- → Sport
Immer einen Zug voraus
Arminius Rolle boxt mit 16 Jahren um seinen ersten Profititel. Hinter der Titelchance steht ein Vater-Sohn-System, das auf Disziplin, Kontrolle und Vertrauen beruht
Zoff gibt es eigentlich immer – bei jedem Training. »Selbst wenn es keinen Anlass gibt, ihn zu kritisieren, kritisiere ich ihn, nur um ihn mental stärker zu machen«, sagt Robert Rolle süffisant und lehnt sich auf dem Stuhl zurück. Arminius blickt irritiert und schiebt die Kinnspitze leicht nach vorn. »Den Trick kennst du?« fragt der Autor. »Nee, es ist das erste Mal, dass ich das höre. Ich denk’ grad, ach so, Alter!« Der Senior lacht laut auf. Sein Gelächter fegt quer über die Tische im Konferenzraum der junge Welt-Redaktion.
Situationen schaffen, Konflikte provozieren, Reaktionen testen: So versucht Robert Rolle, seinen Sohn an seine Grenzen zu führen. Physisch wie psychisch. Denn Arminius steht vor einem Rekord. Mit 16 Jahren könnte er jüngster deutscher Titelträger im Profiboxen werden.
Am Sonnabend wartet auf das Vater-Sohn-Gespann die bisher größte Bewährungsprobe – bei der SES-Boxgala in Aschersleben, Sachsen-Anhalt. Der Youngster wird um die Internationale Deutsche Meisterschaft des Bundes Deutscher Berufsboxer im Superleichtgewicht (bis 63,5 Kilogramm) boxen.
Der Kampf bestimmt derzeit beinahe alles. Der Kalender des Teenagers lässt wenig Spielraum. Bleibt Zeit für Politik? Für Protest? Für Demonstrationen? Etwa für Schülerstreiks gegen Wehrpflicht und Kriegsdienst? Einige Mitschüler an seinem Gymnasium in Friedrichshain hätten tatsächlich gestreikt, erzählt er. »Warum warst du nicht dabei?« Arminius wippt mit dem Oberkörper – wie bei einer Meidbewegung: »Boah, das ist wirklich eine schwere Frage.«
Den Unterricht in seinen Leistungskursen wolle er nicht verpassen, erst recht nicht in der Klausurphase. Noch ein Jahr, dann Abitur. »Schule hat oberste Priorität«, betont er mit festem Blick und zupft dabei mit linkem Daumen und Zeigefinger den rechten Ärmel seines schwarzen Pullovers an den Handballen.
Gesellschaftlich engagiert ist Arminius dennoch: im Katastrophenschutz und in der Notfallrettung. Das sei eine Vorbereitung aufs Medizinstudium, sagt er. Sollte die Frage der Bundeswehr irgendwann konkret werden, würde er sich wohl für den Zivildienst entscheiden.
Entscheidungen, die Vater und Sohn gemeinsam austarieren. Robert Rolle ist zugleich Trainer und Manager seines Juniors. Er organisiert die Kämpfe, plant das Training, gibt den Takt vor. »Wir sind komplett flexibel«, sagt Arminius. Eine perfekte Familienkonstellation, finden beide. Bisher.
Vermisst er manchmal etwas? Die, die jetzt Spaß haben wollten, sollten ihn haben, sagt Arminius. »Was ich mache, zahlt sich in zehn, 15, 20 Jahren für mich richtig aus.« Robert Rolle prustet dazwischen. »Wir werden nach dem Kampf am 10. Oktober Spaß haben.« Arminius’ Mundwinkel ziehen sich ein wenig nach oben, er schmunzelt.
Das innige Vater-Sohn-System wird nicht für immer bestehen bleiben. »Bis wir an einem Punkt der Entwicklung sind, wo ich ihm nicht mehr weiterhelfen kann«, sagt Robert Rolle. Er nimmt sein schwarzes Baseballcap ab und legt es vor sich auf den Tisch. Dieser Punkt sei gar nicht mehr »super weit weg«. National könne alles so weitergehen. Auf internationaler Bühne dagegen brauche sein Sohn irgendwann andere Erfahrungen. »Ich bin auch dafür, dass Arminius dann neue Impulse kriegt.« Soweit ist es aber noch nicht. Noch sind beide aufeinander angewiesen.
Anderthalb Jahre Profi, sechs Fights, sechs Siege, fünf durch Knock-out. Nun folgt der erste Zehn-Runden-Kampf seiner Karriere. Zum ersten Mal geht es um einen Gürtel. Sein Gegner heißt Amijan Sepic. Viel Material über den 23jährigen Bosnier gibt es nicht. Nervös mache ihn das nicht. Er sei immer vorbereitet, sagt Arminius und richtet sich im Stuhl auf. Taktisch versiert, technisch variabel boxen, einen Matchplan intelligent verfolgen. Oder: Schach mit Fäusten. Das trifft es. Arminius war zweifacher Juniorenweltmeister im Schachboxen. Die Denkweise aus dem Brettspiel prägt seinen Stil bis heute. Im Ring geht es darum, gegnerische Aktionen vorauszusehen. Immer einen Zug schneller zu sein. Vielleicht erklärt das, warum Arminius schon früh als Ausnahmetalent galt. Doch er will nicht nur der kluge Spross sein. Er will gewinnen, erfolgreich sein. Auch deshalb boxt er um die Meisterschaft seiner Klasse.
Einen Nickname brauche er dafür nicht. »Den hat er längst«, sagt sein Vater. Arminius. Für Robert Rolle steckt in diesem Vornamen ein Programm: Mut, Zielstrebigkeit, Siegeswille. Der Sohn setzt einen weiteren Akzent. »Meine Coolness im Ring«, sagt er. Arminius stützt die Unterarme auf die Tischkante und verschränkt die Finger zu einem Dreieck. Die Stimme bleibt ruhig.
Klingeltöne schrillen dazwischen. Ein Reporter der Magdeburger Volksstimme ist in der Leitung. Routiniert schildert Arminius seinen Werdegang, beantwortet Nachfragen, gibt bereitwillig Auskunft. Ganz Jungprofi. Wären da nicht die müden Augen und das verkniffene Gähnen.
Hochleistungssport, Elitegymnasium, dazu der mediale Rummel um die Titelchance: Der Alltag des Teenagers ist durchgetaktet. Ein Stresstest. Fühlt er sich ab und zu überfordert? Ja, sagt er. Die Schule sei lernintensiv, der Stoff anspruchsvoll. »Ich frage mich manchmal, wie das alles zusammengehen soll: gute Zensuren, hartes Training, Topperformance im Ring.«
Der Zweifel blitzt nur kurz auf und verglüht sofort wieder: »Meine Utopie ist, Vollprofi im Berufsboxen zu werden.« Dem ordne er alles unter. »Kein Schlag kann härter sein als eine Niederlage.« Die Müdigkeit scheint in diesem Moment verschwunden. Robert Rolle schaut zu seinem Sohn hinüber und nickt.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
