die entsprechende Voraussetzungen mitbringen müssen. Etwa, was die Ansprüche an die Einzelsprünge betrifft. Längst gibt es inzwischen internationale Plattformen oder eine Art Börse, wo Läuferinnen und Läufer, die im eigenen Land keine adäquaten Partner finden, sich anderweitig umsehen. In diesem Sommer habe ich zum Beispiel hautnah erlebt, wie ein Ungar und eine irische Läuferin zusammenfanden oder wie eine österreichisch-US-amerikanische Kombination funktioniert. Das Startrecht bei Welt- oder Europameisterschaften erlaubt das, doch für Olympische Spiele brauchen beide dieselbe Staatsbürgerschaft.

Für Annika Hocke und Robert Kunkel kein Problem. Die beiden Berliner, die 2023 EM-Bronze holten und bei den Winterspielen 2026 in Mailand Platz zehn belegen, trainierten zuletzt vier Jahre lang in Bergamo nahe Mailand. Jetzt kehrten sie in die Heimat an der Spree zurück und werden hier von Nolan Seegert betreut. Ist der Zugang für Ihre Schützlinge ein willkommener zusätzlicher sportlicher Anreiz oder eher unangenehme nationale Konkurrenz?

Dieser Wechsel bringt für den gesamten Standort nur Vorteile. Wir sehen darin den positiven Aspekt einer sportlichen Bereicherung, so dass wir hier nicht mehr im eigenen Saft schmoren. Das ist von Vorteil. Und außerdem ist ganz wichtig: Alle vier Athleten verstehen sich miteinander.

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Knut Schubert, geboren am 9. September 1958, feierte kürzlich sein 40jähriges Jubiläum als Eiskunstlauftrainer. Noch als Teenager debütierte der frühere Paarläufer gemeinsam mit seiner Schwester Katja 1974 bei EM und WM. Mit Birgit Lorenz gewann er 1983 und 1984 EM-Bronze und belegte bei den Olympischen Winterspielen 1984 in Sarajevo Platz fünf. Nach einem Studium an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig betreute er Anfang der 90er Jahre zunächst das Eistanzpaar Kati Lohse und René Winkler, das 2004 WM-Bronze gewann. 1998 holten seine Schützlinge Peggy Schwarz und Mirko Müller ebenfalls WM-Bronze. Schubert trainierte auch Annika Hocke und Ruben Blommaert, die Deutschland 2018 bei Olympia in Pyeongchang vertraten.

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.10.2026, Seite 16, Sport

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